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Untergang in Euphorie - Gigantische Show der Rap-Rocker Linkin Park in Leipzig

Untergang in Euphorie - Gigantische Show der Rap-Rocker Linkin Park in Leipzig

Im Vorfeld scheint kein Platz für Zweifel: Es gilt als sicher, dass die Massen auf Leipzigs Festwiese strömen, dass die Guano Apes als Top-Support einen Glanzpunkt setzen, und – leider – dass es satt und lange regnet beim Auftritt von Linkin Park.

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Linkin Park auf der Festwiese in Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Von allen guten wie schlechten Erwartungen hat sich am Samstag nur eine erfüllt: die eines gigantischen Konzerts der Kalifornier vor rund 20.000 Fans.

Wie eine kleine Spielfigur turnt Sandra Nasic über das Ungetüm namens Bühne und bejubelt das Ende von „acht scheißlangen Jahren“, in denen sich die zerstrittenen Guano Apes auf andere Projekte stürzten.

Jetzt rocken sie wiedervereint im Vorprogramm einer der erfolgreichsten Bands des vergangenen Jahrzehnts – und verlieren ihren Sound an den Wind, die Weite, an technische Ausfälle und an die Maßstäbe, die sie zuvor gesetzt haben: Das neue Album „Bel Air“ ist glatter, poppiger und verwechselbarer als die millionenfach verkauften Vorgänger.

Bei ihrem verblüffend kurzen 30-Minuten-Totschlag von Wartezeit ist eine Weile der Bass Stefan Udes nicht zu hören, später macht Dennis Poschwattas Snare-Drum schlapp. Eine gewisse Entnervung kann auch Gitarrist Henning Rümenapp mit humorigen Kommentaren nicht wegreden. Und die sichtlich aufgedrehte Sängerin ist noch nicht lange genug mit den Apes zurück, um es sich leisten zu können, den Kracher „Lords Of The Boards“ weitgehend mit dem Rücken zum Publikum zu röhren. Schade. Die Chance zur Wiedergutmachung bietet sich am 10. Oktober – dann sind die Göttinger Headliner im Haus Auensee.

Schon während der Besuche der anderen Bands Middle Class Rut, Anberlin und Dredg, die den 18. Juni zum Ein-Tages-Festival anschwellen lassen, wird deutlich: Weniger als die Hälfte der Festwiesen-Fläche, auf der schon über 60.000 Michael Jackson, Depeche Mode oder die Rolling Stones feierten, wird sich füllen.

Schließlich sind es etwa 20.000 Zuschauer. Das überrascht angesichts der Bedeutung von Linkin Park, die zu denen gehören, die der Rockmusik einen enorm wichtigen und zukunftsweisenden Impuls gaben: Die Kalifornier haben die Gitarrenlast in ein großes Kissen aus elektronischer Synthetik gelegt, sie kombinieren bruchlos und meisterhaft Rap und Rock, vereinen Hiphop- und Metal-Publikum, Kapuzenshirt- und Jeansjacken-Träger. Und so befeuern die Anhänger auch in Leipzig ihre Stars mit den jeweils typischen Gesten: Der Rocker formt die ausgestreckte Hand zum Teufelsgruß, daneben pumpt der Hiphopper mit geschlossener Handfläche die Luft nach unten.

Die Show der Crossover-Helden beginnt mit dem schwebenden Intro von „The Requiem“, führt videotechnisch weiter über die berühmte 1964er Rede von Bürgerrechtler Mario Savio, der den Mensch nicht als Produkt einer Maschine verstanden wissen will.

Dann bricht das große Glück über alle herein: Mike Shinoda rappt zu „Papercut“, Chester Bennington übernimmt den Refrain, brüllt sich bei „Given up“ die Seele aus dem Leib. Hier nimmt ein manchmal unwirkliches Szenario seinen faszinierenden Lauf. Denn natürlich ist es nicht allein die Verschränkung der Stile, die Linkin Park live zum Monument machen, es ist auch die Licht- und Sound-Inszenierung, die den Zufall ausschließt und doch nie den Song unter sich begräbt.

Jeder Bruch, jeder Rhythmuswechsel, jedes dramatische Element bekommt seinen visuellen Effekt – es blitzt und flackert aus den Scheinwerfern. Die enorme Bildfläche im Hintergrund produziert geometrische, zerfaserte, splittrige und diffuse Gebilde in Schwarzweiß; dunkle, apokalyptische Entsprechungen von Texten um innere Zerrissenheit und Ausschluss falscher Hoffnungen auf eine Rettung der Welt. Zu Zeilen also wie „God bless us everyone, we‘re a broken people living under loaded gun“ aus „The Catalyst“ – mit hypnotischem Scratch-Solo von DJ Joseph „Joe“ Hahn.

Das Publikum lässt sich willig in einen immer stärker werdenden Strudel aus elektronischem Rock reißen, in dem sogar die seichten Stücke des für viele enttäuschend schmusigen Albums „A Thousand Suns“ einen angenehmen Härtegrad kriegen – vor allem dank Gitarrist Brad Delson. Besonders umjubelte Songs sind aber ältere wie „Numb“, „Breaking The Habit“ oder „In The End“, nicht zuletzt das bombastische „New Divide“.

Nach rund 100 Minuten ist die Entführung in den zukunftstauglichsten Rocksound der Gegenwart zu Ende. Euphorisiert stellt man fest, dass Linkin Park die Erwartungen übertroffen haben – und der geschwärzte Wolkenhimmel entgegen aller Prognosen nicht getropft hat. Wäre wohl auch zuviel der Untergangsstimmung gewesen. Bis die tausend Sonnen um uns explodieren, gibt es hoffentlich noch einiges zu rocken. God bless us everyone.

Mark Daniel

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