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Wanderbratscher sucht Schönheit

Großes Concert im Leipziger Gewandhaus Wanderbratscher sucht Schönheit

In den von Michael Sanderling dirigierten Großen Concerten dieser Woche stellte sich Gewandhaus-Komponist Jörg Widmann (Jahrgang 1973) mit seinem Viola Concerto vor. Solist an der Bratsche: der fabelhafte Antoine Tamestit.

Der Dirigent Michael Sanderling.

Quelle: Dpa

Leipzig. So mau besucht wie das am Donnerstag war lange kein Großes Concert. Nur knapp 1500 der rund 2000 Plätze im großen Saal sind besetzt. Der Schuldige ist schnell ausgemacht: Jörg Widmann, 44, Gewandhaus-Komponist in der Jubiläums-Saison. Sein 2015 entstandenes Viola-Konzert steht in der ersten Hälfte auf dem Programm, in der zweiten zwar Brahms – aber orchestriert vom einstigen Neutöner Schönberg. Das reicht vielen Leipzigern, ihre Anrechte wegzutauschen – oder an jüngere Familien-Mitglieder weiterzureichen, was immerhin den Altersdurchschnitt senkt im Saal.

Anderswo allerdings stehen die Leute für große Werke des staunenswert populären und produktiven Widmann Schlange. Was leicht zu erklären ist und auch ein Grund, dass er auf Betreiben des kommenden Gewandhauskapellmeisters Andris Nelsons der erste Haus-Komponist wurde: Seine Musik, was auch immer man im einzelnen davon halten mag, ist geeignet, Vorurteile abzubauen. Weil sie ihrerseits keine stilistischen Berührungsängste kennt, und der Komponist seine überschäumende Klangphantasie in einen erzählerischen Zusammenhang stellt, der sich dem unvoreingenommenen Hörer ohne analytisches Rüstzeug erschließt, was Widmann mit seinen Lehrern Henze und Rihm verbindet. Hier ist alles möglich – nichts dogmatisch.

Sein Viola Concerto zeigt dies idealtypisch. Antoine Tamestit, einer der derzeit besten Bratscher der Welt, für ihn schrieb Widmann sein Concerto, er hob es 2015 in Paris aus der Taufe, erarbeitet sich sozusagen in Echtzeit das Instrument. Er klopft es ab, streichelt, tastet, testet, staunt und stimmt, derweil er durchs originell besetzte Orchester mäandert und nach Verbündeten sucht. Er wird bei den vielen Kontrabässen fündig, mit denen im Rücken er den Virtuosenschalk in sich entdeckt. Schließlich zerstäubt die Musik im sanft flirrenden Echo eines Mahler-Adagios und reist von dort in die Stille zurück.

Tamestit ist für diese Reise vom Material zur Seele ein sensationeller Interpret. Wie selbstverständlich durchmisst er als Wanderbratscher auf der Suche nach Schönheit stilistische Räume, lässt im Klezmer-Duett mit der Solo-Klarinette so wenig anbrennen wie im irisierenden Flageolett, fühlt sich im Umfeld des Virtuosen-Konzerts ebenso daheim wie im sachte performativen Umfeld, in dem er sogar ein wenig Humor unterbringt.

Dieses gleichsam natürliche Niveau überträgt sich, weitergereicht durch Michael Sanderling, den Chef der Dresdner Philharmoniker, auch aufs Gewandhausorchester, für das derlei Musik ja mindestens ebenso ungewohnt ist wie für sein Publikum. Der komplex kleinteilige Orchesterpart ist nicht nur achtbar beisammen, sondern durchmusiziert. Nicht wenige Gewandhäusler lächeln sogar bei der Arbeit – was auf den weiten Ebenen hinter Mahler und Strauss keine Selbstverständlichkeit ist. Beim Publikum kommt die Botschaft ebenfalls an. Was auch an der exzellenten assoziativen Hörhilfe liegt, die Ann Kathrin Zimmermann als Wegweiser in Worten durch eine Geschichte in Tönen fürs Programmheft verfasste. Der Applaus jedenfalls spricht eine deutliche Sprache. Hoffentlich geben die Begeisterten ihre Eindrücke weiter – auch auf die Gefahr hin, beim nächsten Mal kein Ticket abzustauben.

Und wenn sie schon dabei sind, könnten sie Vater, Mutter, Schwiegermutter und -vater, Onkel, Tante, Oma, Opa auch erzählen, dass man vor Schönberg ebenfalls keine Angst haben muss. Schon gar nicht, wenn er als Instrumentator von Johannes Brahms auftritt. Im Gegenteil: Was das Orchestrieren anbelangt, machte ihm niemand etwas vor. Auch kein Strauss, Strawinsky oder Respighi.

Das merkt man auch seiner Instrumentation von Brahms’ herrlichem g-moll-Klavierquartett an, dem Schönberg unerhörte sinfonische Weiten erschließt. Während es die durchstreift, verändert dieses Gipfelwerk der romantischen Kammermusik grundlegend seinen Charakter. Nicht zwangsläufig zum Besseren, aber zweifellos zum Wirkungsvolleren hin. Sanderling setzt da an, lässt das Gewandhausorchester üppig durch die abenteuerlich verzahnten Strukturen prunken und schert sich nicht weiter darum, wie komplex diese Partitur ist, lässt sie aufgehen in unwiderstehlicher Pracht. Ein wenig mehr Analyse und Struktur könnten bisweilen zwar nicht schaden. Doch gerät andererseits der Zigeuner-Kehraus so rauschhaft, dass derlei Kategorien nebensächlich scheinen. Das Publikum quirlt Sanderling mit immer neuen Steigerungen in Ekstase – und nachher hört man kaum jemanden, der nicht alles in allem doch überzeugt ist, nicht nur einem Großes Concert beigewohnt, sondern auch ein schönes Konzert erlebt zu haben.

Am 16. September 2017 umd 20 Uhr, und am 17. September 2017 um 11 Uhr, wird das Konzert wiederholt. Restkarten (21– 69 Euro) gibt’s noch an der Abend- respektive Tageskasse.

 

Von Peter Korfmacher

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