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14:48 10.10.2016
Mendelssohn-Denkmal in Leipzig.  Quelle: LVZ
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Leipzig,

 
 2017 ist Monteverdi-Jahr: am 15. Mai 1567, vor 450 Jahren also, wurde der Komponist in Cremona getauft, und als er gut 76 Jahre später in Venedig starb, hatte er die abendländische Musik so gründlich umgekrempelt wie vor ihm nur die Schule von Notre Dame und nach ihm Arnold Schönberg. Man kann ihn, den göttlichen Claudio, mit einigem Fug und Recht als den Erfinder jener Barockmusik bezeichnen, die Johann Sebastian Bach gut 10 Jahre später vollenden sollte. Und genau darum ist es auf den ersten Blick mindestens plausibel, dass dem Wirken Claudio Monteverdis, der in späten Jahren noch die niederen Weihen empfing, um Domkapellmeister in Venedig werden zu können, ein Schwerpunkt im Rahmen des Bachfestes 2017 gewidmet ist – neben dem, der unter dem Motto „Ein schoen new Lied“ um den 500. Geburtstag der Reformation kreist.

Jürgen Ernst leuchtet das dennoch nicht ein : „Ich liebe die Musik Claudio Monteverdis“, sagt der Chef des Mendelssohn-Hauses in Leipzig, „aber dass ein katholischer Priester im Jahr des Reformations-Jubiläums in Leipzig auf breiter Front gefeiert wird und für Felix Mendelssohn Bartholdy, den wichtigsten protestantischen Kirchenmusik-Komponisten des 19. Jahrhunderts, nur ein Feigenblatt bleibt, das finde ich nun doch etwas befremdlich.“

Das Befremden von Mendelssohns Lordsiegelwahrer in Leipzig ist leicht nachzuvollziehen im Angesicht des Umstandes, dass 2017 der erste Jahrgang ist, in dem Bachfest und Mendelssohn-Festtage zusammenfließen sollten zu Leipziger Musikfestspielen – unter welchem Namen und unter welcher Dachmarke auch immer. Folgerichtig wurden die Mendelssohn-Festtage, mit denen seit 1997, dem Jahr seines 150. Todestages, das Gewandhaus mit den Partnern, Mendelssohn- und Schumann-Haus, Hochschule für Musik und Theater, Bach-Archiv, Musikinstrumenten-Museum, Thomanerchor und Mendelssohn Kammerorchester, das Andenken des Erfinders des modernen Musiklebens hochhielt, schon einmal eingestellt: Die 20. Ausgabe des Festivals, das auf Initiative des 2015 gestorbenen Gewandhauskapellmeisters Kurt Masur zurückging, endete am vergangenen Wochenende, und sie war bekanntlich die letzte.

Das müsste kein Problem sein, ginge es nun gemeinsam mit dem Bachfest in etwas Neuem auf, von dem alle etwas hätten. Denn das Bachfest stagniert mittlerweile auf hohem Niveau: Zwischen deutlich unter 60 000 und deutlich über 70 000 Besucher verzeichnete die Statistik in den vergangenen Jahren meist bei um die 100 Konzerten. Das sieht auf den ersten Blick mächtig gewaltig aus – relativiert sich aber auf den zweiten: Davon kauften unter 30 000 eine Karte, der Rest erfreute sich zahlreicher Veranstaltungen bei freiem Eintritt, der Motetten in der Thomaskirche, der Gottesdienste, natürlich der Open-Air-Konzerte auf dem Markt.

So führt an einer Erkenntnis kein Weg vorbei: Soll Leipzigs Musikfestival wachsen, den Anschluss an die Großen finden, braucht es mehr und größere Säle. Zum Beispiel die von Gewandhaus und Oper, die gemeinsam über rund 3500 Plätze verfügen – und ein Niveau repräsentieren, das internationalen Festivalglanz zu verströmen in der Lage ist. Für Gewandhausdirektor Andreas Schulz ist der Fall klar: „Es ist alles da für ein internationales Musikfestival, das die Persönlichkeiten, denen die Musikwelt im Allgemeinen und Leipzigs Musikleben im Speziellen so viel verdanken, unter einem Dach zu vereinen: Bach und Mendelssohn, dazu Schumann und auch Wagner. Aber wir, die musikalischen Institutionen der Stadt, können das nur umsetzen – der Startschuss muss aus dem Rathaus kommen“

Tatsächlich wird dort darüber seit mindestens einem Jahrzehnt so ausführlich wie wohlwollend debattiert. Warum es trotz der Einstellung der Mendelssohn-Festtage dennoch einstweilen nichts damit wird, darüber lässt sich einstweilen nur spekulieren. Offenkundig ist Alexander Steinhilber, der Anfang des Jahres als Geschäftsführender Intendant des Bachfestes seinen Dienst im Bose-Haus antrat, im Vorfeld nicht hinreichend darüber informiert worden, dass dieses Festival sein Gesicht ändern soll. „Für mich ist entscheidend, dass der Markenkern des Bachfestes erhalten bleibt. Denn warum kommen denn die Leute aus aller Welt nach Leipzig? Wegen Bach!“, gab er im Interview zu Protokoll. Und so ist eben auch das Programm des kommenden Bachfestes gestrickt, dessen Vorverkauf morgen beginnt: Bach im Zentrum, weitere Schwerpunkte auf Reformation und Monteverdi. Offenkundig wurde und wird auf den letzten Metern nun noch ein wenig Mendelssohn-Kosmetik betrieben. Eine für die letzte Woche angesetzte Pressekonferenz zur Programm-Vorstellung wurde kurzerhand umgewidmet und von Thomaskirche und Thomanern allein bestritten. Aber mehr als das von Jürgen Ernst beklagte Feigenblatt kann kaum noch dabei herauskommen.

So beschwichtigt nun auch Skadi Jennicke, seit Juni erst Leipzigs Kulturbürgermeisterin und somit noch sehr neu in diesem sehr alten Spiel, alles sei „im Fluss“, nun fange „ein Prozess des Übergangs an, den alle Beteiligten sehr offen mitgestalten und der wohl zwei Jahre dauern wird. 2019, 2020 denke ich, werden wir am Ziel sein. Ob das Ergebnis dieses Prozesses dann noch ,Bachfest’ genannt wird, kann zu diesem Zeitpunkt noch niemand sagen. Klar ist: Ich möchte Bach und Mendelssohn auf keinen Fall gegeneinander ausspielen – aber Mendelssohn hat einen enormen Stellenwert für die Stadtentwicklung.“ Tatsächlich hat Bach in Leipzig der Welt unerreicht große Musik geschenkt – aber Mendelssohn hat Leipzig zur Musikstadt gemacht und zur Hauptstadt der Romantik.

Wenn aber „alle Beteiligten sehr offen“ ans Festival-Thema herantreten, warum dauert es dann noch so lange? Eine Antwort könnte in der Person John Eliot Gardiners begründet liegen, bei dem als Präsident des Bach-Archivs seit 2014 die dramaturgischen Fäden des Bachfestes zusammenlaufen. Zwar gab auch der zu seinem Amtsantritt bekannt: „Es muss gelingen, die romantische Tradition Leipzigs, Mendelssohn, Schumann, und die Bachpflege auf höchstem internationalem Niveau unter dem Dach des Bachfestes und darüber hinaus zusammenzubringen“, aber in der Zwischenzeit hat er in Leipzig Riccardo Chailly verloren, seinen Freund und wichtigsten musikalischen Partner in Romantik-Fragen. Überdies ist unklar, ob und wie dieser große Musiker und Forscher Leipzig über 2018 hinaus erhalten bleibt. Da ist es wahrscheinlich, dass hier einer der Gründe dafür liegt, dass Jennicke das Ende des Prozesses erst für 2019, 2020 ansetzt.

Wann auch immer dieser Prozess wohin auch immer führen mag: Für 2017 sind die Messen gelesen, wird Mendelssohn nicht mehr in hinreichender Würde und Umfänglichkeit ins Bachfest finden können. Aber spätestens 2018, Prozess hin wie her, muss Mendelssohn im Leipziger Kulturleben wieder die Rolle spielen, die er verdient. Erstens, weil die Stadt ihm nicht nur beinahe alle musikalischen Strukturen verdankt und letztlich auch die Möglichkeit der heutigen Bachpflege – und zweitens, weil Oberbürgermeister Burkhard Jung es Kurt Masur versprochen hat, dem zweiten Ermöglicher romantischer Größe in und aus Leipzig.

Von Peter Korfmacher

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