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Wahnwitz im 9/8-Takt: Genesis-Veteran Steve Hackett vor 1200 Zuschauern im Haus Auensee

Wahnwitz im 9/8-Takt: Genesis-Veteran Steve Hackett vor 1200 Zuschauern im Haus Auensee

"Old Genesis music tonight", stellt Steve Hackett trocken klar, nachdem im Haus Auensee gerade mit "Watcher Of The Skies" die Hymne verklungen ist, mit der besagte Band Anfang der 70er Jahre gern Konzerte eröffnete.

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Nad Sylvan, Steve Hackett, Keyboarder Roger King (von links).

Quelle: André Kempner

Leipzig. In Tonfall und Blick des Gitarristen schwingt eine vielsagende Frage mit: Das ist doch hoffentlich jedem hier klar, oder?

Aus gegebenem Anlass also ein Warnhinweis: Dieser Text könnte in Sphären abschweifen, die der Zeitgeist im Hoheitsgebiet so genannter Nerds verortet. Mit anderen Worten lauert nach Hacketts Konzert die Gefahr, sich in Spezifika der frühen Genesis-Historie zu verlieren, die bei den meisten Menschen allenfalls für die Muskulatur der Achseln interessant ist. Etwa, wann bei Genesis Ende der 70er Steve Hackett und wann nur noch Mike Rutherford in die Saiten griff. Auch die Tatsache, dass der 63-jährige Hackett genau einen Tag älter als Peter Gabriel ist, dürfte allenfalls Anhänger bewegen.

Für genau diese Fans jedoch - am Montagabend im fast ausverkauften Saal immerhin 1200 (sitzende) Menschen - ist Hacketts Reise gedacht, in eine Vergangenheit, die im Osten nicht stattfinden durfte. Der Gitarrist verließ die englische Band vor mehr als seinem halben Leben, vor 36 Jahren. Jetzt besucht und überdenkt er deren Musik erklärtermaßen, je nachdem wie man die Überschrift der Tour "Genesis Revisited" durch Nord- und Mittelamerika, Europa, Japan übersetzt.

In Leipzig beschenkt er jene unter den 45000 Genesis-Konzertbesuchern, die vor sechs Jahren, als die Erfolgskonstellation Banks/Collins/Rutherford zurückgekehrt war, im Zentralstadion auf ein paar "alde, alde, alde Stück'" gehofft hatten - wie sie Phil Collins damals denn auch freudig auf Deutsch ankündigte. Hackett wäre 2007 fast und sowieso gern dabei gewesen. Die früheren Kollegen hatten ihn aber wieder ausgeladen, nachdem Gabriel die ursprüngliche Idee abgesagt hatte, das grandiose Konzeptalbum "The Lamb Lies Down On Broadway" von 1974 neu aufzuführen.

Was soll's - verteilt Hackett eben ein paar Handküsschen und erzählt ohne Genesis von Raels Erlebnissen im Unterbewusstsein. Auf der Videoleinwand gehen die Türen nur so auf und zu, während Nad Sylvan aus dem schwedischen Genesis-Tribute-Projekt "Unifaun" theatralisch das enorm abwechslungsreiche "Chamber of 32 Doors" singt. Als später vier weitere "Lamb"-Auszüge erklingen, gehört "Fly On A Windshield" mit seinem tollen langen Gitarrensolo dazu. In "Hairless Heart" spielt Hackett Solo-Pingpong mit Saxofonist Rob Townsend. Es ist einer der eher raren Momente, in denen die Musik wirklich anders als auf den alten Platten klingt. Später soll sich noch "I Know What I Like" nahezu in Jazz verwandeln, ebenso nach zweieinhalb Stunden das programmatische "Los Endos". Zuvor steht aber bitteschön Geschichte auf dem Stundenplan.

Bei "Dancing With The Moonlit Knight", zum Glück anders als auf der Revisited-CD ohne Greensleeves-Intro, baumelt Lee Pomeroy eine altmodische Doppelhals-Gitarre um den Hals, auf der er abwechselnd Bass und zwölfsaitig zupft. Dazu jault Hacketts erstes Tapping-Solo des Abends. Er gilt als vergessener Erfinder der Technik, die Eddie van Halen berühmt machte. Zumindest weiß man im Saal offenbar Bescheid: Als bald in "Musical Box" von 1971 das wohl erste Tapping-Gitarrensolo der Musikhistorie aufersteht, danken die Zuschauer mit stehenden Ovationen.

"Musical Box" ist neben dem überraschend tanzbaren "Eleventh Earl Of Mar" eines der Lieder, in denen Sylvans Stimme voll überzeugt - was ja rundherum gar nicht gelingen kann, wenn man gleich zwei Ausnahmesänger vertreten soll. Auch der stimmgewaltige und fantastische Schlagzeuger Gary O'Toole muss in "Blood On The Rooftops" bei den hohen Tönen schreien, anders als Collins seinerzeit. Dafür gelingt Sylvan und O'Toole stets traumhaft, gemeinsam zu singen: in "Ripples" etwa und wie schon Gabriel/Collins in "Cuckoo Cocoon".

Spätestens mit einer langen Instrumental-Orgie aus "Firth Of Fifth" und "Unquiet Slumbers For The Sleepers In That Quiet Earth" wird einem bewusst, welchen Verlust Genesis mit Hacketts Weggang 1977 nach sechs Jahren und acht Platten nicht nur an der Gitarre und kompositorisch erlitt. Darüber hinaus treten Rutherfords wahnwitzige Bassläufe aus einer Zeit zu Tage, als er sich noch nicht zugleich um die Gitarre kümmern zu müssen glaubte. Vielleicht beschreibt die übliche Trennung der Bandgeschichte in Gabriel- und Collins-Jahre weniger eine Zäsur als 1978 das erste Album ohne Hackett: "...And Then There Were Three".

Genug Fachsimpelei. Bloß eines noch: Nur Genesis-Nerds wissen, was es bedeutet, sämtlichen 23 Minuten des legendären "Supper's Ready" und dessen 9/8-Takt live zu lauschen. Fast alle erheben sich, lediglich Hackett verbeugt sich. In der übertriebenen Gestik einer Monty-Python-Figur verteilt er weitere Handküsschen und wünscht guten Schlaf. Alte Genesis-Träume.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.05.2013

Mathias Wöbking

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