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Kultur Weshalb Philip Pullmans Romanwelt der Fantasystoff der Stunde ist
Nachrichten Kultur Weshalb Philip Pullmans Romanwelt der Fantasystoff der Stunde ist
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15:45 21.11.2017
Szene aus dem Film „Der goldene Kompass“. Quelle: Warner Bros.
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Oxford

Man stelle sich eine Welt vor, in der die Menschen ihre Seele in Tiergestalt mit sich herumtragen. Wer einem Mann mit einer Hyäne begegnet, sollte sich vorsehen. Bis zur Pubertät wechseln die „Dæmon“ genannten Tiere ihre Gestalt, bis sich das Wesen des dazugehörigen Menschen gefestigt hat. Krallenaffe, Baummarder oder Distelfink: Der britische Autor Philip Pullman hat Charakterbeschreibung neu gedacht. Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass seine Trilogie „His Dark Materials“ zu den besten fantastischen Stoffen der Welt gehört. Rund 20 Millionen Mal wurden die Bände „Der Goldene Kompass“, „Das magische Messer“ und „Das Bernstein-Teleskop“ weltweit verkauft und in 40 Sprachen übersetzt. Jetzt ist nach 17 Jahren ein neuer Roman aus diesem Kosmos erschienen.

Lyra ist im neuen Roman noch ein Baby

Pullmans neue Reihe funktioniert nach dem Star-Wars-Prinzip: Der nun vorliegende Band „Über den wilden Fluss“ führt zunächst zehn Jahre in die Vergangenheit. Lyra, die spätere Protagonistin, ist hier noch ein Baby. Erzählt wird die Geschichte des wissbegierigen Pubbesitzersohnes Malcolm, der Lyra mit seinem Kanu vor einer Flut biblischen Ausmaßes rettet. Die späteren Bände – ein weiterer soll bereits fast fertig sein – springen dann 20 Jahre in die Zukunft und zeigen Lyra als junge Erwachsene.

Die „Zeit“ bezeichnete Pullman gerade als den wichtigsten Kinderbuchautor der letzten 100 Jahre. Selbst der Superlativ greift noch zu kurz: Der 71-Jährige gehört zu den wenigen Autoren, die generationsübergreifend gelesen werden. Junge Leser identifizieren sich mit der Coming-of-Age-Thematik, Erwachsene erfreuen sich an Anspielungen auf die Geistesgeschichte. So liest Malcolm in dem Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“, Autor ist bekanntlich der Physiker Stephen Hawking. Der alte Streit zwischen Wissenschaft und Religion ist das zentrale Thema des Autors, der sein Werk als Gegenentwurf zu den christlich geprägten Chroniken von Narnia von C. S. Lewis versteht. So fragt Malcolm eine der gutmütigen Nonnen, denen er mit Botengängen hilft: „Wie kann es sein, dass Gott die Erde in sieben Tagen erschaffen hat, wenn Fossile doch auf eine viel längere Zeit hindeuten?“ Die Antwort: „Die Tage waren damals eben sehr viel länger.“ Der ehemalige Oxford-Literaturdozent bereitet hier ähnlich wie Jostein Gaarder in „Sofies Welt“ Existenzielles anschaulich auf.

Autor Philip Pullman Quelle: Carlsen

Schon in den Ursprungsromanen malte Pullman ein düsteres Bild vom Jenseits als hoffnungsfreier Zone. Gott ist ein seniler Engel, der einen erbärmlichen Tod findet. Und Lyra wiederholt mit einem Kuss den Sündenfall, der hier jedoch als ein Moment der Befreiung gefeiert wird. Die katholische Kirche warf Pullman, dessen Großvater Priester war, Blasphemie vor.

In „Über den wilden Fluss“ rechnet der Autor nun mit der Institution ab: Eine Mischung aus Geheimpolizei und Inquisition wirbt selbst Schüler an, ihre Eltern auszuspionieren. Wer eine eigene Meinung vertritt, verschwindet. Bei aller geistreichen Fabulierkunst bleibt der bittere Beigeschmack, dass der Autor hier dezidiert eine Agenda verfolgt, nämlich erklärtermaßen Religion grundsätzlich infrage zu stellen.

Universitätsstadt Oxford als prächtige Kulisse

Die Universitätsstadt Oxford mit ihrer prächtigen Bodleian-Bibliothek aus dem 17. Jahrhundert und ihren markanten Wasserwegen bietet eine atmosphärische Kulisse für eine spannende Geschichte mit Spionage, Geheimorganisationen und nächtlichen Missionen. Auf einer tieferen Ebene geht es um nichts weniger als die Frage, was unsere Welt im Innersten zusammenhält. „Staub“ ist die geheimnisvolle Materie, die magische, theologische und physikalische Kraft in sich vereint. Jüngst sagte der Autor, der erst im Alter von mehr als 50 Jahren bekannt wurde: „Ich habe die Daumen gedrückt, dass die Wissenschaft bis zur Buchveröffentlichung nicht enträtselt, was Dunkle Materie ist.“ Pullman verhandelt hier die großen Fragen: Sind wir Geist, oder sind wir Materie? Woher kommt das Bewusstsein?

Die Verfilmung des „Goldenen Kompasses“ mit Nicole Kidman und Daniel Craig floppte 2007. Vielleicht auch deshalb, weil die philosophische Tiefe der Romanvorlage fehlte. Nun bereitet die BBC eine neue Adaption vor. Verantwortlich zeichnet mit Jack Thorne der Dramatiker, der die Fortsetzung von Harry Potter in London ins Theater brachte. „His Dark Materials“ könnte damit nach „Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“ vollends zum Fantasy-Stoff der Stunde werden.

Philip Pullman: Über den wilden Fluss. Übersetzt von Antoinette Gittinger, Carlsen; 560 Seiten, 24 Euro

Von Nina May/RND

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