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Kultur Wenn Romeo seine Julia beim Fußball trifft...
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17:59 06.10.2016
Romantik auf dem Fußballplatz. Quelle: Pohlenz
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Dortmund/München

Fußball bedeutet Leidenschaft. Kampf. Strategie. Siegeswille. Aber eben auch Vereinstreue, für manchen gleicht dieser Sport einer Religion. Vor allem ist Fußball bei seinen Fans Ausdruck von Patriotismus. Derbys elektrisieren im kleinen Dorf wie auf der großen Bundesliga-Bühne gleichermaßen. Buchautor Bernd Pohlenz ist abgetaucht in diese Mikrokosmen und hat an der Basis der Fanclubs recherchiert.

Für Buchautor Bernd Pohlenz schließen sich Romantik und Fußball nicht aus. Quelle: Privat

In seinem Buch „Herzrasen“ liefert er die moderne Story von Romeo & Julia, eine Geschichte von zwei unmöglich Verliebten, Tim dem Borussia-Fan und Mia, der Bayern-Sympathisant. Ruhrpott meets Schickeria – eine abenteuerliche Reise mit Klischee, Romantik und sprachlichen Herausforderungen.

Herr Pohlenz, warum eignet sich ausgerechnet das Stück Bayern gegen Dortmund als Neuauflage für eine Romeo&Julia-Geschichte?

In dem Kontrast zwischen dem FCB und dem BVB ist für die gesamte Nation ein größeres, beinahe „Shakespearsches Drama“ entstanden. Weit mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung vereint sich unter einem thematischen Dach. Mit dem Zuwachs an weiblichem Publikum in der ehemaligen Männerdomäne Fußball hat sich ein Romeo & Julia-Konflikt als Stoff für einen unterhaltenden Roman angeboten. Bei Shakespeare endet die verbotene Liebe zwischen Romeo und Julia angesichts des Todes der beiden Liebenden mit einer Versöhnung der verfeindeten Familien. Das muss zwischen den Bayern und den Borussen nun nicht auch soweit kommen! Reibung ist ja gut, sie stärkt beide Kontrahenten.

Bei Ihnen gibts also ein Happy-End?

Am Ende steht nicht der Tod, sondern etwas Neues und Zukünftiges. Und Versöhnung findet zwischen den Bayern und Borussen natürlich dann statt, wenn man gemeinsam als Nationalauswahl gegen die Teams anderer Länder antritt. Kurzum: Die Liebe ist das Größte auf dem kleinsten Nenner zweier Menschen, der Fußball ist etwas ganz Großes für eine Mehrheit des gesamten Volkes.

Sie waren in Bayern bei den Fanclubs, sie waren in Dortmund – wie viel Vorurteil wurde bestätigt?

Saturn, Rossmann, Starbuck’s, Primark und Douglas: Die Fußgängerzonen deutscher Innenstädte werden einander immer ähnlicher, wären da nicht überall die Vereinsfarben und -logos präsent in München und Dortmund. Blitzt in der Szenerie eines postmodernen Stadtzentrums viel Grün-Weiß auf, weiß man gleich: Ach ja, ich bin in Wolfsburg, nicht in Braunschweig! Man trägt Farben – als vielleicht letzten Ausdruck von Heimat und Zusammengehörigkeit, der zugleich auch Lokalpatriotismus, Stolz und Wehrhaftigkeit nach außen signalisiert.In München und Dortmund werden die Klischees der glühenden Anhängerschaft zu den örtlichen Vereinen bestens bedient. Die Dortmunder sind – buchstäblich ihrer historischen Region verpflichtet – kumpelhaft, sie sind bodenständig und immer offen und gerade heraus. Sie sind ehrlich, gerade auch zu sich selbst, und bleiben als Realisten auf dem Teppich, statt nebulös von immer neuen Triumphen zu fantasieren.

Und die Bayern?

In München vermischt sich viel Neuschwanstein- und Oktoberfest-Kitsch mit der rotweißen Lokal-Heraldik des FC Bayern, Dirndln, Lederhosen und Lebkuchenherzen – längst ergänzt durch Gucci, Prada, Champagner und Brillies. Das alles lässt sich als Lebensgefühl bekanntlich sehr gut verkaufen. Die Münchner sind extrem geschäftstüchtig und sehr erfolgreich darin. So ist es einfach auch das Geld, das Tore schießt, wie es Karl-Heinz Rummenigge als Parole ausgerufen hat. Während für Borussia-Fans bei den Spielen ihres Vereins die Spannung im Vordergrund steht, auch um den Preis, dass man mal verliert, so steht für die Bayern-Anhänger der Sieg gar nicht zur Debatte, er steht eigentlich schon vorher alternativlos fest.

Fußball gleicht bei ihren Protagonisten einer Religion – wie viel Realität steckt dahinter?

Es ist nicht ganz neu, dass leidenschaftliche Fußballbegeisterung als Religionsersatz interpretiert wird. Aber in den letzten Jahren und Jahrzehnten sprechen besonders die Zahlen für sich: Die Mitgliederzahlen der Vereine wachsen, während die Zahl der Kirchenmitglieder nahezu dramatisch sinkt und der Bevölkerungsanteil der Menschen, die sich als Atheisten bezeichnen, fortlaufend zunimmt.In meinem Buch wird auf ironische Weise die Abkehr der Menschen von einer traditionellen Lebenshaltung als ein Vakuum vermutet, das mit etwas Neuem gefüllt werden kann, mit einer neu ausgerichteten Heilserwartung und dem Aufgehen in einer großen Gemeinschaft, die für eine gemeinsame Sache eintritt. „Wenn es keinen Gott gibt, könnten wir uns dann nicht einen machen?“, scheinen manche Menschen zu fragen. Und wenn dies der Fußball wäre, so wäre die neue Religion womöglich nur eine andere Ausprägung der altbekannten, indem sie letztlich doch den gleichen Zielen zustrebt: der Einhaltung strenger Regeln und einem daraus resultierenden ewigen Seelenfrieden. Wie viel Wahrheit hinter der plakativen Ironie steckt, müssen die Leserinnen und Leser für sich selbst entscheiden.

Was macht für Sie das Besondere einer Rivalität aus?

Die Rivalität ist so alt wie die Menschheit, sie ist ein Kern der Evolution. Fast jeder Mensch will gewinnen und mehr erreichen, will mehr haben als sein Mitmensch: den Vorteil! Aus dieser uralten biologischen Antriebsfeder bilden sich Gruppen Gleichgesinnter, die im Wettbewerb zu anderen Gruppen stehen. Der Konflikt mit Kontrahenten bedingt den Fortschritt, man muss besser werden, sich steigern. Insofern bringt der Sport – und gerade der Fußball mit seinen Austragungsmodalitäten und dem riesigen Fan-Volumen – die gesamte Menschheitsgeschichte auf den Punkt.

Herzrasen - Die Fußball-Lovestory, 276 Seiten, Amazon Publishing, 9,99 Euro.

Herzrasen - Die Fußball-Lovestory Quelle: Pohlenz

Von Carsten Bergmann

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