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Kultur Verdammt gut: Matthias Foremny dirigiert Mendelssohn, Walton, Schostakowitsch
Nachrichten Kultur Verdammt gut: Matthias Foremny dirigiert Mendelssohn, Walton, Schostakowitsch
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12:55 04.11.2015
Neasa Ní Bhriain an der Solobratsche, Matthias Foremny am Pult des Hochschul-Orchesters. Quelle: Kempner
Leipzig

Sie hat ihn, diesen großen, lodernden, blühenden, atmenden Masurenko-Ton: Neasa Ní Bhriain aus Irland, die derzeit als Substitutin im Gewandhausorchester arbeitet und sich bei Tatjana Masurenko, der letzten pädagogischen Bratschen-Instanz an Leipzigs Hochschule für Musik und Theater den allerletzten Schliff holt. Nun steht sie da am Dienstagabend auf der großen Bühne des Gewandhauses, flutet den Saal mit der samtenen Pracht ihrer Bratsche – und zeigt doch einen ganz anderen Charakter als die fabelhafte Russin: Neasa Ní Bhriain geht alles Exaltierte ab. Ganz ähnlich mag es ausgesehen haben, als der auch eher nach innen glühende Paul Hindemith 1929 das Bratschenkonzert William Waltons (1902–1983) aus der Taufe hob.

Gewiss, der quirlende Mittelsatz könnte ein wenig mehr Schalk und Drama vertragen auf Seiten der Solistin. Aber die hellwache Übersicht Bhriains und die Könnerschaft, mit der sie ihre Stimme ins komplex gewirkte Orchester flicht, lassen doch wenig vermissen. Die sinnliche Sorgfalt, die kluge Schönheit, mit der sie die Außensätze angeht, zeigen eine berückende Reife in der Gestaltung – und die gänzlich uneitle Musizierhaltung verhilft nicht nur Waltons Werk zu enormer Wirkungsmacht, sondern auch dem herrlichen, oft geschmähten Solo-Instrument.

Gänzlich uneitel ist auch die Musizierhaltung des überdies ausführlich moderierenden Mathias Foremny. Der Leipziger Dirigier-Professor und Erste ständige Opern-Gast stellt seine wasserdichte Schlagtechnik ganz in den Dienst der Musik und seines studentischen Orchesters. Das hat in dem Jahr, seit er es übernahm, zu bemerkenswerter Qualität gefunden. Waltons Konzert ist komplex, kraftvoll, verspielt, herb. Und selten nur sind all die feinen Verästelungen, die Augenzwinkereien und Gelehrsamkeiten so klar ausdifferenziert zu hören – und doch so lebendig. Kurzum: Das alles ist verdammt gut.

Dieser Befund gilt uneingeschränkt auch für Dmitri Schostakowitschs seltsam antipathetische Anti-Neunte. Schostakowitsch zeigt hier Stalins Fratze hinter dem Siegestaumel am Ende des Zweiten Weltkriegs. Böse ist der Humor dieser Karikatur einer Symphonie – und musikalisch nur schwer hörbar zu machen. Was hier, im altväterlichen Kopfsatz, im entrückten Moderato, dem gespenstischen Rausch des Presto, der vergifteten Weihe des Largo, dem an der Oberfläche so plumpen Allegretto-Finale, alle Beteiligten abliefern, muss keinen Vergleich scheuen. Das Holz ist von unantastbarer Güte, solistisch (Klarinette, Fagott, Flöte ...) wie im Satz. Bei Streichern und im Blech sieht es kaum anders aus. Und aus all diesen Herrlichkeiten, aus denen Schostakowitsch seinen vielgliedrigen Haydn-Zopf flocht, erschafft Foremny einen in seiner Kompaktheit verblüffend organischen symphonischen Kosmos.

Der ist um so bemerkenswerter, als sein Orchester zu Beginn, in Mendelssohns Konzertouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt,“ zwar ebenso gut, aber völlig anders geklungen hat. Hier der pure, warme Wohlklang. Wenig Vibrato, viel Ausdruck, wenig Pathos, viel Schönheit, kein Getue, erhebliche Wonne. Und über alles gesehen: Wenig Publikum gewaltiger Jubel.

Von Peter Korfmacher

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