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Weltgeschichte im globalen Dorf - Buchhandels-Friedenspreis für US-Autor Jaron Lanier

Weltgeschichte im globalen Dorf - Buchhandels-Friedenspreis für US-Autor Jaron Lanier

Informatiker, Musiker, Schriftsteller, Pionier und einer der schärften Kritiker der digitalen Welt: Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels geht an den US-Amerikaner Jaron Lanier.

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US-amerikanische Autor Jaron Lanier.

Quelle: Insightfoto.com

Leipzig. Seine Preisträgerrede wird es in sich haben.

Diese Entscheidung irritiert nur auf den ersten Blick. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandel geht an einen Informatiker, Musiker und Pionier der digitalen Welt: an den US-amerikanischen Autor Jaron Lanier. Hat sich der Stiftungsrat meist für Schriftsteller entschieden, die mit ihren Büchern Türen öffnen für Blicke nach Russland, China oder Israel, stößt diesmal ein Preisträger das Tor auf zur digitalen Welt. Und auch ihm geht es um Menschenrechte, Macht und Machtmissbrauch.

Jaron Lanier ist ein Visionär, Erfinder, Aufklärer. Eindringlich weist er auf die Gefahren hin, "die unserer offenen Gesellschaft drohen, wenn ihr die Macht der Gestaltung entzogen wird und wenn Menschen, trotz eines Gewinns an Vielfalt und Freiheit, auf digitale Kategorien reduziert werden". So heißt es in der Begründung des Stiftungsrates, der die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung an Persönlichkeiten vergibt, die zu "Verwirklichung des Friedensgedankens" beigetragen haben und der Völkerverständigung dienen.

"In der Menschheitsgeschichte war der Mensch schon immer sich selbst der ärgste Feind, und wann immer jemand andere unterdrückt, versucht er auch, die Kontrolle über die Kommunikationsmittel zu erlangen", schreibt Lanier in seinem jüngsten Werk "Wem gehört die Zukunft" (Hoffmann und Campe, 2014). Er entzaubert darin eine in der "digitalen Politik" verbreitete "Revolutionslegende", die die Aktivisten des Arabischen Frühlings mit iranischen Online-Dissidenten und "von WikiLeaks generierten ,Volkshelden'" vereint, konstatiert eine "Entfremdung des globalen Dorfs" und warnt davor, Twitter oder Facebook als Instrumente der Empörung zu verherrlichen. Vielmehr könne "die Art, wie wir uns empören, Teil des Problems" sein. "Jede Organisation, die nach Macht strebt, sei es nun eine Regierung, ein Unternehmen oder eine informelle Gruppe, hat verstanden, dass man, wenn man Informationen über andere Menschen anhäuft, Macht erlangt. Doch indem wir die Werkzeuge, die diesen Trend erst ermöglichen, als Möglichkeit zur Empörung glorifizieren, verschärfen wir unsere missliche Lage noch zusätzlich."

Soziale Netzwerke, schreibt Lanier, konzentrieren selbst "immer mehr Kapital und beschneiden den Handlungsspielraum gewöhnlicher Bürger. In einer Demokratie wird durch die dadurch entstehende Einkommenskonzentration nur die Elite reich, die aller Wahrscheinlichkeit nach Politiker unterstützt, die eine weitere Konzentration fördern."

1960 in New York geboren, wurde Lanier in den 70er Jahren zum digitalen Idealisten, war einer der Pioniere in der Entwicklung des Internets und gilt als Vater des Begriffs der "virtuellen Realität". Er lehrt an Universitäten, betreut ein Projekt zur Erforschung des "Internets 2" und arbeitet als Forscher für Microsoft Research.

Als Beteiligter wie auch Beobachter dessen, was sich von der digitalen Revolution zur gesellschaftlichen Normalität entwickelt, ist Lanier gleichzeitig einer der schärfsten Kritiker. In einem Essay über Online-Kultur als "Digitaler Maoismus" sieht er darin, wie wichtig und ernst Wikipedia nach kurzer Zeit genommen wurde, einen Beleg "für den Siegeszug eines Online-Kollektivismus, der nichts anderes bedeutet, als die Wiederauferstehung der Idee, dass das Kollektiv über eine allwissende Weisheit verfügt, die man zentral bündeln und lenken muss." Dies sei das Gegenteil von Demokratie.

In einem Interview sagte Lanier 2010 der "Süddeutschen Zeitung", "dass die chinesische Regierung und Google ganz ähnliche Ziele haben: Beide wollen Kontrolle über die Kommunikation, beide haben keine Lösungen für die Zukunft."

Weil sich Lanier auf seine Art für das Bewahren humaner Werte einsetzt, "die Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens, auch in der digitalen Welt, sind", erhält er den Friedenspreis. Eine absolut nachvollziehbare Entscheidung.

Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am 12. Oktober in der Paulskirche statt und wird live in der ARD übertragen

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.06.2014

Janina Fleischer

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