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Kultur Warten auf die Spinnerei: Das Lofft spielt in fünf Interims
Nachrichten Kultur Warten auf die Spinnerei: Das Lofft spielt in fünf Interims
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17:24 12.07.2018
So wird nach dem Entwurf der Architekten die Halle 7 auf dem Gelände der Spinnerei aussehen – umgebaut für Lofft, Tanztheater und Naturkundemuseum. Quelle: Foto: W&V-Architekten
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Leipzig

Dirk Förster geht auf Nummer Sicher. Nach der Zusicherung der Stadt, das Lofft könne im ersten Quartal 2019 den Betrieb in der neuen Spielstätte feiern, legte der Geschäftsführer des Theaterhauses das Eröffnungsfestival mal lieber auf Ende März. Zu tief liegt die Negativüberraschung vom Februar im Fundus der Erinnerung – als sich herausstellte, dass der ursprünglich für September 2018 fixierte Zeitpunkt für den Einzug von Lofft und Leipziger Tanztheater nicht zu halten ist. „Das war ein Schock“, sagt Förster rückblickend – die Bau-Verzögerung in Halle 7 auf der Baumwollspinnerei stellte ihn und sein Team vor eine Mammutaufgabe.

Der Spielplan ab Herbst unter neuen und besseren Bedingungen als am Lindenauer Markt stand längst, und das dort ebenfalls ansässige Theater der Jungen Welt (TdJW) hatte die frei werdenden Räume für die Spielzeit 2018/19 eingeplant. Lange blieb in der Schwebe, wie und wo das Lofft das zweite Halbjahr 2018 realisieren sollte. Von 22 geplanten Projekten für die zweite Jahreshälfte musste mehr als die Hälfte ins nächste Jahr verschoben oder abgesagt werden, da sich keine adäquaten Räume fanden.

„Für uns stand fest, dass wir nicht für Monate von der Bildfläche verschwinden können“, so Förster. „Unser Haus ist als Anlaufpunkt der freien Szene unverzichtbar – als Spielstätte wie als Probenort.“ Das Lofft kümmerte sich mit Unterstützung vom Kulturamt um eine Alternative. 20 Standorte wurden auf ihre Eignung als Interimsspielstätten geprüft, nun verteilt sich das Programm ab Herbst auf fünf verschiedene Locations.

Da ist zum einen die ebenfalls am Lindenauer Markt liegende Bühne in der Demmeringstraße 22, bis dato vom TdJW genutzt. Dichte Spielatmosphäre, vorhandene Technik – aber nur halb so viele Sitzplätze wie im Lofft-Saal, nämlich 50. Von August bis Dezember wird hier nun geprobt und experimentiert. Das neue deutsch-tschechische Residenzprogramm mit den Theaterkollegen Divadlo na cucky in Olomouc ermöglicht der Leipzig/Hamburger Glitch AG und der Performancegruppe Tyhle aus Prag/Brno Arbeitsaufenthalte in Leipzig; auch öffentliche Präsentationen soll es geben. Außerdem wird das Performancekollektiv Chicks hier seine Produktion „Love Me Harder“ spielen, und die Nachwuchsplattform der Lofft-Werkstattmacher realisieren in der „D 22“ vier neue Projekte.

Für Sebastian Webers Stück „Cowboys“ macht das TdJW noch einmal Platz auf der alten Lofft-Bühne. Webers neue Dance Company – gefeiert und hochgelobt für ihre „Caboom“-Performance – arbeitet an einem grellen Tanzspektakel über Populisten an der Macht. Im Westflügel in der Hähnelstraße wiederum soll die Gruppe Foxdevilswild um Eléna Weiß ihr Projekt „Wund Air Land“ realisieren, in dem der digitale Zwang zur Selbstvermarktung aufgespießt wird.

Ein für Theatergänger ungewöhnlicher, aber flächenmäßig geeigneter Ort ist die Stadtmission der Diakonie in der Demmeringstraße 18-20. „Einer der ganz wenigen barrierefreien Orte“, merkt Dirk Förster an. Hier schafft das Tanzlabor Leipzig einen utopischen Raum: Die mixed-abled-Company, die Künstler mit und ohne Behinderung zusammenbringt, sorgt in „Anthropomorphia 4230“ für emanzipatorische Gegenentwürfe zu einer ausgrenzenden Alltagswelt.

Der nächste Interimsort liegt am Lindenauer Markt um die Ecke: Im Westbad gastiert die Berliner Theatergruppe Bryckenbrant für ein Crossover-Vorhaben mit dem Leipziger Square Dance Club, der jenen Tanz feiert, der aus den USA stammt und Volkstänze verschiedener Einwanderer vereint. „Das Massaker von New Leipzig“ soll ein Theaterwestern mit Ballerei, Live-Soundtrack und mitunter düsteren Bildern werden.

Fünf Übergangslösungen also, die vom Lofft-Team einen enormen logistischen und planerischen Aufwand verlangen, allein um die technischen Voraussetzungen für die Stücke zu gewährleisten. Doch Förster hat keine Lust zu klagen. „Das ist nun nicht zu ändern“, sagt er, „dafür bleiben wir präsent.“

Mit dem Nomadentum der nächsten Monate geht das Lofft kreativ um. Unter den Titel „Komm, wir gehen“ ist das Publikum eingeladen, die nicht ganz so direkte Reise zur Spinnerei zu begleiten. Auf das Ankommen freut sich Förster sehr. „Die Pläne für das Haus sind absolut theatergerecht und ermöglichen uns neue Möglichkeiten für viele Spielarten der darstellenden Kunst“, schwärmt er. Das Lofft ist längst mindestens bundesweit als wichtige Theateradresse bekannt – durch besagte Möglichkeiten dürfte es in der Szene weiter an Bedeutung gewinnen.

Eines gilt es nach dem Einzug für eine Weile zu überwinden: den (Schwach-)Punkt der Verkehrsanbindung, denn mit Bus oder Bahn kommt man nicht an den neuen Kulturbau heran. 2016 beschloss die Ratsversammlung, dass „die Halle 7 mit einer Direktverbindung an den öffentlichen Personennahverkehr anzuschließen ist und die Haltestelle nicht mehr als 100 Meter vom Eingang des Museums entfernt sein sollte“, informiert das Verkehrs- und Tiefbauamt auf Anfrage – allerdings erst zur Eröffnung des Naturkundemuseums im selben Objekt eine ganze Weile später.

Mittlerweile liege eine Variantenuntersuchung der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) vor, die Ergebnisse sollen nach der Sommerpause vorgestellt werden. „Eine vorherige Betriebsaufnahme ist derzeit auf Grund der begrenzten Nachfrage nicht vorgesehen“, so das Amt und verweist auf mehrere Haltestellen von Bus, S- und Straßenbahn. Die sind rund 500 Meter von Halle 7 entfernt und nach Rathaus-Meinung „eine gute ÖPNV-Anbindung“. Lofft und Tanztheater müssen also noch warten, bis das Museum die Türen aufmacht. Avisierte Eröffnung: im fortgeschrittenen 2020. Falls sich nichts ändert.

Von Mark Daniel

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