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Wann fängt das Leben an? "Zeiten des Aufruhrs" am Schauspiel Leipzig

Wann fängt das Leben an? "Zeiten des Aufruhrs" am Schauspiel Leipzig

Frank und April Wheeler sind dem Ruf in die ruhige Wohnsiedlung mit Eigenheim gefolgt. Doch das vermeintliche Paradies gerät zum Kulminationspunkt ihrer persönlichen Katastrophe.

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April (Anja Schneider, vorn) ist tot. Der Rest bleibt in gewohnter Einsamkeit zurück.

Quelle: Rolf Arnold Schauspiel

Am Samstagabend war der Romanstoff aus dem Amerika der 50er Jahre, 2008 mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet verfilmt, im ausverkauften Schauspiel Leipzig erstmals auf einer Theaterbühne zu sehen.

Haus, Sonnenschein und Garten. Mit diesen Versprechen lockt die illuminierte Werbetafel über der Bühne, über den Köpfen der Schauspieler. Werbung für ein Leben im kleinstädtischen Umland New Yorks. Ein Plakat, das in seiner wuchtigen Präsenz Verführung und Drohung zugleich ist. Frank und April Wheeler sind in Richard Yates' "Zeiten des Aufruhrs" dem Ruf in die ruhige Wohnsiedlung mit Eigenheim gefolgt. Doch das vermeintliche Paradies gerät zum Kulminationspunkt ihrer persönlichen Katastrophe, die - und das ist das Bemerkenswerte - nicht von außen herbeigeführt wird. Frank und April Wheeler scheitern an sich selbst, an den eigenen Erwartungen. Am Samstagabend war der Romanstoff aus dem Amerika der 50er Jahre, 2008 mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet verfilmt, im ausverkauften Schauspiel Leipzig erstmals auf einer Theaterbühne zu sehen.

Mehrere Jahre hat sich Schauspiel-Intendant Enrico Lübbe um die Aufführungsrechte bemüht. Die Inszenierung letztlich entpuppt sich als Huldigung des Originals. Das zeigen schon die Kostüme, die Blümchenkleider, die pedantisch gezogenen Scheitel, die Anzüge, Frank immer mit Hut und Krawatte: Der Abend will nicht an Zeit und Ort rühren, obgleich das Thema nichts von seiner Aktualität verloren hat, sich spielend ins Hier und Jetzt transferieren ließe. Und es zeigt sich im Bemühen, den Text trotz Verdichtungen in seinem Umfang zu bewältigen, was dazu führt, dass vieles nicht ausgespielt wird, die Schauspieler regelmäßig aus ihrer Rolle heraustreten und die Handlung als Erzähler ihrer eigenen Geschichte vorantreiben.

Die Bühne wird vom beschriebenen Werbeplakat dominiert, bietet sich ansonsten als Leerfläche den Schauspielern an. Ein paar Tische nur, die sich fix umarrangieren lassen vom heimischen Wohnzimmer ins Büro und vom Büro ins Auto. Reduzierte Tableaus, vom Vorhang wie in Romankapitel eingeteilt, die ihre Ausdeutung im Spiel erfahren. Erst nach der Pause, wenn die Rückblende in die Kindheit der immer verzweifelteren April erfolgt, lässt sich die Regie auf etwas mehr Farbe ein. Dann laufen Schauspieler als Kinder mit grotesk vergrößerten Puppenköpfen über die Bühne. Ein entfremdender Griff in die Trickkiste, der sich gerade zu häufen beginnt am Schauspiel.

Wer den Rahmen akzeptiert - die kurze Regieleine, die die Schauspieler oft zu statischen Aufsagern macht, die reduzierte Ästhetik und der Verzicht darauf, einen Schritt über eine Nacherzählung hinaus zu wagen - der bekommt dennoch einen beklemmenden, einen weitgehend fokussierten Theaterabend geboten. Denn das Ensemble bringt die von Yates so präzise identifizierten Seelenzustände bis in die Nebenrollen sicher auf den Punkt. Die ganze Leere des Daseins liegt im ins Nichts gerichteten Blick Wenzel Banneyers als Shep Campbell. Hermetische Einsamkeit trotz Frau und vier Kindern. Gastschauspielerin Jutta Richter-Haaser verkörpert mit lächelnder Geschwätzigkeit die Fassade, hinter der sich die Nachbarn verstecken. Und meistens auch Familienmitglieder voreinander. Michael Pempelforth bringt als John Givings, der sich in psychiatrischer Behandlung befindet, eine aufrüttelnde Facette ins Spiel. Ihm kommt die Rolle des Narren zu, der die Wahrheiten freilegt.

Frank und April sind Teil dieser Welt, ohne es zu akzeptieren. Weil Frank schon auf der Uni eine große Karriere prophezeiht wurde. April, als Schauspielerin gescheitert und mit zwei Kindern zu Hause, projiziert ihre Hoffnungen auf Frank. Und auf Paris, wohin sie mit ihrer Familie will, wo alles besser werden soll. Wann fängt das Leben an, das richtige Leben, das nicht nur aus Kompromissen besteht? Eine unausgesprochene Leitfrage, die wie eine Gewitterwolke über den Wheelers schwebt. Frank fragt: Der Plan mit Paris, ist das nicht unrealistisch? April antwortet: Unser Leben ist unrealistisch. Die Dialoge, die sich immer um den Kern winden, sitzen.

Anja Schneider, ab 2001 schon einige Jahre Teil des Schauspiel-Ensembles und jetzt als Gast in der Hauptrolle, setzt als April den Glanzpunkt des Abends, zeigt deren Zerrissenheit aufbrausend, verletzlich, kalt, euphorisch, spottend. Lässt noch unter jedem Lächeln die wahre Befindlichkeit Aprils durchscheinen. Ein ähnliches Gefühlsspektrum durchläuft Frank, von Felix Axel Preißler ebenfalls überzeugend und präzise zwischen Wut und Genugtuung auf die Bühne gebracht. Er, der sein Los noch akzeptieren könnte, solange er in der Affäre mit Maureen Grube (Runa Pernoda Schaefer) und den raren Momenten der Einigkeit mit seiner Frau so etwas wie Selbstbestätigung fühlt.

Zum Finale entsteht dann doch noch ein kraftvolles Bild auf der Bühne. Da dreht sich die Werbetafel aus der Sichtachse, wird zum Dach und die Leuchtstoffröhren fallen aus dem Rahmen, zappeln in der Luft, als entlade sich endlich die schwarze Wolke über den Wheelers. Kein reinigendes Gewitter. April ist tot. Gestorben an den Folgen einer Abtreibung. Mitten im Warten auf das Leben.

Kommende Termine: 10. und 27. Dez., jeweils 19.30 Uhr; Kartentel.: 0341 1268168

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.12.2014

Dimo Rieß

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