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Kultur „Wer hat die Macht, wer verliert sie?“
Nachrichten Kultur „Wer hat die Macht, wer verliert sie?“
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00:34 18.05.2018
Nuran David Calis im Interview. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Wedekinds „Lulu“ hat Nuran David Calis bereits in Leipzig gezeigt. Ebenso BrechtsBaal“ in einer herausragenden, subtil gegen die gängige Lesart gesetzten Inszenierung. Jetzt ist der in München lebende Regisseur und Filmemacher wieder am Schauspiel engagiert und zeigt morgen im großen Saal die Premiere von Rainer Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf“. Der Film zeigt das gesellschaftliche Klima der 70er Jahre in der alten Bundesrepublik und nimmt alltägliche Vorurteile und Diskriminierungen gegen Gastarbeiter wie Ali, einer der Protagonisten des Stoffes, unter die Lupe. Calis, als Sohn armenisch-türkischer Einwanderer 1976 in Bielefeld geboren, hat Ausgrenzung selbst erfahren. Die Kunst, sagt er im Interview, war sein Schlüssel, um einen Weg in die Gesellschaft zu finden.

Wie sind Sie, der Stoff und das Schauspiel zusammen gekommen?

Nach der „Baal“-Inszenierung 2015 hat mich Enrico Lübbe gefragt, was mich interessieren würde. Ich habe spontan gesagt, es muss mit Ausgrenzung und Entfremdung zu tun haben. Ich habe bei Marieluise Fleißer geschaut, bei Franz Xaver Kroetz und bin schließlich bei Fassbinder gelandet. Die Entscheidung ist gefallen, bevor die große Flüchtlingswelle losbrach.

Warum dieses Thema?

Ich habe die Stimmung gespürt, Pegida-Aktionen gab es ja bereits. Ich habe Demos in München erlebt, und bei den Proben zu „Baal“ in Leipzig musste ich an den Montagsdemos vorbei zur Probe. In dieser Zeit habe ich über die Themen Entfremdung und Fremdsein neu nachgedacht. Verbunden mit der Frage, wo die Ängste der Mehrheitsgesellschaft sitzen.

Fassbinders Film stammt von 1974. Was hat sich verändert, was ist gleich?

Wenn man die Oberfläche Rassismus aufkratzt und tiefer reingeht, dann steht die große Machtfrage im Raum. Wer hat sie, wer verliert sie? Wenn das Fremde in eine homogene Mehrheitsgesellschaft dringt, bedeutet das immer zu einem gewissen Grad Machtverlust und Kontrollabgabe.

Mit der Angst vor Veränderung als Triebkraft?

Der Prozess ist mit Angst besetzt und die gilt nationalitätenübergreifend. Früher galten Türken in Deutschland tendenziell als Opfer rassistischer Diskriminierung, heute wählen viele selbst Erdogan, der ein Rassist ist. Es geht eine Angst um. Man glaubt, sich über ethnische Minderheiten erheben zu können. Deshalb stehen wir an einem kritischen Punkt. Wir sehen ja den Rechtsruck in Ländern wie Österreich, Ungarn, Frankreich, der Türkei oder in Teilen des ehemaligen Jugoslawiens. Darüber sollen Machtpositionen gestärkt werden. Diesen Kern gilt es zu entschlüsseln, jede Generation muss sich das neu bewusst machen. Deshalb kann auch ein Werk von 1974 in seiner Essenz total aktuell sein.

Aber entstammte der Rassismus der 70er Jahre gegenüber den damaligen Gastarbeitern nicht auch einer Überheblichkeit, weniger der Angst?

Das erlaubt einen interessanten Zugriff, weil es zeigt, wie banal dieser Hass ist. Das schließt sich an die Schriften von Hannah Arendt an, die Banalität des Bösen lauert an jeder Ecke. Darauf macht Fassbinder aufmerksam. Das Gewaltpotenzial muss gar nicht brüllend agitatorisch rüberkommen, es offenbart sich bei ganz einfachen Begegnungen im Hausflur oder am Arbeitsplatz.

Wie deckt sich das mit Ihrer Lebenserfahrung als Sohn einer Einwandererfamilie?

Das Gefühl des Außen-vor-seins, damit bin ich groß geworden. Die Zeit in Bielefeld war geprägt von Gewalt und ich hatte eine extreme Wut auf die Gesellschaft. Aber ich habe bei mir einen Schalter gefunden, nicht Produkt meiner Umwelt und meiner sozialen Herkunft zu werden, was unheimlich viel Kraft gekostet hat. Die Kunst war ein Schlüssel für mich, einen Weg in die Gesellschaft zu finden. Die Frage nach den Machtverhältnissen und den gesellschaftszersetzenden Kräften von Machtmissbrauch sind für mich zentral geworden.

Dazu begeben Sie sich auch auf Recherche und arbeiten mit Laien, etwa beim Kölner Theaterprojekt „Die Lücke“ über den NSU-Anschlag in der Keupstraße.

Bei solchen Projekten stehen die Betroffenen und ihre Aussagen im Vordergrund. Ich wollte die Opfer zu Wort kommen lassen. Gleichzeitig versuche ich dabei, die Ebenen des Theaters neu auszuloten, meine Mittel zu hinterfragen.

Zu welchen Erkenntnissen sind Sie gelangt bei der Recherche?

Mein Vertrauen in den Rechtsstaat Deutschland wurde erschüttert. Der Arbeitsprozess hat mir den Boden weggezogen. Ich glaube, diese Irritation hat sich auch bei den Zuschauern eingestellt.

Wie gehen Sie mit den Fassbinder-Bildern für ihre Inszenierung um?

Von Anfang an war es das Ziel, eine eigene starke Bildsprache und eine eigene Erzählung zu finden. Ich glaube, man kann beides: respektvoll textgenau arbeiten und gleichzeitig einen eigenen Ansatz finden.

Wie es bei „Baal“ gelungen ist?

Da haben wir einen Schlüssel gefunden. Man bewegt sich mit der eigenen Arbeit aus der Komfortzone und verlangt das auch vom Publikum. Vielleicht begegnet man sich dabei – dann wird es ein toller Theaterabend.

Wie ist es, wieder in Leipzig zu arbeiten?

Das Klima am Haus ist hervorragend. Das künstlerische Niveau des Ensembles ist hoch, auch durch die Regisseure Claudia Bauer und Philipp Preuss. Das Ensemble hat keine Angst, mit starken Handschriften und Ästhetiken zu arbeiten und lässt sich auf den Weg ein. Das ist großartig.

„Angst essen Seele auf“, Schauspiel, Premiere, 17. Mai, 19.30 Uhr; Karten: 0341 1268168

Von Dimo Riess

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