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Kultur Wieder unter Feuer: Zwei Multimedia-Projekte im Kunstkraftwerk Leipzig
Nachrichten Kultur Wieder unter Feuer: Zwei Multimedia-Projekte im Kunstkraftwerk Leipzig
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19:19 23.09.2016
WERK in Progress“ in der früheren Heizhalle.  Quelle: Wolfgang Zeyen
Leipzig

 Es ist eine sehr sachliche Notiz, die das Ende von 119 Jahren Energiegewinnung in Lindenau besiegelt: „20.7.1992. Abgestellt“. So hatte es Schichtleiter Wolfgang Knospe an der Steuerungsanlage des alten Heizwerks Lindenau handschriftlich notiert – und so ist es dort heute noch zu lesen. Am Samstag wird das Kraftwerk in der Saalfelder Straße wieder angestellt, wenn das Multimedia-Projekt „WERK in Progress“ der italienischen Künstlergruppe „Immersive Art Factory“ das alte Industrieherz künstlerisch zum Schlagen bringt. Auch Wolfgang Knospe entzündet das alte Feuer – er wurde für diese spielfreudige, aber auch den Ort ernstnehmende Reanimation interviewt und huscht als Projektion über die Wand.

Mit der hier erzeugten Wärme wurde einst Wasser erhitzt, das über Rohrleitungen zu Industriebetrieben im Leipziger Westen gelangte. Die Geister der Vergangenheit und die Kreativität der Gegenwart, sie verbinden sich vorzüglich an diesem Ort, der jetzt als Kunstkraftwerk Leipzig firmiert. Zu erleben ist ein dynamisches Fresko, ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk. Es rauscht, es knackt, es hämmert. Orgelklänge wehen durch die Halle. Eine Dampflok fährt vorüber, Lichtkreise malen sich auf den Boden, verschwinden wieder, Auto-Fertigungshallen werden schemenhaft sichtbar. Rauch steigt an der Wand auf, Frauenfiguren geistern über die alten Ziegel. Dann scheint ein Gewirr aus bunten Rohren auf, die übergehen in eine Struktur, die an Nervenbahnen erinnert. Am Ende fallen Sterne vom Himmel.

Cinematographische Metapher

Alles schwebt, schwingt traumverlorenen ineinander über. Und der Besucher ist nicht nur Betrachter, sondern Teilnehmer, Flaneur, Projektionsfläche. Dieses (Heiz)werk in progress ist eine assoziative, sinnliche 360-Grad-Anderswelt, in der man für 20 Minuten verschwindet. Darauf spielt auch der Begriff „immersiv“ an. Das englische „immersion“ bedeutet so viel wie „Eintauchen” oder „Vertiefung in eine Sache“. Geschichtsschreibung im strengen Sinne ist das alles natürlich nicht. Und doch lebt die alten Funktion des 1863 als Gaswerk errichteten, 1964 bis 1992 als Heizkraftwerk genutzten Gebäudekomplexes virtuell auf. Eine cinematographische Metapher für Aufstieg, Niedergang und Wiederbelebung der Leipziger Industrieareale.

Es ist nicht das einzige Projekt, das die „Immersive Art Factory“ mit ihrem Leiter Gianfranco Iannuzzi im Kunstkraftwerk realisiert hat. Ebenfalls ab Samstag ist dort eine audiovisuelle Hommage an den in Wien geborenen Künstler Friedensreich Hundertwasser (1928–2000) zu erleben. „Hundertwasser Experience“ ist noch größer, noch bunter, allerdings auch nicht mit dem Ort verwachsen wie die Inszenierung in der etwas kleineren Nachbarhalle.

Überwältigung ist Programm

Auch hier ist Überwältigung Programm, wenn der ganze Raum akustisch und optisch zu leben beginnt, sich Hundertwassers urban-organische Vision an den Wänden, auf dem Boden und in den im Raum verteilten Spiegelflächen entwickelt – zur Musik des Komponisten Luca Longobardi, in der sich charmant technoide Sounds und handgemachte Elemente mischen. Es beginnt mit Wald, Licht und Himmel, Hundertwasser selbst taucht an einem Flusslauf auf, dann erobern seine bunten Linien und naiven Formen den Raum. Eine Stadt entsteht. Verschlungene Häuserschluchten, Gesichter, Schrift, Augen, Fische. Alles fließt, verfließt zum Finale in einem dramatischen Regenvorhang.

Insgesamt 1750 Quadratmeter haben die Italiener bei ihrem ersten Auftritt in Deutschland zu Projektionsfläche gemacht. 46 Beamer, 12 Lautsprecher, ein Kilometer Glasfaser- und mehrere Kilometer Netzwerkkabel wurden in den alten Gemäuern versteckt. Dass hier, wo früher Kohle, Feuer und Asche regierten, jetzt ganz andere Energien fließen, liegt an dem Architekten Ulrich Maldinger und Markus Löffler, Professor für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie an der Universität Leipzig. Sie übernahmen die Immobilie mit 2300 Quadratmetern Nutzfläche, organisieren seit dem vergangenen Jahr Veranstaltungen und Ausstellungen. Sie nennen das „unser Hobby“.

Gianfranco Iannuzzi schließt sich in den Hallen ein

Als Löffler von Iannuzzis Kunst hört, fragt er ihn, ob er sich das alte Heizwerk ansehen will. „Ich war überrascht, denn er willigte sofort ein.“ Dann habe er gebeten, dort zwei Tage eingeschlossen zu werden. Anschließend, so berichtet Löffler, habe der Italiener nur eine Frage gestellt: „Haben Sie irgendwelche Vorgaben?“ – „Nein“, sagen die Leipziger. Und nachdem sie bereits einen stilgelegten Steinbruch in Frankreich, eine Seebrücke in Manhattan oder einen ausrangierten Öltanker in Seoul bespielt hat, zaubert die „Immersive Art Factory“ nun in Leipzig, im ehemaligen Heizkraftwerk. Es besitze eine Seele, sagt Iannuzzi. „Die wollen wir wiederfinden.“

Kunstkraftwerk Leipzig (Saalfelder Straße 8b), ab Samstag (10-18 Uhr), bis 24.8. 2017 an ausgesuchten Spieltagen, die auf www.kunstkraftwerk-leipzig.de veröffentlicht werden, Tickets für „Hundertwasser Experience“ und „WERK in Progress“ jeweils 7,50/5 Euro, Kombiticket 10/7,50 Euro

Von Jürgen Kleindienst

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