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Kultur Die Nationalhymne ändern? Gute Idee!
Nachrichten Kultur Die Nationalhymne ändern? Gute Idee!
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00:37 08.03.2018
Am 26. August 1841 schrieb Heinrich Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland das „Lied der Deutschen“.   Quelle: epd
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Hannover

  Es wirkt ja immer so verkrampft, so kleingeistig und nervtötend. So unnötig aufgeregt. So unangemessen. So ist das oft, wenn jemand wünscht, dass etwas, das schon lange Bestand hatte, nun, im Licht neuer Entwicklungen anders gesehen und  wohl geändert werden müsste. Kristin Rose-Möhring, die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums, hat vorgeschlagen, den Text der deutschen Nationalhymne zu  ändern. Weil der Text Frauen benachteiligt. Weil es brüderlich heißt und nicht schwesterlich, weil vom Vaterland die Rede ist. 

Die „Bild am Sonntag“ hatte von einem Brief Rose-Möhrings berichtet, in dem die Gleichstellungsbeauftrage aus Anlass des Internationalen Frauentags, der am 8. März gefeiert wird, die Textänderungen vorschlägt und die Frage stellt: „Warum gendern wir nicht unsere Nationalhymne, das Deutschlandlied?“ Nicht nur die Frage ist irgendwie unangenehm, auch die Art, wie sie gestellt wird, ist es. 

Tja, warum also „gendern“ wir unsere Hymne nicht? Weil eine Nationalhymne zu den Dingen gehört, die man nicht so mir nichts, dir nichts ändert? Weil es Wichtigeres gibt, um die Gleichberechtigung voranzutreiben? Weil man das mit dem „gendern“ auch übertreiben kann? Weil Eingriffe in Sprache immer so bürokratisch überkorrekt wirken? Weil Traditionen geachtet werden sollten? Es gibt allerlei Gründe, die dafür sprechen, die Hymne so zu lassen, wie sie ist. 

Aber es gibt auch Gründe, die für eine Änderung des Hymnentextes sprechen. Etwa die Haltung des Autors August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Der Dichter (geboren am 2. April 1798 in Fallersleben, gestorben am  19. Januar 1874 in Corvey) war ein Freigeist und durchaus ein Freund des Neuen und der Veränderung. Der Hochschullehrer, Bibliothekar und Dichter, zu dessen Werken auch die Lieder „Alle Vögel sind schon da“, „Der Kuckuck und der Esel“, „Ein Männlein steht im Walde“ und „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ gehören,  legte sich in seinen „Unpolitischen Lieder“, die oft gar nicht so unpolitisch waren, mit dem preußischen Staat an. Er wurde bespitzelt, des Landes verweisen und verlor seine Professur. Er war ein Mann des Aufbruchs.

Eines seiner „Unpolitischen Lieder“ trägt als Titel die Aufforderung „Hindurch!“ Darin macht er klar, was er von Erstarrung hält: „Es ist die Zeit ein großer Fluß, / Wir sitzen an dem Strande; / Und was uns Freude bringen muß, / Liegt drüben auf dem Lande. / Hindurch! hindurch! was stehst du still?  / Der Fluß wird nie verrinnen. / Wer durch die Fluth nicht schwimmen will, Der wird kein Land gewinnen.“ 

Auch in seinem Lied „Die gute alte Zeit“  wendet er sich gegen die „Knecht' und Wichte“, die rückwärtsgewandt vergangene Zeiten feiern: „Doch nein, ihr bleibt bei eurem dummen Schwätzen, / Ihr wollt der guten Zeit ein Denkmal setzen – / Wohlan, so gießt die Zopfzeit dann in Erz, / Und gießt hinein des deutschen Volkes Schmerz!“. 

Insofern: Hoffmann von Fallersleben hätte wohl nichts dagegen gehabt, wenn man die dritte Strophe seines „Liedes  der Deutschen“ sanft neuen Verhältnissen anpassen würde. Und sanft sind die vorgeschlagenen Veränderungen ja: Heimat statt Vaterland. Warum denn nicht? Das Wort Vaterland ist so schützenswert ja auch nicht. Es hatte seine große Zeit in Zeiten, die selbst nicht groß waren. Es zu ersetzen ist im Grunde ganz angemessen. Bei „brüderlich“ freilich ist es komplizierter. Couragiert, wie von Kristin Rose-Möhring vorgeschlagen, trifft es nicht (und würde auch wie ein Fremdkörper im Text des durchaus frankophoben Autors wirken). Vielleicht ist die Gleichstellungsbeauftrage hier über Ziel hinausgeschossen. Immerhin sollen sich auch Schwestern brüderlich verhalten können. 

Der wichtigste Grund eine Hymne zu verändern ist, der: Weil man sie verändern kann. Länder wie Kanada oder Österreich haben bereits gezeigt, dass auch die Töchter des Landes in der Hymne ihren Platz haben können. Hymnen können sich ändern, weil sich die Zeiten ändern können. Hymnen sind nicht in Stein gemeißelt und in Erz gegossen. Sie sollen nicht für 1000 Jahre gelten. Gerade auch in Deutschland nicht.

Von Ronald Meyer-Arlt

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