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Werke von Beethoven, Schubert und Bach in der Thomaskiche

Werke von Beethoven, Schubert und Bach in der Thomaskiche

Selten gespielte Werke von Beethoven und Schubert, dazu Bachs Kantate "Jesu, der du meine Seele", rankten sich am Montagabend in der Thomaskirche im Bachfest-Konzert des Hamburger Monteverdi-Chors unter Gothart Stier um "Christi Gefangennahme und Kreuzigung".

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Quelle: André Kempner

Mit "Christus am Ölberg", komponiert im Wesentlichen 1803, trat Beethoven in sine heroische Oase, wie im Rausch warf er sein einziges Oratorium innerhalb weniger Wochen aufs Notenpapier. Hätte er sich mehr Zeit gelassen, vielleicht wäre ihm aufgefallen, wie dürftig der Text ist, den Franz Xaver Huber da nach Matthäus und Johannes gedengelt hat. Halb Oper, halb Moritat, mal scheindramatisch, mal gewollt erbaulich. In jedem Falle aber ziemlich untauglich, ein knapp einstündiges Oratorium daraus zu stricken.

Und so kam es, wie es kommen musste: Beethoven beginnt stark: Am Anfang steht die Musik allein im Raum, düstere es-moll wirft bereits Fidelio-Schatten an die Wand, doch mit dem ersten Rezitativ, vorgetragen vom tenoralen Christus (Jörg Dürrmüller), dem "Bangigkeit, wie Todesangst" das "Herz zusammenschraubt", tritt durch die Hintertür die unfreiwillige Komik ein. Und sie geht nicht wieder. Im Niemandsland zwischen Entführung aus dem Serail, Zauberflöte und Messias dümpeln die sechs Nummern vor sich hin. Und Beethoven lieferte sich selbst gute Gründe, das Oratorium Oratorium sein zu lassen und sich der Sinfonie zuzuwenden: Unmittelbar nach "Christus am Ölberg" folgte die "Eroica".

Ja, es ist völlig zu Recht vergessen, dieses, nach "Wellington's Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria" wohl zweitschlechteste großformatige Werk aus der Feder dieses Giganten. Aber es passt inhaltlich perfekt ins Bachfest-Schema von der Vita Christi. Und wo sollte man derlei Werke mal wieder aus den Archiven zerren, wenn nicht bei einem Festival?

Dann allerdings müsste die musikalische Umsetzung über jeden Zweifel erhaben sein. Und auch das ist sie nicht. Gothart Stier findet nach den dramatisch düsteren Tönen, die ihm das Mitteldeutsche Kammerorchester um MDR-Konzertmeister Andreas Hartmann in der Introduktion zuliefert, keine rechte Position zu dieser Musik, ebnet auch die dramatischen Aufschwünge, die es durchaus gäbe, ein und schlägt sich instrumental beinahe ganz auf die Seite des harmlosen Erbauungstons. Und die Kriegerchöre, die sein sehr anständiger Hamburger Monteverdi-Chor da im lockeren Singspielton vorträgt, sind auch nicht zur Ehrenrettung geneigt. Bliebe der schöne, satte, große Tenor Dürrenbergs, der bereits am Florestan Maß nimmt und immer wieder aufhorchen lässt. Bliebe aber auch der spitze und schneidende Sopran, mit dem Miriam Meyer den Seraphen in Töne stanzt.

Mehr Gelegenheit, seine Klasse zu beweisen, hat der Chor in Schuberts "Jesus Christus schwebt am Kreuze", sein nach dem musikalischen Modell Pergolesis gebautes deutsches Stabat mater auf Klopstocks frei-fromme Nachdichtung des lateinischen Gedichtes, dessen volkstümliche Übersetzung "Christi Mutter stand mit Schmerzen" heißt.

Formal und musikalisch ist dieses Werk des 19-jährigen Schubert weitaus geschlossener als Beethovens Ölberg-Schinken. Wenngleich das 19. Jahrhundert zur Kruzigung Christi auch Gewichtigeres beizutragen gehabt hätte. Dennoch ist es schön, dieses Werk einmal wieder gehört zu haben. Zumal Stier, der in der nächsten Woche seinen 75. Geburtstag feiert, jeweils den genau den richtigen Ton zwischen Verzweiflung und Jenseits-Zuversicht, zwischen Liedsatz und Prunk-Fuge findet und hier Henryk Böhm seinen wunderbar weichen Bass vorführen kann.

Das kann er auch in einem wunderbaren Accompagnato und einer herrlich intensiven Arie in Johanns Sebastian Bachs Kantate "Jesu, der du meine Seele" (BWV 78). Dürrmüller dagegen scheint diesem Fach bereits entwachsen und kraftmeier, Meyer schärfelt - und Susanne Krumbiegel hat viel zu wenige Gelegenheiten, ihren so subtilen wie kraftvollen Alt zu präsentieren. Dafür singt der Monteverdi-Chor einen herrlichen Eingangschor und lässt keinen Zweifel daran, dass Bach zu diesem Konzert das beste Werk zusteuerte. Vielleicht glaubt das Bachfest ja, dies seinem Namenspatron schuldig zu sein.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.06.2013

Peter Korfmacher

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