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Wiener Moderne im Leipziger Gewandhaus

MDR Matinée Wiener Moderne im Leipziger Gewandhaus

Kristjan Järvi ließ sich mit dem MDR Sinfonieorchester und Sopranistin Ann-Helen Moen diesmal – lag es am Termin als Adventsmatinée? – zu einem ungewohnt lichten Gestus verführen. Mit Werken von Franz Schmidt, Erich Wolfgang Korngold und Gustav Mahler.

MDR-Chefdirigent Kristjan Järvi.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Richtig spannend wird es auf der Bühne und im Konzertsaal bei Werken der Psycho-Romantik nach 1900 immer dann, wenn sich der Überdruck aus erotischer Besessenheit, Frustration und Gewalt vom Rausch der Klänge in die Eingeweide der Hörer frisst. Wenn Aufregung zu Erregung wird. Anlässe dazu gab es im MDR-Themenkonzert „Leipzig – Wien“ am Sonntag im Gewandhaus mit Werken von Franz Schmidt, Erich Wolfgang Korngold und Gustav Mahler viele. Doch auch Erfüllung?

Kristjan Järvi lässt sich mit dem MDR Sinfonieorchester diesmal – liegt es am Advents-Termin – zu ungewohnt lichtem Gestus verführen: Eingangs tönen Schmidts sinnlich flirrendes Zwischenspiel samt Karnevalsmusik aus der Oper „Notre-Dame“ aus zwei Welten. Wie ein Gemälde, auf dem Kolorit und erotisches Charisma klar getrennt sind. Kaum zu hören ist, dass die Ausgelassenheit jede Sekunde im Exzess explodieren könnte. Dass nicht Esmeralda die Hexe ist, sondern Phantasien und Fleischesnöte aus den Ekstasen eines katholischen Priesterhirns entspringen. Nicht hintereinander, komponiert ist das Eine im Anderen. Järvi aber gliedert klare Kontraste: Da Musikdekor, dort jenes Kribbeln auf der Haut, das Begehren mehr bändigt als steigert.

Mehr Innigkeit als Leidenschaft

Auch in den Nummern aus Opern Korngolds suchen Järvi und die Sopranistin Ann-Helen Moen mehr Lied-Innigkeit als heißkalte Leidenschaft. Aber was passiert in diesen Szenen? Da setzt die Titelfigur im „Wunder der Heliane“ alles auf die Rettung ihres Lebens und der Liebe. Das Lautenlied Mariettas aus der „Toten Stadt“, es ist eigentlich ein hochraffiniertes Spiel aus Fetischzwang und Verführung. Ansätze zur Durchdringung dieser bizarren Manierismen führt Moen vor. Am wohlsten aber fühlt sie sich im operettennahen Solo aus „Die Kathrin“.

Mahlers Erste folgt nach der Pause und als Zugabe sogar die „Blumine“, der in der letzten Fassung vom Komponisten gestrichene Satz. Järvi macht daraus einen musikalischen Trödelmarkt für riesiges Salonorchester. Die Fernwirkungen der Bläser und Zitate aus den „Liedern eines fahrenden Gesellen“ sind angeschliffen und wenig intonationsrein, das Trio des „Bruder-Jakob“-Scherzos mehr randalierender Gassenhauer als ferngerückte Ländler-Seligkeit. Auf der Strecke bleiben so alle Dimensionen der Klage um Unwiederbringliches, die in Mahlers Erinnerungsschaudern doch auch mitschwingen.

Tschaikowskys wohlige Elegien in der Schauspielmusik zu Ostrowkys „Snegurochka“, rechtzeitig vor Weihnachten bei Sony erschienen als CD des MDR, sind bei Järvi in besseren Händen als die Brüche Mahlers und die aus Psychoexzessen wie neu entstehenden Melodiegebilde Korngolds.

Von Roland H. Dippel

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