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14:43 28.09.2017
Der Regisseur Jakob Peters-Messer. Quelle: Kempner
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Leipzig

Mit Giuseppe Verdis Schiller-Oper „Don Carlo“ feiert die Oper Leipzig am Samstag die erste Premiere der neuen Spielzeit. Regie führt der 1963 in Viersen am Niederrhein geborene, in Berlin lebende und in aller Welt gefragte Jakob Peters-Messer. Peter Korfmacher sprach mir ihm.

„Don Carlo“ ist eine von Verdis besten Opern, aber beim Publikum tut sie sich schwer. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Es gibt natürlich Gründe, aber sie alle überzeugen nicht wirklich: Die Handlung ist kompliziert – doch die des „Troubadour“ ist noch weitaus komplizierter. Es gibt keinen richtigen Tenor-Hit – den hat „Nabucco“ auch nicht. Die Atmosphäre ist düster – das ist sie in der „Macht des Schicksals“ nichtweniger. Aber die funktioniert eher als Schocker, während im „Don Carlo“ alles leicht verschattet erscheint, fast im neurotischen Bereich.

Liegt es daran, dass die Oper über ihre vielen Fassungen ihre Kontur verloren hat? Gestartet ist „Don Carlos“ 1867 an der Pariser Oper als Grand Opéra in fünf Akten, dann wurde er in Bologna als immer noch fünfaktige italienische Oper in Mailand aufgeführt – kam schließlich 1884 als von Verdi gekürztes und überarbeitetes Dramma lirico in vier Akten nach Mailand, um 1886, wieder als Fünfakter, in Modena zu enden.

Diese Fassungen begleiten mich seit meinem Studium. Ich könnte nicht sagen, welche die beste ist – da wechselt meine Meinung ständig. Als Regisseur jedenfalls muss man an die fünfaktige Fassung – die dann aber auch wirklich vollständig sein muss, auf Französisch, mit Holzfällern und allem Drum und Dran – ganz anders herangehen als an die vieraktige.

Welche Version gibt es nun in Leipzig? Wolfgang Engel inszenierte hier zuletzt 2002 die Mailänder 1884er Fassung.

Wieder die.

Ihre Entscheidung?

Die Oper hat sie präferiert. Weil sie die pragmatischste ist. „Don Carlo“ soll ja im Spielplan bleiben, und da bekommen sie für die Mailänder deutlich leichter adäquate Sänger als für die doch ziemlich exotische französische Version. Aber wir haben das offen diskutiert. Und schließlich haben mich, obwohl ich mir vorstellen könnte irgendwann auch mal den Ur- „Don Carlos“ zu inszenieren, die Vorzüge der vieraktigen Version gereizt.

Als da wären? Es fehlt schließlich die ganze Vorgeschichte in Frankreich, die nachvollziehbar macht, warum Don Carlos seine Stiefmutter liebt – und die ihn ...

Das ist bei Schiller auch nicht anders. Bei dem allerdings spielt es auch keine so große Rolle, dass sie verliebt ist. Da geht es eher darum, dass sie sich als Person opfert, um als Königin ihre Pflicht zu tun, während Verdi ihren Kampf mit einer unerfüllten Liebe zeigt. Aber darum gleich fünf Akte zeigen? Wir hätten ein Liebesduett, hätten explizit gesehen, dass sie einst verlobt waren. Aber das kann man in vier Akten auch zeigen, zum Beispiel Erinnerungen andeuten. Insgesamt lässt sich die der italienische „Don Carlo“ viel enger an Schiller erzählen als der französische „Don Carlos“.

Was ist für Sie das Wesentliche daran?

Dazu sollte man wissen, dass Ulf Schirmer diesen „Don Carlo“ als sehr speziellen Beitrag der Oper Leipzig zum Reformations-Jahr geplant hat.

Wegen der schönen Ketzer-Verbrennung?

Eher, weil es um Freiheit geht, und Schiller konsequent Luthers Weg weiterdachte.

Das müssen Sie erklären.

Luther machte die Leute frei, indem er die Bibel übersetzte und dann sagte: Lest selbst und zieht eure Schlüsse! Schiller weitet diesen Gedanken ins Aufgeklärt-Humanistische: Denkt selbst, als Mensch, als Person – und wenn ihr zu anderen Schlüssen kommt als die Kirche, dann ist es auch gut. Da ist er nahe bei Verdi. Der war strikt antiklerikal, aber gläubig. Und genau darum, geht es in seiner Oper: Um die Unfreiheit in einer Gesellschaft, in der Kirche und Staat eine unheilige Allianz eingegangen sind. Insofern ist „Don Carlo“ natürlich ein Polit-Stück.

Ein aktuelles?

Sicher! Es ist ja nicht nur der Islam, der manche Gesellschaften beherrscht. Wenn Sie nach Polen und Russland schauen, in die USA oder nach Südamerika, dann sehen Sie, wie weit auch die christlichen Kirchen oder evangelikale Fundamentalisten auf diesem antiaufklärerischen Weg schon wieder gekommen sind.

Dreimal taucht in dieser Oper das Übernatürliche auf: zweimal, am Anfang und am Ende, der Verblichene Karl V., einmal, beim Autodafé, eine Stimme vom Himmel. Wie deckt sich das mit Schillers Aufklärung?

Darüber war sich Verdi selbst nicht ganz im Klaren, und die Stellen waren ihm wohl auch ein wenig peinlich. Andererseits: Das sind solche Shakespeare-Momente, die ihm ja nicht fremd waren. Ich sehe im Mönch, in dessen Gewand Karl V. durchs Bild läuft, einen Todesboten – ein wenig wie den Komtur in Mozarts „Don Giovanni“. Es ist nicht ganz klar, ob es nicht vielleicht doch nur ein Trugbild ist oder eine innere Stimme. Ich lasse ihn immer dann, wenn vom Tod die Rede ist, in Erscheinung treten. Und wenn es im „Don Carlo“ um Tod geht, geht es um den Tod einer Idee. Den Tod der Aufklärung, den der Freiheit. Denn frei ist niemand in dieser Oper. Don Carlo in seinem Wahn, in seinem Überschwang vielleicht noch am ehesten. Ein sympathischer, ein sehr positiver Typ, der nur immer zur falschen Zeit am falschen Ort ist und das Falsche sagt oder tut. Aber niemand ist weniger frei als Philipp II. in seinem albtraumhaft düsteren Kloster-Schloss Escorial, diesen Kafkaeskorial, den Markus Meyer genau so auf die Bühne gestellt hat.

„Don Carlo“ an der Oper Leipzig: Premiere: Samstag, 19 Uhr, Vorstellungen: 8., 15. Oktober, 26. November, 15. Dezember, 24. Februar, Karten (15–78 Euro) gibt’s unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf

www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 oder an der Opernkasse

Von Peter Korfmacher

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