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Kultur Widmanns Partita uraufgeführt
Nachrichten Kultur Widmanns Partita uraufgeführt
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00:38 16.04.2018
Der Komponist Jörg Widmann . Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

Das Gewandhausorchester, Sie werden davon gehört haben, feiert morgen seinen 275. Geburtstag. Darum gönnt es sich erstmals einen Gewandhaus-Komponisten. Jörg Widmann heißt er, ist 44 Jahre alt, und im ausverkauften Großen Concert am Donnerstagabend hat das Orchester unter seinem neuen Chef Andris Nelsons die Partita uraufgeführt, die er für den Klangkörper komponierte, der auf Initiative von Leipziger Kaufleuten am 11. März 1743 in die Welt kam.

Er hat das gut halbstündig Werk nicht nur für das Gewandhausorchester geschrieben, weil das ihm den Auftrag erteilte, sondern auch im ästhetischen Sinne. Der Fünfsätzer ist dem Orchester auf den Leib geschneidert. Offenkundig hat der gefragteste deutsche Komponist seiner Generation sich ausführlich beschäftigt mit Möglichkeiten, Vorlieben, Stärken und Aversionen. So fragt er diesmal kaum exotische Spieltechniken ab. Und die eher misch- als spaltklängige Instrumentation, die vielen herrlichen Soli der Holzbläser (Volker Hemken an der Bassklarinette, Gundel Jannemann-Fischer am Englischhorn, Domenico Orlando an der Oboe ...), auch des Konzertmeisters Frank Michael Erben, heben ihn aufs Podest, den warmen, sinnlichen, atmenden Eigenklang des ältesten bürgerlichen Orchesters der Welt.

Dennoch grummelte es in dessen Reihen in dieser Woche. Denn auch wenn sie bestens passt, diese frisch vernähte Partita, so sind ihre Flicken keineswegs leicht für die Musiker. Die letzten Stimmen flatterten dem Orchester am Montag ins Haus. Viel Zeit zur Vorbereitung blieb da nicht. Obschon die Partitur auf den ersten Blick so kompliziert aussieht, wie sie tatsächlich ist – mit dem kompletten Orchester fügt sie sich dank virtuos gehandhabter philharmonischer Logik auf wundersame Weise wie selbstverständlich zusammen.

„Fünf Reminiszenzen für großes orchester“ heißt die Partita mit Nachnamen. Also im Untertitel. Diese Reminiszenzen lassen Epochen der Geschichte des Gewandhausorchesters aus einem breiten Assoziationsstrom hervorblitzen: Da trägt der zweiteilige Kopfsatz formal ein Bachbild vorbei und klanglich eines von Wagner. Dessen Tuben sitzen praktischerweise schon auf dem Podium, weil sie für Bruckners Siebte ohnehin benötigt werden. Mal bringt sich da harmonisch ein Tannhäuser in Stellung, mal loten unendlich lange unendlich schöne Holzbläser-Linien das weite Feld zwischen Dvorak, Tschaikowski und Rachmaninoff aus. Ein gewichtiger Satz, der die folgenden vier zu erdrücken droht. Aber so ist das ja oft in der Partita, wo auf eine prachtvolle Ouvertüre Tanzsätze aller Art folgen.

Bei Widmann kommt zunächst der Volkston zu seinem Recht – in Gestalt Mendelssohns: Der komponierende Klarinettist Widmann bedient sich freimütig des Andantes aus dessen Es-Dur-Klarinettensonate, instrumentiert es meisterlich und überlagert es mit flirrenden Flageoletts. Das klingt sehr schön, geht auch zu Herzen, weil Mendelssohn zu Herzen geht. Aber Widmann übertreibt es hier dann doch ein wenig mit dem Zitieren. Zumal er im Divertimento zeigt, dass er auch virtuos umgehen kann mit fremdem Material und dem Stil-Zitat. Da steht eine mutmaßliche Musik vom Bodensatz der Empfindsamkeit für die Gründungszeit des Gewandhausorchesters. Und wie um zu zeigen, wie breit das Spektrum damals schon war, scheucht er populäre Bach-Fetzen durchs Bild. Ein bei aller Giftigkeit höchst amüsantes Show-Stück fürs fabelhafte Gewandhausorchester. Wunderbar ist auch die Sarabande mit den in höchster Lage wimmernden Fagotten und die würdige Chaconne, die noch einmal auf den alten Bach zurückkommt, indem sie sich sacht ans Crucifixus aus der h-moll-Messe lehnt.

Das Gewandhausorchester unter Nelsons spielt diese seine Partita mit Hingabe – und angesichts der praktisch nicht vorhandenen Vorbereitungszeit staunenswert sicher und sinnlich. Würde neue Musik immer so auf den Hörer achten, wie Widmann, der auch vor Kitsch nicht zurückschreckt, ohne dabei seine Seele zu verkaufen, das Publikum täte sich leichter mit ihr. Obwohl auch diese wirklich sehr schöne, kurzweilige und zugängliche Partita manchem noch sauer aufstößt, wie Gesprächsfetzen in der Pause vermuten lassen. Wahrscheinlich muss das in Leipzig so sein, wenn der Komponist noch lebt.

Andererseits: Als Arthur Nikisch die Siebte 1884 mit dem Gewandhausorchester aus der Taufe hob, lebte Bruckner noch. Trotzdem war ihm im Neuen Theater der erste rauschende Erfolg seines 60-jährigen Lebens vergönnt. In der laufenden Spielzeit steht sie nun schon zum zweiten Male auf dem Programm: Im September erst hatte Herbert Blomstedt sie bereits dirigiert in seinem Zyklus mit historischen Gewandhausorchester-Uraufführungen.

Von denen ist diese Siebte eine der gewichtigsten, und Bruckner hat sie komponiert, als hätte auch er sich lange mit den Eigenheiten des Leipziger Wohlklangkörpers auseinandergesetzt. Hat er nicht – aber Pracht und Würde dieser Kathedrale aus Tönen sind noch immer in besten Händen am Augustusplatz. Nelsons geht diese Sinfonie nicht so vergeistigt an wie Blomstedt, sein Zugriff ist verbindlicher, üppiger. Aber er schießt nicht übers Ziel hinaus, zelebriert weniger die schöne Stelle (es gibt dennoch zuhauf), sondern fügt den Bogen von der ersten Naturtonreihe bis zum Triangel-Becken-Blech-Schlussstein im Adagio und zurück bis zum Finale in einem Zug.

Dieser ausführlichst akklamierte Bruckner könnte der erste Höhepunkt des bei der Deutschen Grammophon entstehenden Zyklus werden. Doch wird vom Donnerstags-Mitschnitt so gut wie nichts zu gebrauchen sein. Weniger wegen des Abbruchs im Kopfsatz (im Parkett war jemand kollabiert – es geht ihm wieder gut), danach nimmt Nelsons den Spannungsbogen souverän wieder auf. Eher stören die deutlich zu vielen Beulen im linken Blech. Vor allem aber sind es die Hustenattacken, die im Gewandhaus ein Niveau angenommen haben, das kaum noch zu ertragen ist.

Ja, man kann, zumal in den Zeiten der Grippe, mal krank sein. Und, ja, natürlich darf man dann trotzdem, wenn es irgendwie geht, ins Konzert. Aber nein, Generalpausen und Pianissimo-Stellen sind nicht die besten Gelegenheiten zum fröhlichen Abhusten zur Durchlüftung auch des letzten Bronchien-Winkels.

Das Programm wird am Sonntag, 11 Uhr, im Festkonzert zum 275. Orchestergeburtstag am morgigen Sonntag wiederholt (an der Tageskasse gibt’s noch einige Restkarten. MDR Kultur sendet ab 19.30 Uhr den Mitschnitt.

Von Peter Korfmacher

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