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Kultur Westernhagens schmutzig treibende Rock-Predigt
Nachrichten Kultur Westernhagens schmutzig treibende Rock-Predigt
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16:40 22.05.2014
Raspelt sich im Haus Auensee das Zäpfchen wund: Marius Müller-Westernhagen. Quelle: Wolfgang Zeyen

Rotzig raspelt er sie sich aus der Kehle, mehr gegrunzt noch als gebrüllt. Da will es ein rüstiger Mittsechziger noch mal wissen und tritt ans Mikro mit einer Botschaft.

Das ist löblich. Es ist aber auch heikel. So heikel, dass die gedrechselten, gezogenen, mit der Brechstange ins Metrum und dem Dampfhammer ins Reimschema gepressten Zeilen beim Hören des aktuellen Albums "Alphatier" mehr peinlich berühren als politisch.

Vielleicht hat Marius es selbst bemerkt und der Album-Veröffentlichung darum eine "Prelistening"-Tour vorangeschickt. In Leipzig allerdings hat es nicht sollen sein. Im April war Westernhagen krank, wofür er sich nun vielfach entschuldigt. Nötig ist es nicht. Denn obschon (oder weil) Fans bereits im Vorfeld Gelegenheit hatten, sich am Wortkünstler Westernhagen abzuarbeiten, funktioniert "Alphatier" live ganz prächtig.

Hier nun drängen sich nicht die gusseisernen Sentenzen in den Vordergrund, schert sich niemand ums ungelenke Geschwurbel von Versen wie "Sie wollen nicht mehr folgen ihres Führers Wort/ Hör sie flüstern - jagt den Tyrannen fort/ Diese Worte bohren sich in jedes Hirn/ Können wir es wagen, ihm zu bieten unsere Stirn." Das versteht ohnehin keiner, wenn Marius sich auf der Bühne das Zäpfchen wund schubbert.

Nein, hier zünden Worte wie Liebe oder Freiheit, Treue oder Hoffnung, Schmerz oder Macht wie Signalraketen. Und wenn sich mitten hinein immer mal ein großer Satz bohrt, einer wie "Jeder braucht eben ein Opferlamm/ Auf das er seine Scheiße projizieren kann", dann ist da bereits genug Substanz für großen, fetten, lauten, schmutzigen Rock, der anderen Regeln folgt, als eine Lyrik-Kompilation. Die poetischen Hervorbringnisse dieses oder jenes bestens beleumundeten US-Kollegen gehören schließlich auch nicht auf die literaturwissenschaftliche Goldwaage.

Live berserkert Marius sich in "Hereinspaziert, hereinspaziert", bei "Clown" oder "Keine Macht", vor allem aber in "Freiheit (um der Liebe willen)" seine Predigt von der Seele, bündelt all seinen gerechten Zorn angesichts der Zeitläufte mit der Attitüde nicht des Alt-, sondern des Groß-Rockers, die auch für die schmeichlerischen Balladen taugt. Ohne viel Aufhebens: Hier und da ein lasziver Hüftschwung, gern mit ausgebreiteten Armen. Doch meist steht der Düsseldorfer wie angenagelt am Mikro und sucht den Blickkontakt zu den Fans.

Wenn jemand aus seiner sensationellen Band ein (leider meist recht kurzes) Solo spielt, zieht er sich zum Anfeuern zurück in den Bühnenhintergrund. Dann zeigen die Gitarristen Kevin Bents und Brad Rice, der Bassist John Conte, vor allem aber Jeff Young an der Hammond und den vielen anderen Tasten schmutzig treibend, jaulend, pumpend, wie groß ihr Anteil ist an diesem deftigen Rock-Exerzitium, das mit schönem Licht und ohne Multivisions-Affentheater auskommt. Es sei "eine Gnade, mit diesen Jungs singen zu dürfen", gibt Marius zu Protokoll. Und es klingt kein bisschen kokett. Auch nicht sein Bekenntnis: "Sie sind meine Brüder." Bei Lindiwe Suttle hingegen, die im Hintergrund stratosphärische Soul-Ranken zuliefert, legt er Wert auf die Feststellung: "Das ist nicht meine Schwester, ich liebe diese Frau." Schön.

Und die Fans lieben ihn. Sie lieben ihn für die neuen Songs im alten Format, bei denen sie sich als bemerkenswert textsicher erweisen. Und sie lieben ihn für die alten, die ebenfalls profitieren von der besten Rock-Band, die Marius Müller-Westernhagen je in seinem Rücken versammelte. "Sexy" wie eh und je ist das, wie er "Mit 18" in Düsseldorf rumlief. Doch spätestens beim letzten "Johnny Walker" führt dann doch kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass seine Texte früher nicht nur auf der Bühne funktionierten, sondern auch auf Tonträger. Manche sogar in der Lyrik-Anthologie.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.05.2014

Peter Korfmacher

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