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Kultur „Unser Song für Österreich“: Wen schickt Deutschland zum ESC 2015 nach Wien?
Nachrichten Kultur „Unser Song für Österreich“: Wen schickt Deutschland zum ESC 2015 nach Wien?
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23:06 04.03.2015
Von Imre Grimm
Ann Sophie, die die Wildcard zum Eurovision Songcontest Vorentscheid gewann. Quelle: dpa
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Hannover

Und nicht wenige im Publikum fragten, warum das Land heute überhaupt noch einen Vorentscheid braucht.  Deckel drauf, Ann Sophie nach Wien – und fertig. Konfetti. Aber die Spielregeln sind anders. Und so steht die Clubkonzertsiegerin am Donnerstagabend bei der ARD-Show „Unser Song für Österreich“ in der Tui-Arena in Hannover unter besonderer Beobachtung.

Kann sie das schaffen, was die Band Elaiza im vergangenen Jahr vormachte: als Neuling erst die Wildcard und dann auch gleich das Ticket für das Finale zu lösen? „Ich hab’ schon Eier“, sagte Ann Sophie gestern bei den Proben in der Tui-Arena. „Aber im Moment sind sie so groß wie Erbsen.“ Kommt denn der rote Hosenanzug wieder zum Einsatz? „Das hättet ihr gern, ne?“, sagt sie. „Wird nicht verraten.“

Das Clubkonzert ist als Sprungbrett für Neulinge gedacht, als Chance für einen absoluten No-Name-Act auf ein paar Minuten Ruhm zwischen den mittelgroßen Namen des Vorentscheids. Aber es bringt, wie sich zeigt, einen kaum zu überschätzenden Vorteil mit sich: Präsenz – oder wie die Fachwelt sagt: Airtime.

Die sieben Anderen haben es schwer, ein Momentum zu erzeugen, auf dessen Schwingen sie nach Österreich reisen. „Es gewinnt der, der die Leute emotional am meisten packt“, sagt Kandidatin Alexa Feser, Enkelin eines US-Jazzpianisten. „Das kann sogar von der Tagesform abhängen. Am Ende ist es ein großes Elfmeterschießen.“

4500 Zuschauer sitzen in der Halle, sie ist damit – der besonderen Bühnengestaltung wegen – gut voll. Die ganz großen Namen fehlen im Feld der acht Kandidaten. Jeder Künstler hat zwei Titel im Gepäck. Die stilistische Bandbreite ist groß. Aber der eine Song, der einem die Schuhe auszieht, ist nicht dabei.

Solider deutschsprachiger Pop kommt von Alexa Feser, etwas geknödelter, eher altmodischer Bluesrock vom frisurell herausgeforderten „The Voice“-Sieger Andreas Kümmert, der gestern grippekrank darniederlag, heute aber auftreten kann. Sphärisch-elektronischen New-Age- Bombast liefern die Berliner Produzenten Andreas John und Erik Macholl alias Fahrenhaidt, ebenfalls hoch gehandelt. Die anstrengend kostümierten, leicht verträumten Minnesänger der Mittelalterkapelle Faun sind in der Szene ein Knaller, außerhalb eher nicht so. Die erfrischende Frauencombo Laing – in Maßen bekannt seit ihrem Trude-Herr- Cover „Ich bin morgens immer müde“ – um Frontfrau Nicola Rost tritt mit einer Anatomie-Ode auf das menschliche Muskelsystem („Zeig Deine Muskeln“) sowie mit der inoffiziellen Hymne zur EU-Energiesparlampendebatte an („Wechselt die Beleuchtung“). „Wir geben körperlich alles“, versprechen sie. Von musikalisch war gestern keine Rede.

Klassischer Folkpop mit einem Schuss mädchenhaftem Wüstencountry kommt vom – privat und künstlerisch verbandelten – Duo Mrs. Greenbird alias Steffen Brückner und Sarah Nücken. Wir erinnern uns: The Common Linnets aus Holland wurden 2014 in Kopenhagen mit dem ruhigen Countrysong „Calm After The Storm“ völlig zu Recht Zweite, Texas Lightning für Deutschland 2006 mit „No, No Never“ dagegen nur Fünfzehnte.

Country ist riskant. Rave nach alter Väter Sitte liefert dagegen DJ Jewgeni „Jeff“ Grischbowski alias Noize Generation. Leider klingen beide Titel wie ein weißrussischer ESC-Beitrag von 1994. Grischbowski wohnt noch zu Hause unterm Dach und dröhnt seine Eltern im Coburger Dachkämmerchen mit Hammerbässen voll. „Aber die sind da tolerant.“ Zum 60. Mal geht in diesem Jahr das größte Musikspektakel der Welt über die Bühne.

Zum Jubiläum darf – einmalig – erstmals auch Australien teilnehmen, das seit Jahrzehnten eine bizarre ESC-Begeisterung pflegt. 23 Beiträge stehen europaweit bisher fest. ARD-Kommentator Peter Urban sieht „viele melancholischdüstere Damen, die allesamt Balladen singen. Ich bin etwas erschrocken.“ 40 Länder sind dabei, darunter die Rückkehrer Zypern, Tschechien und Serbien.

Zu den Besonderheiten gehört das Pärchen Michele Perniola und Anita Simoncini aus San Marino, zarte 15 und 16 Jahre alt, die Jüngsten, die beim ESC je antraten. Hoch gehandelt werden die drei jungen Tenöre von Il Volo aus Italien mit ihrem glutvollen Mix aus Kuschel und Klassik. Finnland tritt mit der national erfolgreichen Punkrockband Pertti Kurikan Nimipäivät an (zu Deutsch: Immer muss ich). Drei der Mitglieder haben das Downsyndrom, einer ist Autist.

Und Deutschland? New-Age-Ökopop, Soul oder Country wird gewinnen. Darauf einen Hugo Spritz.

Die ARD überträgt den ESC-Vorentscheid „Unser Song für Österreich“ aus Hannover heute ab 20.15 Uhr live. Moderatorin ist Barbara Schöneberger, Kommentator Peter Urban. Eine Jury gibt es nicht, das Publikum entscheidet. Jeder Künstler tritt mit zwei Songs an. Musikalische Gäste sind Stefanie Heinzmann, Mark Forster und Conchita Wurst.

Imre Grimm

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Da stand sie also in ihrem roten Hosenanzug mit dem Rücken zum Publikum. Sie wusste, dass das sexy aussieht, und sie genoss es. Gerade hatte Ann Sophie – 24 Jahre alt, in London geboren, in Hamburg aufgewachsen, in New York musikalisch ausgebildet – beim Clubkonzert Ende Februar in Hamburg die Wildcard für den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen.

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