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Vinyl war nie wirklich weg - und erlebt in Leipzig doch eine Renaissance

Vinyl war nie wirklich weg - und erlebt in Leipzig doch eine Renaissance

Obwohl oft als Relikt von anno dazumal verschrien, kreist sie noch auf dem Teller: die Schallplatte. Für die erste Jahreshälfte wird dem meist tiefschwarzen Tonträger vom Bundesverband Musikindustrie (BVMI) ein Umsatzplus von fast 40 Prozent bescheinigt.

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„Gerade die Nachfrage nach Klassikern ist groß", sagt Ralph Wünschiers von Whispers Records an der Karl-Liebknecht-Straße in Leipzig.

Quelle: Christian Nitsche

Leipzig. Auch in Leipzig verkauft sich Vinyl konsequent – nicht nur an betagte Sammler. Ein Streifzug durch die Plattenläden zeigt: Die Scheibenwelt dreht sich auch für junge Abnehmer immer weiter.

Von wegen Retro-Trend. Vinyl ist nie so richtig vom Tonträger-Markt verschwunden. Ralph Wünschiers beobachtet das seit 22 Jahren. „Gerade die Nachfrage nach Klassikern ist groß", sagt der Inhaber von Whispers Records an der Karl-Liebknecht-Straße. „Ich bekomme viel weniger geliefert, als ich verkaufen kann", nimmt Wünschiers den Faden auf, während er die 1979 erschienene „Highway to Hell"-Platte der australischen Hardrock-Band AC/DC hervorzieht. „Das ist das letzte Original-Album mit Bon Scott", sinniert Wünschiers. Neben Klassikern wie AC/DC oder Pink Floyd gehen auch Funk- und Soul-Scheiben regelmäßig über den Ladentisch. „Da war noch nie eine Lücke", bestätigt Wünschiers.

Vor Kurzem hat er zudem eine ansehnliche Sammlung Deutsch-Hiphop-Platten angelegt. „Wenn man das richtige Material hat, läuft das", meint der Whispers-Chef. Richtig sind in diesem Fall Veröffentlichungen von vor der Jahrtausendwende. Dabei ging der Vinyl-Verkauf gerade in den Neunzigerjahren auf Talfahrt.

Seit 2000 bis heute lassen Künstler ihre Musik jedoch zunehmend wieder auf Platte pressen. Zwar gilt das Vinyl-Segment als Nischenmarkt. Laut BVMI standen in Deutschland im vergangenen Jahr etwa 700 000 verkaufte Schallplatten rund 97 Millionen CD-Alben gegenüber. Diese Bilanz ist allerdings respektabel, zumal das Angebot, Musik jeglicher Genres über das Internet beziehen zu können, den physischen Tonträgern seit Jahren den Absatz verhagelt. Die Industrie wisse daher um die Bedeutung der Platte als Kultobjekt und lege vieles neu auf, sagt Ralph Wünschiers. Bei Whispers macht sich das bemerkbar.

Mehr Umsatz mit Vinyl als mit CDs

 

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„Wir haben festgestellt, dass die Labels immer mehr Vinyl rausbringen", sagt Rory Kietz, dessen Musikhaus am Peterssteinweg liegt.

Quelle: Christian Nitsche

Lange Zeit hätten sich Schallplatten und CDs bei den Verkäufen die Waage gehalten. „Jetzt ist es wirklich so, dass ich mehr Umsatz mit Vinyl mache", erzählt Wünschiers, „aber das hängt auch damit zusammen, dass sich der CD-Preis halbiert hat." Ähnlich läuft das Geschäft im Musikhaus Kietz am Peterssteinweg.

„Wir haben festgestellt, dass die Labels immer mehr Vinyl rausbringen", sagt Rory Kietz. „Am Anfang lief das noch schleppend, aber zur Zeit ist es wegen der Download-Geschichte ein absolutes Muss", fährt der Inhaber des Musikhauses fort und deutet mit dem Daumen in das Regal hinter der Ladentheke. Dort steht das aktuelle, englischsprachige Album von Herbert Grönemeyer. Im Vinyl-Format.

Zwar will Kietz nicht ausschließen, dass der Trend zur Schallplatte auch wieder kippen könnte. Mittlerweile verkauft er aber ebenso wie Whispers Records mehr Vinyl. „Die CDs, die wir vor zehn Jahren angekauft haben, stehen jetzt hinten in der Ein-Euro-Kiste", so Kietz, „das passiert mit Vinyl nicht". Selbst wenn vor dem Laden kistenweise alte Klassik- und Schlagerplatten aus zweiter Hand zu Schleuderpreisen oder zum Verschenken stehen, oder auch als Wanddekoration für Innenleben des Musikhauses herhalten. Wer sich wirklich für einen Künstler interessiere, der kaufe Vinyl, ist sich Rory Kietz sicher.

Mehr Musikgenuss

 

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Der lebende Beweis dafür, dass Vinyl nicht ausstirbt, ist Philipp Weißbach.

Quelle: Christian Nitsche

"Zu uns kommen viele ältere Sammler, die Klassiker wie die Beatles oder die Rolling Stones kaufen", beschreibt Kietz, „aber genauso junge Leute, die exakt wissen, wann welche Neuveröffentlichungen erscheinen." Er glaubt nicht, dass Menschen einen Bezug zu Vinyl entwickeln, wenn es schon im Elternhaus keine Platte gegeben habe. Kietz liegt damit nicht daneben. Der lebende Beweis dafür, dass Vinyl nicht ausstirbt, ist Philipp Weißbach.

Der 27-Jährige legt selbst Hiphop auf, einmal pro Monat auch in einem Leipziger Club – und das generell mit Vinyl. „Mein Großvater besaß Tausende Platten und auch mein Onkel hat gesammelt", erzählt Weißbach zwischen den Regalen im Musikhaus Kietz. Im Alter von 14 Jahren habe er sich bewusst seine erste Platte gekauft. „Für gute Musik gebe ich gerne Geld aus und so einen Tonträger", sagt Weißbach, während er ein Stück schwarzes Plastik in der Hand wiegt, „habe ich ein Leben lang."

Obwohl sich die Praxis des Musikauflegens in den vergangenen zwei Jahrzehnten komplett geändert hat, ein DJ heute mehr mit dem Laptop arbeitet, „nimmt der Genuss des Musikhörens in Form einer Schallplatte wieder zu", ist sich Daniel Lässig sicher. Nur ein paar Schritte vom Musikhaus Kietz entfernt, betreibt der 40-Jährige den Plattenladen Phono Centrum.

„Seit zehn Jahren wird der Platte eine kleine Renaissance nachgesagt", meint Lässig, „das macht auch Sinn." Nicht nur, weil Generationen nachwachsen, die ebenso wie die älteren Semester in seinen Laden pilgern, und sich für Klassik und Jazz auf Vinyl interessieren. Vielmehr geht es um Liebhaberei. „Bei einer MP3 hast du nur eine Datei auf deinem Rechner", sagt Lässig, „aber eine Platte hast du in der Hand wie einen Bildband." Haptisches, visuelles und auditives Vergnügen eben.

Felix Kretz

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