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Wilfried Schmickler teilt im Schauspiel Leipzig aus

Kabarett-Gastspiel Wilfried Schmickler teilt im Schauspiel Leipzig aus

Die großen Kabarettpreise hat Wilfried Schmickler fast alle abgeräumt. Er genießt seit Jahren Fernseh-Präsenz. Ruhiger lässt es der Kölner Kabarettist dennoch nicht angehen. In seinem Programm „Das Letzte“, am Freitagabend im Schauspiel Leipzig zu sehen, teilte er wieder kräftig gegen Politik, Medien und Denkeinfalt aus.

Wilfried Schmickler Im Leipziger Schauspiel.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Als Wilfried Schmickler vor gut zwei Jahren bei der Lachmesse das Schauspielhaus füllte, da gab er sich sichtlich Mühe, noch einige FDP-Pointen rauszuhauen. Schlussverkaufsstimmung – die selbst ernannten Liberalen rutschten gerade flächendeckend unter die Fünfprozent-Hürde und damit aus den Parlamenten. In Bremen sitzen sie seit Mai wieder in der Bürgerschaft und bieten sich damit der Kabarett-Branche feil, wie ein Zwölfender auf der Lichtung. Auch Schmickler freut sich über das Angebot am Freitagabend, als er sein aktuelles Programm „Das Letzte“ im Rahmen eines Lachmesse-Extras vorstellt.

Ein gezielter Schuss gegen die damals 29-jährige FDP-Spitzenkraft Lencke Steiner, die in Papas Firma an der Herstellung von „Flachbeuteln und Schrumpfschläuchen“ beteiligt sei, ist dann aber schon so gut wie alles zum Thema. Schmickler schöpft das Potenzial bewusst nicht aus, leitet lieber über zu einem generellen Seitenhieb gegen den Polit-Betrieb, in dem Erfahrung nicht mehr viel Wert scheine.

Ein Schwenk vom Einzelfall in die Totale, wie er symptomatisch ist für Schmicklers Programm. Der 61-Jährige gehört als virtuoser Wortdrechsler seit Jahrzehnten zur ersten Liga der Polit-Kabarettisten im Land, er ist ausgezeichnet mit Deutschem Kleinkunst- und Kabarettpreis und medial präsent bei den WDR-Mitternachtsspitzen – aber er hält sich dennoch nicht mit den tagesaktuellen Aufregern auf, verliert sich nicht im Unterholz des Parteiengezänks und Personalkarussells. Schmickler beobachtet vom Hochsitz aus. Gesellschaftliche Veränderungen, hartnäckige Missstände, die hat er sicher im Blick. Und bearbeitet sie pointiert, mit allen sprachlichen Möglichkeiten von lyrisch bis derb.

Datenschutz und gläserner Bürger? Schmickler dreht auf der Bühne seine Kreise und beginnt Schritte zu zählen. „Ich habe gerade eine SMS von meiner Krankenkasse bekommen.“ Vorwurf: Er habe sein Bewegungsoll für den Tag noch nicht erfüllt. Also los, bevor die Beiträge steigen.

Verflachung des Fernsehprogramms? Schmickler erzählt, er habe die Glücks-Themenreihe der ARD gesehen. Scheint ihn irgendwie nicht richtig überzeugt zu haben. „Ich hätte Glückskekse kotzen können.“

Sinnloser Konsum als Sinnersatz? Schmickler illustriert das mit der Fabel vom Hasen und dem Igel. Überall, wohin der Hase (Konsument) gelangt, sitzt schon der Igel (Technikprodukt). Anders gesagt: Wer heute kauft, hat morgen ein veraltetes Gerät in der Tasche und fühlt den nächsten Kaufanreiz aufkeimen. Deshalb ist das Internet zum großen Kaufhaus verkommen, sind die Straßen permanent verstopft von Versand-Lieferwagen. Schmicklers Vorschlag für die Güterverteilung: „Menschenketten aus Langzeitarbeitslosen.“ Am besten gleich zwei. Man braucht ja auch noch eine für die Rücksendungen.

Nette Gags, treffende Vergleiche, anschauliche Übertreibungen. Insgesamt macht er es sich damit manchmal etwas einfach. Der Rheinländer ist weder inhaltlich noch formal ein Innovator seiner Branche. Er ist kein allzu eifriger Analytiker. Und kein Aufklärer, womit derzeit das jüngere Kabarett klug seine Daseinsberechtigung untermauert und neue Publikumsschichten lockt. Schmicklers Stärken liegen woanders.

Der Routinier nutzt zwar Zynismus als Stilmittel, aber er ist kein Zyniker geworden. Man nimmt ihm eine geradezu verletzte Empörung ab, wenn er sich immer wieder darüber wundert, was heute als „normal“ betrachtet wird. „Selbsternannte Deutschland-Reiniger“ bei den diversen Pegidas zum Beispiel. Oder Minderjährige, die durch Casting-Shows gejagt werden. Und er bringt zum Nachdenken, wenn er fragt, ob die gegenwärtigen Neuankömmlinge, die kein deutsch können, eigentlich wissen, wer für und wer gegen sie demonstriert, wenn sich die Menschen vor der Massenunterkunft sammeln.

Schmickler, selbst sozial engagiert, verbreitet unterschwellig auch auf der Bühne die Botschaft, dass man mit etwas mehr Menschlichkeit und Toleranz die Welt zu einer besseren machen kann. „Wir sollten uns den einen oder anderen Gedanken über die Zukunft machen“, sagt er zum Schluss seines Programms. Dem politischen Personal scheint er diese Gedanken nicht zuzutrauen. Merkel bekommt kurz und knapp auch ihr Fett weg. „Der größenwahnsinnige Sultan aus Ankara“ sei der einzige Staatsmann, der noch freiwillig mit ihr aufs Foto wolle.

Die Vorkommnisse der Silvesternacht von Köln sind dem Wahl-Kölner aus seiner Flughöhe kein eigener Block im Programm wert. Aber er bindet die verschiedenen Aspekte, die damit verknüpft sind, immer wieder flüssig ein. Seine rhetorische Frage: „Wo sind die Polizeihundertschaften von Elmau, wenn man sie mal braucht?“

Schmickler legt einen zügigen Ritt durch die bundesrepublikanische Gegenwart von Lifestyle-Vegetariern bis zu Flüchtlingschaos hin. Ein Auftritt, der auch nach fast zwei Stunden nicht ermüdet. Weil der Kölner sein Handwerkszeug perfekt beherrscht. Ein paar Lieder, Hochgeschwindigkeits-Reime, mit denen er auch auf einer Poetry-Slam-Bühne locker bestehen würde, ein paar Witzchen und immer wieder bitter vorgetragene Empörung über die Welt, wie sie ist. Schmickler darf gern wieder kommen in sein „Lieblingsleipzig“, wie er die Stadt scherzhaft zur Begrüßung nennt. Schließlich bleibt er mit solchen Abenden eindeutig der Lieblingsschmickler des Publikums.

Von Dimo Riess

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