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Untergangsfest: Abschied der Wärmehalle Süd mit Witz und Wehmut

Kulturkneipe Untergangsfest: Abschied der Wärmehalle Süd mit Witz und Wehmut

Wenn’s immer so voll wäre wie jetzt Samstagnacht, könnten die Betreiber der Wärmehalle Süd jede Miete der Welt bezahlen. War es aber in den vergangenen acht Jahren nicht, daher hat sich dieses Kleinod des Leipziger Kultur- und Nachtlebens aus der Kneipenlandschaft der Stadt verabschiedet – mit einem rauschenden Fest.

Adieu mit einer Art Hippieversion von Kiss: Doc Flipper in der letztmals rappelvollen Wärmehalle Süd.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Zum Glück ist bald Schluss mit diesem verflixten 2016. David Bowie, Prince, Leonard Cohen – tot. Und nun auch noch die Wärmehalle Süd zu. Diese subkulturelle Antwort auf „die kleine Kneipe in unserer Straße“. Etwas, das früher noch besungen wurde und heute an vielen Ecken der Welt wegen explodierender Mieten Hipsterbuden oder Kettenrestaurants weicht. Künftig trällert Udo Jürgens wohl: „die kleine systemgastronomische Einrichtung in unsere Straße.“ Ach nee, der ist ja auch schon tot.

Die Wärmehalle geht mit einer Party von dannen. Verdammt viele kommen nochmal vorbei an diesem Samstagabend. Ein Freund des bayerischen Fassbieres bekennt: „Das war so was wie mein zweites Wohnzimmer.“ Viel vom guten Hell kriegt er nicht mehr. Punkt 21 Uhr zapft Tresenfrau Rebecca das letzte Bier. Nun gut, das tschechische, mecklenburgische oder hiesige aus der Flasche tut’s im Zweifel auch.

Der Sänger einer Undergroundband (dieses Mal nur als Gast da) beteiligt sich eifrig an der witzigsten Alles-muss-raus-Aktion des Abends, der Schnaps-Lotterie. Die geht so: Statt des Kurzen wird ein Los gekauft. Es gibt keine Nieten, aber eben das Hochprozentige, das zufällig auf dem Zettel steht. Der Selbstversuch des Reporters bringt so etwas wie den Haupt­gewinn: eine der letzten Portionen Stolichnaya.

Am Kicker herrscht Stimmung wie im Stadion

21.30 Uhr: Die Band Doc Flipper spielt das letzte Konzert in der Wärmehalle mit Charme und Witz. Der Sänger widmet den Applaus des Publikums der Location, ansonsten verzichtet er auf Pathos. Das wäre auch etwas unpassend. Denn mit der Schminke und den Glitzerklamotten sehen die Doc Flippers aus wie eine bizarre Hippieversion von Kiss und klingen wie eine 60er-Beat-Band nach einer ausgedehnten Indienreise. Das macht Laune und kommt wie ein kompletter Gegenentwurf zu Betroffenheits-Geningel rüber.

Das ist ja auch keine Trauerfeier hier. Der DJ bleibt nach der Show bei coolen Beats. Von einem Laptop mit so einem angebissenen Obst ruft die Sprach­service-Liese flotte Sprüche durch die Boxen, etwa: „Viel zu lange hat die Wärmehalle viel zu vielen Leuten die Sinne vernebelt.“ Am Kicker in der Ecke herrscht Stimmung wie im Stadion.

Nur manchmal sagt einer Sätze wie der junge Mann, der hier gelegentlich Filme vorgeführt hat: „Das ist doch Scheiße, wenn das hier weg ist.“ Tatsächlich erschient die schiere Menge der Dinge, die hier seit 2008 gewachsen sind, unglaublich. Die Lesebühne Schkeuditzer Kreuz begeistert monatlich hunderte Fans – derzeit in der Moritzbastei. Andere Veranstaltungsreihen sind im Beyerhaus oder woanders gelandet. Manches ist auch längst Vergangenheit.

Bier-Nachschub von der Tanke

Zur Tschüss-Party platzt die Wärmehalle aus allen Nähten. „Wenn’s immer so voll wäre wie heute, könnten die jede Miete der Welt bezahlen“, scherzt ein Gast in den Notizblock des Reporters. Nein, so voll war’s nicht immer, denn die Wärmehalle leistete sich das Experiment und auch im Musikprogramm erlesene, manchmal abseitige Acts, oft Überraschendes.

Nadine erzählt ihre Wärmehalle-Geschichte. Sie gehörte schon ganz am Anfang zur Wärmehalle-Crew und erinnert sich zum Beispiel an die Sache mit dem Schauspieler, „wie hieß er gleich, ach ja, Christian Näthe“. Gerade hatte sie ihn noch im Film gesehen, „da schlägt er schon mit seiner Band hier auf“. Inzwischen arbeitet Nadine als Lehrerin. Viele der Wärmehalle-Macher nahmen über die Jahre „richtige Jobs nebenbei“ an. Deswegen klingen die Überlegungen, irgendwoanders weiterzumachen, ziemlich vage. „Wenn uns genau die richtige Location über den Weg läuft, dann würden wir schon überlegen“, verrät einer von der Mannschaft hinterm Tresen.

Dort geht’s kurz nach Mitternacht ziemlich wild zu. Exakt 0.08 Uhr bekommt eine junge Dame namens Lisa das letzte Flaschenbier. Kurzzeitig führt die Schnaps-Lotterie zu absurden Mixgetränken. Glücklicherweise findet sich hinter der Bar ein Fahrtüchtiger und mutiert zum Helden der Arbeit, indem er Bier-Nachschub an der Tanke holt. Nun kommt doch Wehmut auf. Dieser Mix aus hervorragendem Programm, guter Karte und Improvisation, wenn’s drauf ankommt, wird fehlen.

Jetzt ist also Feierabend, und nun kommt 2017. Da wird alles wieder gut. Und wenn nicht? Dann eben Weltuntergang. Hauptsache die Wärmehalle-Crew kommt für den Fall noch einmal zusammen und organisiert die Party dazu.

Von Uwe Schimunek

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