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00:21 25.09.2017
Andreas Buschatz, neuer Erster Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters. Quelle: gh
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Leipzig

Das Gewandhausorchester hat einen neuen Ersten Konzertmeister: Andreas Buschatz heißt er, von den Berliner Philharmonikern kommt er, und in den Großen Concerten dieser Woche stellt er sich an der Seite seines Kollegen Sebastian Breuninger dem Leipziger Publikum vor. Als Solist in Alfred Schnittkes (1934–1998) Concerto grosso für zwei Violinen, Cembalo, präpariertes Klavier und Streicher. 1976/77 schrieb der Russe das halbstündige Werk, und mancher Musikgeschichtsschreiber lässt mit seiner Vollendung die musikalische Postmoderne beginnen.

Eine befremdliche Etikettierung. Denn Schnittkes synchrone Stil-Vielfalt zeichnet sich ja vor allem dadurch aus, dass sie in keine Schublade passt. Andererseits zeigte Schnittke hier tatsächlich einen Weg auf, der sowohl die Dogmen des Sozialistischen Realismus als auch die der zunehmend inzestuösen West-Moderne hinter sich ließ – ohne Berührungsängste gegenüber beider Errungenschaften.

So spannt das Concerto grosso geschmeidig, sinnlich, garstig, witzig bis sarkastisch den Bogen von Vivaldis freiem Virtuosenspiel über gewürgte Walzer und torkelnde Tangos bis zu den Material-Erkundungen der Moderne, die wie ein Schwarzes Loch immer wieder einsaugen, was aus ihrem Gravitationsfeld sich zu befreien versucht. Aus ihm winden ich zu Beginn über den Gamelan-Klängen des von Steffen Schleiermacher präparierten Flügels unter den Händen des Dirigenten Omer Meir Wellber die beiden Solo-Violinen mit ihrem schüchternen Frage-und-Antwort-Spiel in Einzelintervallen hervor. Da hinein kehren sie am Ende zurück, als flirrende Flageoletts vom Klang gleichsam in Licht verwandelt.

Sebastian Breuninger spielt die erste der beiden Solo-Violinen, Andreas Buschatz die zweite. Beide tun es, als hätten sie immer schon zusammen musiziert. In blindem Einverständnis klemmen sie ihre so anspruchsvollen wie zerbrechlichen Partien ineinander wie die Zähne eines Reißverschlusses – aber nicht mechanisch, sondern sensibel aufeinander reagierend. Eine tönende Debatte, bei der beide ihre Identität wahren: Breuninger, der durchgeistigte Filigraniker, Buschatz, der sinnliche Schwelger; mit dem Silberstift sorgsam gravierend der eine, aus Goldblech modellierend der andere. Beide im Dienst einer Schönheit, die keiner Schublade bedarf und auch keiner Erklärungen, weil ihr kunstvoller und bis in den letzten Winkel virtuos kalkulierter Aufbau nicht Selbstzweck ist, sondern Gerüst sprechender Klänge.

Die formt auch Omer Meir Wellber von Cembalo und Klavier aus mit den erstklassigen Gewandhaus-Streichern. Beängstigend dicht schieben sich da die barocken Floskeln der Toccata und des Rondos zu psychedelisch hyperventilierenden Flächen zusammen, atmen schwer die dissonant gespreizten Liegetöne, flirrt schließlich auch das Tutti kaum wahrnehmbar noch im gleißenden Licht des ewigen Schnees. Große Musik, großartig musiziert – und elektrisiert aufgenommen vom Publikum im nicht ausverkauften, aber gut besuchten großen Saal. Und wer sich nach dem Schnittke-Schluss erst verstohlen in den Saal schleicht, merkt an den Bravi, dass er da etwas verpasst hat.

Spannenderes jedenfalls als die nächsten beiden Stücke. Obschon es an Haydns Sinfonia concertante für Oboe, Fagott, Violine, Violoncello und Orchester objektiv wenig auszusetzen gibt. Die Solisten aus den Reihen des Gewandhausorchesters (Domenico Orlando, Thomas Reinhard, Sebastian Breuninger und Christian Giger) verbinden sich in bester Kammermusik-Tradition, spielen einander die Bälle zu, tragen ihr kostbares Gespinst ins Orchester, dessen Klang Wellber vom Cembalo aus kristallin hält und geschmeidig, elegant und federnd – aber auch ein wenig harmlos.

Mendelssohns „Ouvertüre für Harmoniemusik", für großes Bläserensemble also, war noch nie im Großen Concert zu hören, was sie mit Schnittkes Concerto grosso verbindet. Aber während es für den Russen allerhöchste Zeit wurde, käme man ganz gut ohne dieses Gelegenheitswerk des späteren Gewandhauskapellmeisters aus. Zumal die Aufführung wenig Zweifel daran zulässt, dass auch Wellber und das Orchester dieses gekonnt gesetzte Nichts nicht allzu ernst nahmen.

Offenhörlich konzentrierten sie sich im Vorfeld mehr auf Schuberts Zweite, die dieses lange Große Concert beschließt. Zwar gerät der Anfang ein wenig unscharf, aber mit Beginn des Allegro vivace im Kopfsatz lässt Wellber den Chailly-Geist aus der lasche. Halsbrecherisch virtuos legt er die Außensätze dieses Jugendwerks an, kostbar wirkt er den Variationssatz, schalkhaft das Menuett im Zentrum. Hier brodelt so viel Energie in diesem Dirigenten, dass er nicht anders kann, als ausgelassen vorzutanzen. Das Orchester kann nicht anders als mitzutanzen. Und das Publikum kann nicht anders, als in Jubel auszubrechen.

Von Peter Korfmacher

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