Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Wie echt ist Amerika?
Nachrichten Kultur Wie echt ist Amerika?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:47 12.12.2017
Martin Waldseemüller, Weltkarte in Keilform für einen Globus, Saint-Dié-des-Vosges: 1507. Quelle: RND
London

Im letzten Moment verschob Christie’s die Versteigerung, da die Echtheit der Karte noch einmal überprüft werden soll. Ob die Debatte um die Herkunft des Dokuments dem Wert schadet oder vielleicht sogar erhöht, ist noch nicht ausgemacht. Wer sich für Amerika interessiert, blickt ohnehin nicht nur auf Fakten. Bis heute gleicht es für viele eher einem Sehnsuchtsort, der eine zweite Chance verspricht, als einer konkreten Landschaft oder Gesellschaft.

Als der Freiburger Martin Waldseemüller 1507 an seiner Weltkarte arbeitete, hatten sich die Nachrichten von der Entdeckung der Neuen Welt in Europa gerade erst herumgesprochen. Christoph Kolumbus war im Vorjahr verstorben und hatte noch die Überzeugung mit ins Grab genommen, einen Weg zur Südostküste Asiens entdeckt zu haben. Erst der Seefahrer Amerigo Vespucci zeigte sich in seiner Schrift „Mundus Novus“ davon überzeugt, einen völlig neuen Kontinent entdeckt zu haben. Einen Bericht, den auch der Kartograph Waldseemüller vorliegen hatte und als Grundlage seiner Landbeschreibungen nutzte.

Ob Christie’s Darstellung zu den wenigen Originalkarten zählt, die von Waldseemüller erhalten geblieben sind, oder eine fast perfekte Fälschung ist, soll möglichst bis zum Jahreswechsel ermittelt werden. Am Mythos Amerika dürfte sich damit jedoch nichts ändern, ganz gleich, wie die Nachforschungen ausfallen. Obwohl der einst so fremde Doppelkontinent heute zu den meistbeschriebenen Regionen der Erde zählt, schwingt noch immer eine Verheißung in dem Namen mit. Allen Enttäuschungen zum Trotz bleibt die neue Welt noch immer so grenzenlos, dass sie die Hoffnung auf einen Neuanfang symbolisiert.

So ist die Massenabwanderung im 19. Jahrhundert aus Europa zwar mit den schweren wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen der damaligen Zeit eng verbunden, aber ohne die Verheißungen von Freiheit und Selbstbestimmung hätten sich nicht so viele Menschen auf den gefahrvollen Weg über den Atlantik gemacht. Und seit Mitte des 20. Jahrhunderts, als die USA zur Führungsmacht der freien Welt aufstiegen, stützt sich die große Demokratie nicht allein auf die Macht von Militärs und Wirtschaftskraft, sondern maßgeblich auf die Ideale, die sie selbst vorgibt und von vielen Seiten bestätigt bekommt.

Bei ungezählten Menschen, die mit Amerika in Kontakt stehen, ist bei näherem Hinschauen denn auch ein gewisse Widersprüchlichkeit zu beobachten: Einerseits gehen sie mit diesem Land um wie mit einem x-beliebigen anderen Staat. Mal ist es ein Handelspartner, mal ein Mitbewerber. Andererseits schwingt im Hinterkopf oftmals der Gedanke mit, ob dieses Land vielleicht zur eigenen Heimat werden könnte.

Daran hat sich über lange Zeit wenig verändert. Schon 1848, nach der gescheiterten Revolution in Deutschland, stand für tausende Liberale fest, dem obrigkeitsstaatlichen Druck daheim nach Amerika zu entfliehen. Wirtschaftlich wäre es ihnen im damaligen England vielleicht besser ergaben, aber Amerika verhieß etwas ganz anderes. Die sogenannten Forty-Eighters hatten an ihr neues Zuhause für die damalige Zeit einen hohen Anspruch: Wo die Freiheit ist, dort ist ein Vaterland, so lautete ihr Motto.

Ein Bild, das bis heute nachwirkt. Dank der erleichterten Reisemöglichkeiten stellt sich für Auswanderungsinteressierte der Gegenwart zwar nicht mehr zwangsläufig die Frage, ob Amerika für den Rest des Lebens zum Wohnort wird. Aber Prominente wie der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg leben beispielhaft vor, dass Amerika noch immer ein passender Ort ist, um sich neu zu erfinden – egal, ob der Versuch auf einige Jahre oder mehrere Jahrzehnte angelegt ist.

Auf dieser Vorstellung liegt seit der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA allerdings ein dunkler Schatten. Die Einreisebeschränkungen für sechs Staaten mit überwiegend muslimischer Bevölkerung, die kürzlich vom Obersten Gerichtshof bestätigt wurden, erscheinen auch in den nicht betroffenen Ländern als düstere Vorahnung. Trumps America-First-Politik gilt gerade außerhalb der Vereinigten Staaten als zutiefst unamerikanisch. Es ist eine traurige Erkenntnis, aber die anhaltende Empörung über den Populisten im Weißen Haus fällt nicht zuletzt deshalb so lautstark aus, weil der Mythos lebendig ist – auch 500 Jahre nach der ersten Namensgebung.

Von Stefan Koch/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Im bürgerlichen Leben finden sich die A-Cappella-Mädels nicht zurecht. Dann singen sie eben wieder. In „Pitch Perfect 3“ (Kinostart am 21. Dezember) machen sie sich auf den Weg nach Europa, um dort für die amerikanischen Truppen zu singen.

20.12.2017
Kultur Speaker’s Corner - Adventsbetrug am Volk

Laufend Sondierereien in Berlin und Adventssingen im Fernsehen. Um anständig besinnlich zu werden, ist die Zeit in diesem Jahr zu knapp, meint Hans Zippert.

10.12.2017
Kultur Geschenktipps für Freunde und Familie - Das können wir nur empfehlen

Ja, es stimmt, es ist schon wieder Weihnachten. Fast jedenfalls. Eltern grübeln, Partner schwitzen, Freunde suchen. Und unsere Redakteure helfen – mit ein paar Geschenktipps.

10.12.2017