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Vergebliche Suche nach Vollkommenheit - Gewandhausorchester spielt Haydn

Vergebliche Suche nach Vollkommenheit - Gewandhausorchester spielt Haydn

1809 wurde Felix Mendelssohn Bartholdy geboren, starb Joseph Haydn. Man mag dies als Zufall abtun. Doch ist es ein beredter. Denn Mendelssohn eroberte seine Romantik mit dieser Klassik im Rücken.

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Das Gewandhausorchester (Archivbild).

Quelle: André Kempner

Leipzig. Eher jedenfalls als mit der genialischen Beethovens. Und weil Haydns Sinfonik im Gewandhaus viel zu selten vorkommt, ist die Freude um so größer, dass die Großen Concerte dieser Woche damit beginnen.

Mit Haydns letzter, der 104. Sinfonie. Eine halbe Stunde auf der Suche nach Vollkommenheit, vibrierend vor Schalk, überschäumend vor Spielwitz, leuchtend vor Eleganz.

Am Pult nimmt sich Marc Minkowski dieses Meisterwerks an. Der hat seine Wurzeln in der Alten Musik und ruft auch im Gewandhaus den hellen, leicht angeschärften, lebendigen Ton ab, den das Orchester mittlerweile so sicher beherrscht. Ernst, doch keine Spur zopfig klingt das in der Einleitung, fein ausbalanciert im Allegro con fuoco, federleicht im Trio des Menuetts, so delikat wie ungestüm im gleichwohl etwas gehetzten Finale.

Das alles käme der Vollkommenheit Haydns schon recht nahe, wäre das Zusammenspiel noch besser. Das hörte man nicht, wäre der Klang nicht so transparent und luftig. Aber so hört man es eben - und weiß dabei, dass das Gewandhausorchester es noch weitaus besser könnte.

Was auch für den Rest des Programms gilt. Für Mendelssohns Violinkonzert etwa. Minkowski holt auch hier die Klangfarben in der Klassik ab, fasst Romantik nicht als dumpfe Wallung auf, sondern als Kostbarkeit der Empfindung. Für berückende Momente ist diese Musizierhaltung gut, und sie bereitet Sergey Khachatryan den Boden für den silbrigen Gesang seiner Guarneri, für filigrane Linien, beherrschte Virtuosität. Doch bleiben er und Minkowski an der Oberfläche. Was sich am deutlichsten im Finale zeigt. "Allegro molto vivace" nimmt Minkowski sportlich. Doch das Tempo mündet im Verein mit seiner untauglich ausladenden Zeichengebung in Unruhe. Immerhin zeigt Khachatryan in der Sarabande aus Bachs d-moll-Partita, dass er Ruhe mit Spannung aufladen kann.

Auch die Reformations-Sinfonie am Ende des Programms verharrt bei aller zeitweiligen Herrlichkeit allzu sehr im Pauschalen. Schön klingen die Streicher um Konzertmeister Frank-Michael Erben, fein das Holz um Anna Garzuly-Walgrens Solo-Flöte. Aber die Vollkommenheit, nach der auch Mendelssohn suchte, sie bleibt allenfalls behauptet. Weil Minkowski nicht recht klarmacht, wo er hin will mit dieser Sinfonie. Vielleicht stehen ihm hier schlagtechnische Defizite im Weg - vielleicht hat er die Probenzeit nicht zu nutzen verstanden. Wahrscheinlich beides.

Wirklich schlecht ist das natürlich nicht. Aber wir hatten das an gleicher Stelle in den letzten Jahren auch schon deutlich besser.

Die Reformationssinfonie steht auch heute, ab 19 Uhr, im Festkonzert zur Vergabe der Mendelssohn-Preise auf dem Programm. Dazu Berlioz' "Nuits d'été". Restkarten: Abendkasse.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.09.2014

Korfmacher, Peter

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