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Kultur Was ein Menschenleben ausmacht
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06:00 11.05.2017
Bitterer Ausflug in die eigene Vergangenheit: Max (Stellan Skarsgård) und Rebecca (Nina Hoss) am Strand von Long Island. Scannen Sie das Foto und sehen Sie einen Trailer zum Film. Quelle: c) Wild Bunch Germany, Foto: Franziska Strauss
Hannover

Wohl jeder kennt solche Momente: Man möchte das Leben am liebsten noch einmal zurückdrehen und die Chance bekommen, anders zu entscheiden, als man es damals getan hat. Volker Schlöndorff hat einen Film gedreht, dessen Held durchdrungen ist von Bedauern und Reue über solch falsche Entscheidungen. „Rückkehr nach Montauk“ heißt der Film, ein Titel, der sich auf die Erzählung „Montauk“ von Max Frisch bezieht. Tatsächlich aber handelt es sich um eine Mogelpackung. Denn wo Frisch draufsteht, ist tatsächlich viel Schlöndorff drin.

Der Schweizer Autor gab in seinem vornehmlich aus Monologen bestehenden und nach eigenen Worten „aufrichtigen Buch“ viel aus seinem Leben und über die dazugehörigen Frauen preis. Schlöndorff hielt es jedoch für unverfilmbar – und bereicherte den Stoff zusammen mit dem irischen Autor Colm Toibin kurzerhand durch sein eigenes Leben und seine eigenen New-York-Erlebnisse. Bei Frischs Frauen dachte er gewissermaßen auch an jene, die in seinem eigenen Leben bedeutsam waren.

Max Frisch war ein alter Freund des Regisseurs

Schlöndorff darf so etwas tun. Frisch war ein alter Freund von ihm, der Regisseur hat 1991 schon Frischs Roman „Homo Faber“ (mit Sam Shepard) ins Kino gebracht. Nun legt er einen Film vor, der zumindest anfangs seine Botschaft allzu plakativ vor sich herträgt, so als würde Schlöndorff seinen wunderbaren Schauspielern nicht recht vertrauen.

Der erfolgreiche Schriftsteller Max (Stellan Skarsgård) ist nach Jahren wieder nach New York gekommen, an den Ort, wo seine Traurigkeit ihren Ursprung hat. Er liest in der Public Library aus seinem neuen Roman. Wir lauschen seiner eingängigen Stimme. Max lässt seinen Romanerzähler über das sprechen, was ein Menschenleben ausmache. Es seien die Dinge, die man getan habe und bereue, sowie jene, die man leider unterlassen habe. Der Erzähler hat nach eigenen Worten einer Frau Leid zugefügt und eine andere enttäuscht.

Was die so höflich applaudierenden Zuschauer in New York nicht wissen: Max spricht von sich selbst. Und für ihn ist das, was er vorträgt, immer noch nicht abgeschlossen. Es wird klar, dass Max in seinen Gedanken nicht recht bei seiner jungen Freundin Clara (Susanne Wolff) ist, die im Publikum sitzt. Ihm geht eine andere Frau nicht aus dem Sinn, mit der er einst eine Beziehung in New York hatte: Rebecca (Nina Hoss), der er nun wie ein Stalker nachstellt.

Dieser Frau ist Max nicht gewachsen

Über einen gemeinsamen früheren Freund macht er ihre Adresse ausfindig, verlässt seinen eigenen Empfang und taucht nachts bei ihr auf. Rebecca ist jetzt eine Staranwältin mit imposantem Apartment und lässt Max erst einmal locker abblitzen. Dieser Frau scheint er nicht gewachsen.

Dann aber lädt sie ihn doch zu einem Ausflug nach Montauk an die Ostspitze von Long Island ein – also dorthin, wo auch der Schriftsteller Max Frisch einst mit seiner Geliebten aufbrach und viel über sein Leben reflektierte. Warum die anfangs so entschiedene Rebecca sich auf diese aufwühlende Wiederbegegnung einlässt? Auch sie hat mit dem Geschehenen noch nicht abgeschlossen, egal was in all den Jahren dazwischen passiert sein mag. Sie will Antworten. Und sie will sich die Last und die immer noch nicht verrauchte Wut von der Seele reden.

Eine bittere Reise in die Vergangenheit wird das, angefüllt mit Erinnerungen an verpasste Chancen, aber auch durchzuckt von irrwitzigen Hoffnungen. Erstaunen, Unverständnis, Glück: All das spiegelt sich in den Gesichtern. „Rückkehr nach Montauk“ ist eine melancholische Liebesgeschichte – und ebenso ein klarer Beleg für die Egozentrik der Männer, die sich in ihrem Selbstmitleid suhlen.

Bei der Berlinale hagelte es Kritik

Bei der Berlinale, wo Schlöndorffs wehmütiges Drama im Februar Premiere hatte, musste sich der Regisseur die Kritik gefallen lassen, er habe einen „Altmännerfilm“ gedreht. Ach, sagen wir doch ganz einfach, es ist der Film eines alten Mannes, der zurückblickt und immer noch mit sich hadert. „Rückkehr nach Montauk“ ist durchzogen von Larmoyanz, auch von Sentimentalität, gewiss, aber es ist auch ein ziemlich aufrichtiger Film geworden. Schlöndorff, der Oscar-Preisträger und Experte für Literaturverfilmungen („Die Blechtrommel“, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Die Fälschung“, „Die Geschichte einer Dienerin“), bezeichnet ihn als seinen bislang persönlichsten.

Bei Frisch heißt es mit Blick auf Ingeborg Bachmann: „Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht.“ Bei Schlöndorff fällt das Urteil noch ein wenig schärfer aus: Da kommt vor allem Max nicht sonderlich gut weg.

Von Stefan Stosch / RND

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