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Kultur Vom Glück der Tonwiederholung: Großes Concert mit Herbert Blomstedt
Nachrichten Kultur Vom Glück der Tonwiederholung: Großes Concert mit Herbert Blomstedt
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14:20 27.06.2014
Heiter und altersweise: Herbert Blomstedt dirigiert sein Gewandhausorchester. Quelle: Gert Mothes
Leipzig

Den anderen waren seine Altersklänge noch immer zu sperrig. Beide Positionen sind gut nachhörbar in den Großen Concerten dieser Woche, an deren Anfang Herbert Blomstedt, Ehrendirigent des Gewandhausorchesters, Hindemiths 1962 entstandenes Konzert für Orgel und Orchester stellte.

Ein wunderbares Stück Musik, in dem sich über drei Sätze die Mechanismen musikalischer Verarbeitung und Entwicklung zunächst gleichsam autonom im Rahmen von Hindemiths Privat-Tonalität entfalten, um im Finale in den Dienst einer Phantasie über dem Pfingst-Hymnus Veni Creator spiritus zu treten: Handwerk transzendiert ich als Schöpfergeist.

So rückwärtsgewandt dieser Zugriff auf Gregorianisches, auf den klassischen Formenkanon auf den ersten Blick scheinen mag, so unerhört ist das, was Hindemith im Detail damit anfängt. Allein: Wie das Gewandhausorchester im Kopfsatz seine Klang-Palette auffächert, wie in den Mittelsätzen betörend fremde Farben sich mischen, Posaune und Pauke verschmelzen zu Klängen von brüchiger Zartheit, die Soloflöte mit Flatterzunge am Horizont entlang irrlichtert - bisweilen ahnt man es eher, als dass man es wirklich hörte. Denn Gewandhausorganist Michael Schönheit hat sein Rieseninstrument doch recht robust durchregistriert, eher auf den satten vollen Mischklang setzend als auf die Sinnlichkeit des Unerhörten. Und so kommt der dringend angebrachte Appell des Orgel- und Hindemith-Botschafters Herbert Blomstedt für dieses wundersame Werk nur verhalten an beim Publikum, das nach einer knappen halben Stunde erleichtert bis freundlich applaudiert.

Wie anders ist das nach der zweiten Halbzeit: Begeisterung Zuneigung, Wärme brausen dem Ehrendirigenten entgegen, der, zum wiederholten Male, mit Schuberts sinfonischem Schwanengesang, seiner "Großen" C-Dur-Sinfonie und dem Orchester, das diesen Solitär des Genres 1839 auf Anraten Mendelssohns posthum aus der Taufe hob, die Sterne vom Himmel dirigiert hat.

Sie entstand in enger zeitlicher Nachbarschaft zu Beethovens Neunter, die Schubert natürlich kannte, schätzte - und fürchtete. Umso überraschender ist das Selbstbewusstsein, mit dem der Hilfslehrer aus der Vorstadt hier dem Titanen aus Bonn auf Augenhöhe begegnet. Mit einer knappen Stunde Sinfonik aus dem Geist des Liedes, die sich zum Teil ähnlicher Mittel bedient - und doch zu ganz anderen Lösungen kommt.

Nichts ist da gesucht oder gewollt

Wie im "Andante von moto", das, dem langsamen Satz der Neunten ähnelnd, zwei Variationen-Komplexe ineinander montiert. Blomstedt lässt sie beseelt ausmusizieren, lässt das nur auf den erste Blick unbeschwert tänzelnde Thema, das sich da mit jeder der vielen Wiederholungen weiter auffächert, singen. Derweil es immer komplizierter umrankt wird in einem kristallin durchbrochenen Satz, in dem Schubert die Rhythmen zu einer Schönheit aus Logik schöpfenden Architektur schichtet. Blomstedt weiß, was er von seinem Orchester erwarten kann: alles. Sparsam schlägt er in großen Einheiten, bisweilen streichelt er ein oft überspieltes Detail in den Vordergrund, leuchtet er Winkel aus, in denen neue Entwicklungen ihren Anfang nehmen. Nichts ist da gesucht oder gewollt. Beinahe scheint es, als erschaffe die Musik sich im Moment des Erklingens ganz von alleine.

Von Anfang an spielen Tonwiederholungen eine wichtige Rolle in diesem Satz: Als Trauermarsch-Reflex unterlegen sie die liedhaften Wonnen mit bedrohlichen Schatten. In den Nebenstimmen erhalten sie immer mehr Gewicht. Schon den Kopfsatz haben sie mit Energie aufgeladen. Im Scherzo markieren sie die Grenzen zwischen den Formteilen. Im gewaltigen Finale schließlich entladen sie sich.

Schlichter als dieses Thema, das viermal einen Akkord anstößt, der sich in Bewegung auflöst, kann ein Thema kaum sein. Unter anderen Komponisten-Händen könnte es banal sein. Und selbst das, was Schubert daraus machte, lässt bei anderen Interpreten allzu oft das Himmlische vermissen, das Robert Schumann in den Längen dieser langen Sinfonie fand.

Bei Blomstedt und dem Gewandhausorchester indes kann von Längen keine Rede sein, ist der Blick in den Himmel ungetrübt. Diese gut 1500 Takte (Blomstedt lässt natürlich alle Wiederholungen spielen) verdichten das Pochen zu purer Energie. Auch diese Apotheose der Tonwiederholung ist, so ausgelassen musiziert und doch so ernsthaft, verblüffend nah bei Beethoven. Näher jedenfalls als das Schulwissen um Schuberts sinfonischem Sonderweg glauben macht.

Frisch klingt Blomstedts altersweiser Schubert, der Welt zugewandt, am Ende im Taumel strahlenden C-Durs beinahe heiter - und dabei nie auch nur ein bisschen harmlos. Das Publikum reißt es nach dem verebbenden Schlussakkord von den Sitzen. Blomstedt, der in zwei Wochen seinen 87. Geburtstag feiert, läuft strahlend und tänzelnd wie in Schuljunge immer wieder tief zwischen die Reihen seines Orchester, schüttelt Hände, klopft auf Schultern, reicht die Begeisterung weiter an die sensationellen Bläser, die grandiosen Streicher um Konzertmeister Sebastian Breuninger. Die Botschaft ist eindeutig: Diesen Dirigenten macht es glücklich, mit diesem Orchester diese Musik zu machen. Und dieses Glück überträgt sich auf alle, die diese Sternstunde miterleben dürfen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.06.2014

Korfmacher, Peter

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