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Weihnachtsgeschichte: Der Fuchs verschwindet im Wald oder vom Glück, nicht allein zu sein

Weihnachtsgeschichte: Der Fuchs verschwindet im Wald oder vom Glück, nicht allein zu sein

„Heut gehen wir zum Krippenspiel, ja“, sagt Niklas und schaut seine Mutter mit nur einem Auge an. Das andere ist vom Schlafsand verklebt. An ihm klammern sich die Träume fest.

Susanne nickt. „Jaja, heut’ gehn wir in die Kirche...“ Sie hat noch kein einziges Geschenk für den Jungen verpackt. Und der Kartoffelsalat muss noch gemacht werden. Und auf die Sekunde genau würden ihre Eltern zur Bescherung vor der Tür stehen.

„Vorher schmücken wir den Baum“, sagt sie; es klingt aber wie: Erst mal schaffen wir den Müll runter. „Welchen Baum?“, ruft Niklas. „Den Papa gleich bringt.“ Susanne zieht ihm die Bettdecke weg. „Welcher Papa?“. Tja, denkt Susanne, der Mann, der jetzt hoffentlich bald mit einer ordentlichen Tanne nach Hause kommt und vielleicht für immer bleibt. Ihr Matthias. Sie sagt aber nichts, sondern öffnet das Fenster. Niklas zieht sich die Decke wieder über den Kopf.

Warten auf den Tannen-Mann

Matthias hat kalte Füße bekommen. Seit einer halben Stunde steht er in der Nische vor der Pizzeria neben einem überquellenden Aschenbecher. Von irgendwoher scheppert „Last Christmas“ aus einer billigen Anlage. Er tritt die dritte Zigarettenkippe in den Schnee und sieht hinüber zu dem Platz, wo es noch einige halbwegs gerade gewachsene Tannen zu geben scheint. Teuer genug sind sie ja. Doch der Verkäufer lässt sich nicht blicken. Der wird sein Geld am Bahnhof versaufen, denkt Matthias und ärgert sich, hier eine Erkältung zu riskieren, weil seine Freundin Susanne ihren Niklas mit Pracht-Baum vom Pracht-Papa darauf vorbereiten will, dass er demnächst ein Brüderchen bekommt. Nur deshalb wünscht sie sich, dass der Junge ab jetzt Papa zu ihm sagt. Damit sie eine richtige Familie sind. Matthias ist sich sicher, dass das für den Kleinen zu viel auf einmal sein würde. Für alle eigentlich.

Ohne Eile tritt der Verkäufer ans Gitter, um umständlich die Kette zu lösen. „Na, Meister, wieder nüchtern? Oder wegen Reichtum geschlossen?“, fragt Matthias. Statt einer Antwort bekommt er eine Faust ins Gesicht.

Lost Christmas

Als Matthias die Augen wieder aufschlägt, versinkt sein Blick in einer Menge Sorgenfalten. Ein Gesicht, wie aus einem Kinderfilm. Der Mann zieht seine Weihnachtsmann-Mütze mit einer Geste vom Kopf , als habe Matthias’ letztes Stündlein geschlagen. Lost Christmas. Er muss kichern. „Tut mir leid, ja“, sagt der Mann, „aber du hast mich auf dem falschen Fuß erwischt.“ „Und Sie mich fälschlicherweise am Kopf“, brummt Matthias und blinzelt mit nur einem Auge. Das andere fühlte sich geschwollen an. Der Mann gießt etwas Dampfendes in eine bunte Weihnachtsmarkt-Tasse. Der Henkel ist abgebrochen, Matthias umschließt sie mit beiden Hände – er kommt sich gleichermaßen albern und geborgen vor. „Du bist mir einen Baum schuldig“, sagt er und prostet ihm zu: „Matthias.“

„Klaus“, sagt Klaus, und: „Such dir einen aus. Ich bin eh nur hier, um meinen Kram zu holen. Ich hab genug von diesem Rummel, bringt mir kein Glück.“ Ist ja auch kein Preisausschreiben, denkt Matthias, widerspricht diesem Klaus aber lieber nicht, der auf irritierende Weise traurig und aggressiv zugleich wirkt. Sein Tee scheint jedenfalls zu helfen. Dennoch ist Matthias ein bisschen enttäuscht, er hat mit Glühwein gerechnet, oder vielleicht Grog. Außerdem hätte er jetzt gern einen Freund. Klaus hält ihm einen Schneeball hin, „fürs Auge, das kühlt“. Sie schweigen.

„Ich komme schon klar, eigentlich“, fährt der merkwürdige Verkäufer fort, „meist läuft es gut, oft sogar besser. Ich habe eine Wohnung, eine Firma. Und wenn ich wirklich unter Menschen will, helfe ich meinem Kumpel, so wie diesmal mit den Bäumen. Zweimal im Jahr gehe ich zu meinem Sohn. Geburtstag und Weihnachten. Das heißt: ich gebe sein Geschenk ab, so wie vorhin. Mehr will die Mutter nicht. Ausrutscher sagt sie immer, und der Junge habe jetzt einen richtigen Vater. Keine Ahnung, ob das stimmt. Oder ob der Kleine mich sehen will. Was er überhaupt erwartet, ja.“

Kinder-Wunsche

Matthias hält ihm die Tasse hin. „Er will zum Krippenspiel!“ verkündet er in Klaus’ verblüfftes Gesicht. „Alle kleinen Jungen wollen das.“ Sein Blick streift über die Bäume, über die Dächer, immer weiter. „Damit sie ihren Eltern nicht den ganzen Abend beim Lügen zuschauen müssen.“

Klaus setzt seine Mütze wieder auf, zieht ein Fläschchen Rum aus der Wattejacke und nickt: „Hast du also auch einen entfernten Sohn.“ Matthias schüttelt den Kopf, „ja, es ist der Junge meiner Freundin, er ist sechs. Jetzt ist Susanne von mir schwanger und will, dass Niklas Papa zu mir sagt.“  Klaus hält ihm den Rum-Tee unter die Nase. „Und du willst das nicht?“. Doch doch, beeilt sich Matthias, er spüre aber, dass Niklas dem Frieden nicht traue, dass er Angst habe, plötzlich ein Fremder in der eigenen Familie zu sein, als wisse er, wie Glück wirklich aussehen sollte. Jetzt treibt der Rum ihm Tränen in die Augen.

Salat für sechs

Klaus schnellt hoch: „Was redest du denn! Was soll denn das für ein Glück sein? Die Abwesenheit von Erfahrung, ja? Glück ist ein Fuchs, der im Wald verschwindet. Man sieht ihn nur einen flüchtigen Moment. Egal, wie alt man ist.“ Matthias stößt sich von den Kisten ab, es ist ohnehin nicht gerade warm und ihm nicht angenehm, wie die Leute herum- und herüberschauen, zögernd, als suchten sie mehr als eine Tanne auf den letzten Drücker. Klaus würde sie wohl doch noch bedienen müssen, wenn er selbst kein blaues Auge riskieren will. Doch unter welchem Baum, wird er heute Abend sitzen? Von einer Frau oder Familie hat er nichts gesagt. „Pass auf“, hört sich Matthias vorschlagen, „du verkaufst denen jetzt den Rest, und dann kommt du mit zu uns. Es gibt Kartoffelsalat und meine Schwiegereltern, Geschenke, Weihnachtslieder und vielleicht ja keinen Streit. Und dann sagst du mir, wo genau der Fuchs im Wald verschwindet.“

Klaus lächelt. „Dann gehen wir aber zum Krippenspiel“, sagt er, zwinkert mit einem Augen und streicht sich über den Bart.     

Janina Fleischer

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