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„Wir müssen zurück auf Los“

Frank Richter im Interview „Wir müssen zurück auf Los“

Frank Richter versuchte als Leiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, einen Dialog mit Pegida-Anhängern zu führen, wofür er gleichermaßen Lob wie Kritik erntete. Seit Anfang des Jahres ist er einer der Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche.

Frank Richter ist aus der CDU ausgetreten. (Archivfoto)

Quelle: Anja Schneider

Leipzig. Frank Richter versuchte als Leiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, einen Dialog mit Pegida-Anhängern zu führen, wofür er gleichermaßen Lob wie Kritik erntete. Seit Anfang des Jahres ist er einer der Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche. Vor kurzem trat er aus der CDU aus. Ein Gespräch über die Kultur des Dialogs.

Sie wurden am gleichen Tag geboren wie 71 Jahre zuvor Hitler. Hat dieses Datum Ihren Lebensweg beeinflusst?

Frank Richter: Zum Glück hat auch mein Vater, Jahrgang 1938, am selben Tag Geburtstag. Ich wurde durch dieses Datum darauf aufmerksam, dass auch zu tiefsten DDR-Zeiten heimliche Führergeburtstage gefeiert wurden, zum Beispiel in Großenhain bei Meißen, wo ich aufgewachsen bin. Es gab in der DDR einen versteckten Neonationalsozialismus. Dass diese Entwicklung erst nach Wende in den Osten gekommen ist, kann ich nicht bestätigen.

Wie viele Gespräche haben Sie mit so genannten besorgten Bürgern geführt?

Frank Richter:  Ich bedaure, dass der Begriff eine negative Konnotation bekommen hat. Sie unterstellt pauschal, alle Proteste seien nur vorgeschoben. Sich Sorgen zu machen, ist zunächst mal vernünftig.

Wie würden Sie Gida-Anhänger denn bezeichnen?

Frank Richter:  Ich hab grundsätzlich keine große Lust, andere zu bezeichnen oder zu betiteln. Ich rede lieber mit Menschen als über sie. Demonstrieren ist ein Grundrecht, das nicht eingeschränkt ist auf intelligente Demonstranten. Auch dann, wenn sich Menschen in Empörung zu den extremen Rändern der Gesellschaft hin bewegen und sich von der freiheitlich-demokratischen Grundordnung entfernen, dürfen wir sie nicht verabschieden. Wenn wir das Prinzip der Ausgrenzung mit Ausgrenzung beantworten, wird es in der Mitte einsam.

Was sind die Erfahrungen, die Sie aus den Gesprächen mitnehmen?

Frank Richter:  Natürlich gibt es Leute, die nicht erreichbar sind für vernünftige Argumente. Aber ich möchte differenzieren. Manche sind nur in bestimmten Konstellationen nicht erreichbar. Bei Demonstrationen, wie diesen archaischen Flurbegehungen in Dresden, pflegen viele ihr geschlossenes Weltbild. Dieselben Mitmenschen können in anderen Gesprächskonstellationen durchaus erreichbar sein.

Verpassen Politiker diese Möglichkeiten?

Frank Richter:  Manche Demokraten grenzen vorschnell aus, wissen von vornherein, mit wem sie nicht reden können. Demokratie beruht aber auf der prinzipiellen Partizipation aller, sonst verdient sie ihren Namen nicht.

Woran liegt das?

Frank Richter:  Die Streitkultur ist eine Baustelle. Das Vorhandensein von Opposition ist ein Konstruktionselement der Demokratie. Wir sollten sie stützen und ausbauen. Dazu gehört es, zu widersprechen, Argumente zu schärfen, Fehlentwicklungen öffentlich zu benennen und dabei bei der Sache zu bleiben.

Können wir die Risse, die durch die Gesellschaft gehen, durch eine andere Kommunikation überwinden?

Frank Richter:  Wir sind innerlich mehrsprachig, sprechen und reagieren in verschiedenen Situationen unterschiedlich. Wir brauchen Gesprächssituationen, die geprägt sind von guter Atmosphäre, Wohlwollen, persönlicher Nähe und vernünftigem Austausch. Nicht nur die Bestätigung, auch der Widerspruch ist zunächst ein Ausdruck von Respekt. Nur, wie soll ich jemandem widersprechen, wenn ich ihm das Gespräch verweigert habe?

Wie können Menschen mit konträren Einstellungen zu einem konstruktiven Gesprächston finden?

Frank Richter:  Kommunikation ist heutzutage nicht ganz leicht. Einerseits besaß keine Generation vor uns so viele Kommunikationsmöglichkeiten wie wir, andererseits ist diese Kommunikation oft banal, anonym, vergiftet oder verlogen. Manche sind nicht mal mehr gewohnt, die Meinung des anderen aushalten.

Hat das mit Narzissmus zu tun?

Frank Richter:  Wir leben in einer narzisstischen Gesellschaft im Sinne von Hans-Joachim Maaz, in der der Horizont zu sehr auf die eigene Wahrnehmung beschränkt ist und die Fähigkeit zu Empathie und Perspektivwechsel schwach ausgeprägt sind.

Wo wäre die Gelegenheit, solche vermutlich in jedem angelegten Fähigkeiten freizulegen?

Frank Richter:  Perspektivwechsel und Empathie stehen in vielen sächsischen Lehrplänen als Lernziele, aber nicht nur dort. In der Wirklichkeit gibt es allerdings viel angelerntes Wissen, das wenig mit wirklichem Verstehen zu tun hat. Dabei sind wir Menschen durchaus empathisch und es kann uns sogar Freude machen, sich in den anderen hineinzuversetzen.

Wie kann man dem Entstehen extremer Einstellungen entgegen wirken?

Frank Richter:  Eine Zahl von der sächsischen Landtagswahl 2009 geht mir nicht aus dem Kopf. Damals gewann die NPD „nur“ 5,6 Prozent, bei den Erstwählern allerdings 19 Prozent. Diese Erstwähler sind alle durch das sächsische Schulsystem gegangen. In der Sozialwissenschaft spricht man von einer Kohorten-Bildung. Wählt jemand einmal und auch zweimal rechtsextrem oder rechtsradikal, verfestigt sich sein Gedankengut. Was lange gewachsen ist, geht nur langsam weg und auch nur dann, wenn man intensiv daran arbeitet.

Sind denn die Menschen, die bei uns im Osten sozialisiert sind, genügend über demokratische Beteiligungsmöglichkeiten informiert?

Frank Richter:  In vielen Gesprächen habe ich erlebt, dass Unmut auch deshalb entsteht, weil Menschen nicht verstehen, wie die demokratische Grundordnung unseres Staates funktioniert.

Was war der Grund dafür, dass Sie nach 25 Jahren Mitgliedschaft nun aus der CDU ausgetreten sind?

Frank Richter:  Der Anlass war eine Diskussion zum Buch „Unter Sachsen“, in dem ich mit einem Beitrag vertreten bin. Es sollte im Rahmen des Literaturfestes Meißen im Rathaus vorgestellt werden. Ein CDU-Stadtrat wollte das verhindern, und am Ende durfte aus dem Buch zwar gelesen, es durfte aber nicht diskutiert werden. Ich dachte mir, wo sind wir hingekommen? Ich hatte gehofft, es würde mal ein Meißner CDU-Politiker protestieren. Aber das hat keiner getan. Dies war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Und die Gründe?

Frank Richter:  Der ausschlaggebende Punkt ist, dass Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien nicht mit meinen friedensethischen Überzeugungen vereinbar sind. Dieser Staat ist ein repressives System nach innen und feindselig nach außen. Ein weiterer Grund ist die sächsische Schulpolitik. Dem Lehrermangel hätte man schon vor Jahren vorbeugen können und müssen. Wenn aus einem Recht auf Bildung die allgemeine Schulpflicht wird, sollte der Gesetzgeber dafür sorgen, dass diese erfüllt werden kann. Und den dritten Punkt sehe ich in der mangelnden Streitkultur. Wie sollen die verschiedenen Flügel einer Partei zusammenhalten, wenn die Kontroversen nicht offen diskutiert werden? Man kann es als asymmetrische Demobilisierung bezeichnen, wenn politische Kontroversen, die zum Wahlkampf gehören, vermieden werden. Dadurch sinkt die Wahlbeteiligung. Der Demokratie wird Schaden zugefügt.

Wie sehen Sie in die nähere Zukunft?

Frank Richter:  Ich bin kein Pessimist. Die demokratische Ordnung ist die beste, die Deutschland je hatte. Uns Menschen ist alles gegeben, was wir zu einer offenen und fairen Auseinandersetzung benötigen. Die ist zwar mühsam, manchmal riskant, aber wichtig. Wir müssen zurück auf Los und die elementare, persönliche Kommunikation pflegen. Von Angesicht zu Angesicht und auf Augenhöhe.

Interview: Anna Kaleri

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