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Kultur „Win/Win“ in der Leipziger Spinnerei
Nachrichten Kultur „Win/Win“ in der Leipziger Spinnerei
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00:20 16.06.2017
Arbeit ohne Titel von Benjamin Stölzel. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Über „Win/Win“ zu berichten, ist eine journalistische Herausforderung. Der Leser liebt Meldungen über dramatische Veränderungen. Doch hier: Eine geradezu langweilige Kontinuität. Neue Namen, ja. Natürlich neue Arbeiten, schon. Doch Jahr für Jahr schüttet der Freistaat Sachsen eine annähernd gleiche Summe aus, um Arbeiten einer ähnlich großen Zahl von Künstlern anzukaufen. Ermüdend. Gut so! Neben dem Kulturraumgesetz ist dieses Ankaufprogramm einer der Fakten, weswegen Kulturschaffende vieler Bundesländer die Sachsen beneiden.

Die jetzt in Halle 14 zu sehenden Einkäufe sind alles andere als langweilig. Schon am Eingang wird man von einem ziemlich unkorrekt erscheinenden Ballett überdimensionierter Zigaretten begrüßt. Dann sind es auch noch polnische Zigaretten. Wilhelm Klotzek ist der Autor dieser sanften Provokation. Etwas herber ist die Gruppe erzgebirgischer Holzköpfe in Lebensgröße mit schwarzrotgoldenen Bannern, geschaffen vom Team Reinigungsgesellschaft, das aus Henrik Mayer und Martin Keil besteht. Die Symbolfiguren volkstümelnder Gemütlichkeit wirken geradezu bedrohlich, auch wenn kein Rauch ihren Mundlöchern entströmt. Überraschend an dieser „Einig Vaterland“ titulierten Installation ist allerdings das Entstehungsjahr 2001, das die Künstler zu Visionären macht.

Jahr für Jahr schüttet der Freistaat Sachsen eine annähernd gleiche Summe aus, um Arbeiten von Künstlern anzukaufen. Die sind jetzt in Halle 14 in der Spinnerei zu sehen.

Ironie ist keine Ausnahme bei Win/Win 2017. Moritz Liebig hat in einer Vitrine 165 „Glorreiche“ zusammengepfercht. Die Keramikfiguren sind populären Vorlagen entlehnt. Nicht nur das fragile Material, auch die Platznot hindert die Superhelden an nennenswerten Wirkmöglichkeiten. Etwas subtiler ist der Witz bei Ronny Szillos Plastiken verpackt. Auch sie sind aus Keramik, Metallwerkzeuge stecken noch drin, beim Brennen scheint etwas schiefgelaufen zu sein. Szillo schafft pseudoarchäologische Artefakte, die von einer Boulevardzeitung schon mal als Sensationsfund angepriesen wurden. Eine gewisse Selbstironie ist auch in der Neonröhreninstallation „It’s Magic“ des Duos Art’n More (Paul Bowler und Georg Weißbach) zu finden, spielt sie doch auf Mechanismen des Kunstmarktes an. Sogar die zunächst abstrakt anmutende Grafik von Henriette Grahnert wird mit dem Titel „Alte Schachtel“ zum Humor, weil man dann die benutzte Reibfläche einer Streichholzschachtel erkennt.

Dann gibt es aber auch Arbeiten, die ernst sind, todernst. „Die Hinterbliebenen“ heißt eine Gruppe von Keramiken Till Ansgar Baumhauers, an die Opfer eines verheerenden Luftangriffes auf afghanische Zivilisten erinnernd. Karin Winkler arbeitet in ihrer Videoinstallation die Nachwirkungen des deutschen Kolonialregimes in Namibia auf. Mandy Gehrts Fotoserie „Erbstücke“ stellt die Reste eines Zwangsarbeiterlagers am Südrand von Leipzig ebenso dar wie die benachbarten Villen der nichtsahnenden Nachbarn. Politischer Natur sind auch die Videos und zugehörigen Handtücher von Anja Kaiser, weil sie die Frage stellen, was denn in der Sexualität als normal oder unnormal gilt.

Online-Kommentare werden Kunst

Zu einem Jubiläum der Völkerschlacht und dem dazu gehörenden Nachspielen der Ereignisse gab es in der „LVZ“ 2012 einen Artikel, dessen Onlineausgabe 53 Kommentare nach sich zog. Diese zumeist unter Pseudonym veröffentlichten Einlassungen sind Inhalt von Sven Bergelts Audioinstallation. So wird Pressearbeit zu Kunst. Auf eine ganz andere Weise setzt sich Timo Herbst mit der Medienwirksamkeit auseinander. Das Video „Play by Rules“ zeigt mehr die auf ihre Chance wartenden Reporter als die Protestaktionen von Flüchtlingen in Budapest im September 2015.

Die diesjährige Auswahl der Kulturstiftung ist politisch, ist es auch nicht. Abstraktionen finden sich. So die mit Überlagerungen spielenden Zeichnungen von Ines Beyer oder die großformatige Farbfeldmalerei des diesjährigen LVZ-Kunstpreisträgers Benedikt Leonhardt. Einen besonderen Platz nimmt die Werkgruppe von Ruth Wolf-Rehfeld ein. Die Künstlerin wurde 1932 in Wurzen geboren. Ihre mit einer Schreibmaschine verfertigte bildhafte Poesie erfuhr erst in den letzten Jahren überregionale Anerkennung.

Für alle Auserwählten ist der Ankauf nicht allein ein materieller Gewinn, sondern auch eine öffentliche Anerkennung ihres Tuns. Die langweilige Konstanz des Engagements für die Kunst in Sachsen verleitet nach 25 Jahren aber zum Wunsch, dass die Mehrheit der Werke nicht in Depots verschwindet. Gegen die Behübschung von Behördenkorridoren ist an sich nichts einzuwenden, doch öffentliche Wirksamkeit sieht anders aus. Die Bereitstellung eines für jedermann zugänglichen Onlineverzeichnisses aller seit 1992 erworbenen Werke wäre ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Win/Win. Neuzugänge – junge Kunst für Sachsen: bis 2. Juli, Di–So 11–18 Uhr; Halle 14, Spinnereistr. 7 in Leipzig

Von Jens Kassner

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