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Verbotene Briefe

Sachbuch Verbotene Briefe

Briefe aus der DDR, adressiert an den Radiosender BBC, abgefangen vom Ministerium für Staatssicherheit: Susanne Schädlich beschreibt in ihrem Buch „Briefe ohne Unterschrift“ ein vergessenes Radio-Kapitel aus der DDR. Einen der Fälle hat unser Autor selbst erlebt.

Briefe aus der DDR, adressiert an den Radiosender BBC, abgefangen vom Ministerium für Staatssicherheit.

Quelle: Knaus Verlag

Leipzig. Gekannt habe ich ihn nicht. Wer in die Abiturklasse ging, hat sich wenig um die 10. Klasse geschert. Begegnet bin ich ihm aber sicher – auf dem weitläufigen Pausenhof der Erweiterten Oberschule „Ernst Ludwig Jahn“ in Greifswald: Karl-Heinz Borchardt, der Briefe an die BBC schrieb. Gegen Moskauer Herrschaft, über Angst, die alle lähmt, über die ideologische Drillanstalt: „Wenn uns hier was helfen kann, so ist es die Gewalt.“ Die Briefe fing die Stasi ab – und suchte den Schreiber mit einem Aufwand, der an Irrsinn grenzt.

Erst mussten alle 500 Schüler der EOS, also auch ich, obwohl ich mich nicht mehr erinnern kann, im März 1969 eine Hausarbeit für einen Schriftvergleich schreiben. Dann, so lese ich in Susanne Schädlichs Buch „Briefe ohne Unterschrift“, kamen die Abiturarbeiten in die operative Stasi-Verlaufsakte. Also dann ja wohl auch meine. Wovon ich jetzt mit einiger Verblüffung Kenntnis genommen habe. Natürlich kannte ich den ideologisch beinharten Direktor Kliewe ebenso wie Chemielehrer Bade, die beide eine FDJ-Versammlung (Protokoll im Buch) der Klasse von Karl-Heinz Borchardt zum politischen Tribunal machten. Natürlich kann ich mich an die Hysterie erinnern, mit der im Herbst 1968 das 12. Schuljahr begann. Prag hatte für Unruhe gesorgt.

Susanne Schädlich

Susanne Schädlich: Briefe ohne Unterschrift. Wie eine BBC-Sendung die DDR herausforderte.Knaus;288 Seiten (10 farbige Abbildungen), 19,99 Euro

Quelle: Knaus Verlag

Karl-Heinz Borchardt wurde ermittelt, 1970 verhaftet und 1971 zu zwei Jahren verurteilt – wegen staatsfeindlicher Hetze. Dass er danach an der Volkshochschule das Abi nachholte, nach zwei Anläufen studierte, promovierte, dann an der Uni Greifswald bis 1990 kalt gestellt wurde, hat ihm die in Knast und einem Betrieb verlorenen Jahre nicht zurückgebracht.

Ein Schicksal, das eng mit jenen Briefen verbunden ist, die von 1949 bis 1974 immer freitags im deutschsprachigen Programm der BBC verlesen und kommentiert wurden. Susanne Schädlich, die mit „Immer wieder Dezember“ 2009 dem IM-Schaffen ihres Onkels nachgeforscht hatte, ist eingetaucht in die 233 Ordner im Archiv der BBC, hat den Journalisten hinter der Sendung (Austin Harrison, Peter Johnson, Treharne Jones) nachgespürt, in Stasi-Unterlagen gelesen und zeichnet nun so etwas wie ein Stimmungsbild aus der DDR nach.

Es wird – stilistisch meist holprig – viel geschimpft, über ideologische Enge, Mängel in Betrieb und LPG, schlechte Versorgung, politische Prahlerei jenseits der Realität, Bonzen-Scheinheiligkeit, alltägliche Sorgen, immer wieder tauchen Sehnsüchte nach grenzenlosem Reisen auf, auch Furcht, dass man die Eingeschlossenen in der DDR im Westen vergisst. Der Ungarn-Aufstand 1956, der Berliner Mauerbau 1961 („Die Wache steht mit dem Gesicht zu uns gewandt, uns bewacht sie!“), der sowjetische Einmarsch in die CSSR 1968 werden zu Ereignissen einer heftigen Verbitterung.

Leider fehlen Jahreszahlen

Geschrieben wurde anonym und an Deckadressen in Westberlin. Was die Stasi anstachelte, die Postbeobachtung stetig zu verschärfen. Mit welch irrwitziger Verbissenheit das betrieben wurde, dokumentiert ein Gutachten vom 19. Oktober 1966. Wozu auch gehört, dass an den Fersen von Austin Harrison (Stasi-Name „Werfer“), wenn er zur Messe nach Leipzig fuhr, die Beobachter des MfS klebten.

Ein Werkleiter aus Löbau, den er zufällig kennengelernt hatte, wurde bald zielgerichtet eingesetzt. Aus Berlin berichteten dann nicht nur der Journalist Rudolf Harnisch, den die BBC-Leute für vertrauenwürdig hielten, an die Stasi, sondern auch Susanne Schädlichs Onkel oder der namhafte Drehbuchautor Hans-Albert Pederzani („Einer von uns“ über den von Nazis ermordeten Ringer Werner Seelenbinder, „Fleur Lafontaine“, „Die Fahne von Kriwoi Rog“„Das Lied vom Trompeter“).

Leider gibt es nicht immer Jahreszahlen zu den Briefen, so dass es einigermaßen schwer ist, sie zeitlich einzuordnen. Da schreibt etwa ein 16-Jähriger, dass in der DDR „der Sozialismus nach der Art Stalins aufgebaut“ wird – und protestiert dagegen, indem er den Geburtstag Adolf Hitlers feiert. Eine Selbstentlarvung, aber aus welchem Jahr kommt sie? Wenn sich Briefeschreiber für die DDR einsetzen, die Austin Harrison auch verliest, gibt es als Antwort einen Schwall zorniger Gegenbriefe.

Zur Lüge erzogen

Am 16. April 1970 klagt eine 16-Jährige: „Wir werden ja zur Lüge erzogen. Manchmal kann ich Wahrheit und Lüge nicht mehr unterscheiden.“ Im März 1969 entlarvt sich die Stasi, bei der Observierung von BBC-Mann Harrison, als rassistischer Verein: „Im Hotel begrüßte Werfer zwei männliche Personen (Neger) durch Handschlag. Die zwei männlichen Personen werden im weiteren Bericht Bimbo und Jumbo genannt.“ Das wurde zu einer Zeit verfasst, da die DDR sich gerade um afrikanische Staaten bemühte.

Autorin Susanne Schädlich

Autorin Susanne Schädlich.

Quelle: dpa

Bisweilen schwelgt Susanne Schädlich bei ihren Recherchen in allzu bemühten Vergleichen (Miss Marple) oder verkompliziert Vorgänge in einer etwas zu ambitionierten Sprache (auch beim Finden der Spuren von Austin Harrison, eines hoch interessanten Mannes, nach 1974). Trotzdem liest man diesen literarischen Dokumentarbericht mit einiger Spannung, weil er ungefiltert Empfindungen, Erlebnisse und Hoffnungen eines Teils der ganz normalen DDR-Bürger spiegelt – und eine Entfremdung gegenüber dem Staat und seiner Führung, die nur zeitweise eingedämmt werden konnte. Karl-Heinz Borchardt blieb allerdings nicht der Einzige, der für BBC-Briefe im Gefängnis landete.

Susanne Schädlich: Briefe ohne Unterschrift. Wie eine BBC-Sendung die DDR herausforderte.Knaus;288 Seiten (10 farbige Abbildungen), 19,99 Eu ro

Von Norbert Wehrstedt

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