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Kultur Verschollenes Lessing-Porträt bei Ebay ersteigert
Nachrichten Kultur Verschollenes Lessing-Porträt bei Ebay ersteigert
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09:54 13.12.2016
Lessing, 1760 gemalt von Johann Eberhard Ihle.  Quelle: Jan Großmann
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Kamenz

 Der Dichter ließ sich nicht gerne malen. „Sehe ich denn so verteufelt freundlich aus?“, soll Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) den Porträtmaler Anton Graff gefragt haben. Nun ist ein verschollen geglaubtes Bildnis des Dichters der Aufklärung aufgetaucht. Freundlich blickt er auch auf diesem drein. Dass es am Mittwoch um 19 Uhr in Kamenz zusammen mit weiteren Neuerwerbungen präsentiert werden kann, ist einer Reihe von Zufällen zu verdanken – und dem schnellen Reagieren von Birka Siwczyk, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsstelle für Lessing-Rezeption in Kamenz.

Unter dem Titel „Doch wer ihn kennt, erkennt ihn im Bilde“ hatte sie eine Ausstellung mit zu Lebzeiten entstandenen Lessingporträts erarbeitet, die im Herbst 2010 im Gleimhaus in Halberstadt eröffnet wurde. Unter den gezeigten Bildern befand sich auch die Schwarzweiß-Abbildung eines Gemäldes. „Es gab dazu nur die Information, dass das Original 1929 in Berlin versteigert wurde und seitdem verschollen war. Mehr war nicht herauszubekommen.“

Im vergangenen Jahr bekam die Leiterin des Lessing-Museums in Kamenz eine E-Mail, die sie auch an Siwczyk weiterleitete. Darin schrieb ein Lessingfreund, dass er bei einer Internet-Auktion auf ein Bildnis gestoßen sei. Obwohl er nicht denke, dass man sich dafür sonderlich interessiere, wie er meinte, schickte er den Link. „Das kann ja wohl nicht wahr sein“, dachte Birka Siwczyk, als sie ihn anklickte.

Es ist das Gemälde, von dem sie bislang nur das Foto des Ullstein-Bilderdienstes kannte. Beim französischen Ebay wird ein verschollen geglaubtes Porträt eines der berühmtesten deutschen Schriftsteller von einem Antiquitätenhändler angeboten. Besonders alarmiert sie aber die „Sofort kaufen“-Option und der Umstand, dass es bereits zwei Beobachter der Auktion gibt. „Wir haben in kürzester Zeit die Geldgeber kontaktiert und das Bild innerhalb von einem halben Tag ersteigert“, erzählt Siwczyk, die die Kaufsumme nicht nennen will. Vergleichsweise günstig sei die Anschaffung mit Mitteln von Bund, Land und der Stadt Kamenz gewesen.

Das Gemälde kommt in einer Lancôme-Verpackung

Wer etwas vertraut ist mit dem Aufwand, der üblicherweise bei Kunsttransporten betrieben wird, dem dürften bei diesem die Haare zu Berge stehen. Das Gemälde kommt in einer Lancôme-Verpackung. „Die haben das da irgendwie reingesteckt, und dann ab nach Deutschland. Die waren tiefenentspannt.“ Das Bild ist restaurierungsbedürftig, dick mit Firnis überzogen, zur Sicherung muss es erst einmal zu einem Restaurator. Siwczyk; „Es gibt links oben eine Aufschrift ,Gotthold Ephraim’. Ob irgendwo ein ,Lessing’ unterm Firnis versteckt ist, wissen wir noch nicht. Viel spricht dafür, dass das Porträt ein Auftragswerk war, denn dieses Gemälde ist relativ groß.“ Entstanden ist es 1760, in einer Zeit also, aus der es kaum Darstellungen von Lessing gibt. Umso wertvoller ist das Bild, das ihn im Alter von etwa 30 Jahren zeigt, für das Lessing-Museum in Kamenz, der Geburtsstadt des Dichters.

Gemalt hat es Johann Eberhard Ihle (1727-1814), der aus einer württembergischen Malerfamilie stammte und in den 1750er und 1760er Jahren einer der gefragtesten Porträtisten im Nürnberger Raum war. Ratsherrn, Apotheker, Professoren und Dichter hielt er auf der Leinwand fest. Das Stadtgeschichtliche Museum in Leipzig etwa besitzt von ihm ein Porträt des Dichters und Komponisten Justus Friedrich Wilhelm Zachariae. Von 1771 bis 1811 leitete Ihle die Nürnberger Malerakademie.

Viele Fragen offen

Die Herkunftsgeschichte des wiedergefundenen Bildes allerdings enthält zur Zeit mehr Lücken als gesicherte Kenntnisse. Der französische Verkäufer konnte keine Angaben zur Provenienz machen, er hatte es von einem anderen Antiquitätenhändler erworben, der selbst auch nichts über die Hintergründe wusste. Obwohl sich eine recht hohe Zahl an Ihle-Bildern in öffentlichen Sammlungen befindet, gebe es noch kein Werkverzeichnis dieses Malers, habe sich noch niemand intensiv mit ihm befasst, erklärt Birka Siwczyk.

Auch für den Entstehungshintergrund gebe es noch keine Informationen. 1760 war Lessing in Berlin und dann in Breslau. Wann und wo Ihle ihn besuchte, ist unklar. Herausgefunden hat Siwczyk aber, dass das Bildnis bereits 1919 im Auktionskatalog von Karl Ernst Henrici in Berlin mit Abbildung und Beschreibung auftaucht. Nicht nur 1929 wird es im Internationalen Kunst- und Auktionshaus Berlin zur Versteigerung angeboten, sondern auch 1931, 1932 und 1933.

Ob das Bild Lessing selbst gefallen hätte, ist nicht sehr wahrscheinlich: Einen Kupferstich von Johann David Schleuen kanzelte er per Epigramm ab: „Mich mahlte Simon Klecks so schön, so meisterlich / dass aller Welt, so gut als mir, das Bildnis glich.“

Bildvorstellung am 27. Januar, 19 Uhr im Röhrmeisterhaus in Kamenz. Präsentiert werden außerdem die neuerworbenen Porträts von Lessings Eltern Johann Gottfried (1693–1770) und Justina Salome Lessing (1703–1777), gemalt von einem Nachfahren, Heinrich Lessing (1856–1930). Vorgestellt wird auch ein Künstlerbuch der Hallenser Grafikerin Claudia Berg

Von Jürgen Kleindienst

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