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Wir sind Macius: Uraufführung von "König der Kinder" im Theater der Jungen Welt

Wir sind Macius: Uraufführung von "König der Kinder" im Theater der Jungen Welt

Das Stück ist fast zu Ende und wird gleich seinen verdienten langen und lauten Applaus erhalten. Aber schon jetzt, kurz vor Schluss, demonstrieren die jungen Zuschauer, wie sehr sie die knapp anderthalb Stunden zuvor gepackt haben.

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Kriegsbegeisterung sieht anders aus: Anna-Lena Zühlke, Sonia Abril Romero, Stephan Fiedler, Benjamin Vinnen und Kevin Körber (von links).

Quelle: TdJWTom Schulze

Wie sehr sie die Wünsche und Nöte dieses Kinderkönigs verstehen. Der ausverkaufte Große Saal des Theaters der Jungen Welt mit seinen gut 200 Plätzen verwandelt sich mit einem Mal in ein Kinderparlament, dessen Abgeordnete klare Forderungen formulieren. "Lego!", ruft ein junger Zuschauer, "Pokémon-Karten!" ein anderer. "Mehr Taschengeld!", "eine Katze!", "keine Schule!".

Dabei haben Autorin Katrin Lange und Regisseur Kai Festersen ihrem Publikum ab acht Jahren am Donnerstagabend in der Uraufführung des Auftragswerks "König der Kinder: Macius!" bis dahin harten Stoff zugemutet. Nach Motiven des polnischen Arztes, Pädagogen und Kinderrechtlers Janusz Korczak (1878 bis 1942) ist schon zu Beginn der Aufführung ein Toter zu beklagen: König Stefan der Bedächtige stirbt, sein zehnjähriger Sohn Macius erbt den Thron.

Mit einem Krieg, den Macius auf Anraten seines obersten Ministers anzettelt, mit Kerker und mit verloren gegangenen Kindern setzt sich das Drama fort. Keiner der Zuschauer, keiner der Mitwirkenden dürfte Vergleichbares erlebt haben, zum Glück. Und wer heutzutage eine Geschichte an Kinder adressiert, scheut es in der Regel, von derlei Gräueln zu berichten. Korczak hingegen schrieb sein Buch 1923 im Eindruck der Schlachten des Ersten Weltkriegs, die er als Divisionsarzt erlebte.

Dass ein Krieg nicht viel mit den Ruhmesgeschichten zu tun hat, die Macius' königliche Ahnen überliefert haben, veranschaulicht die Inszenierung zwar eindrucksvoll - mit düsteren, kalten Schützengräben und einem Verließ, dessen modrige Tropfen die Insassen durch Zungenschnalzen hörbar machen. Aber nicht zuletzt die kindlich naive Perspektive von Korczaks Erzählung, die allen voran Kevin Körber als Macius einnehmend auf die Bühne bringt, brechen den Schrecken. "Der Krieg fühlt sich wie ein Knoten im Herzen an", lautet einer der Sätze, die die TdJW-Theaterpädagogen aus der Arbeit mit vier Leipziger Grundschulklassen mitgebracht und in ein Zelt im Foyer gehängt haben. Macius löst den Knoten spielerisch.

Und nicht nur er. Körber ist der einzige, dessen Rolle klar definiert ist, die übrigen Darsteller wechseln mit fröhlicher Offenheit von einer Figur zur nächsten. War Stephan Fiedler eben noch frei nach der Serienfigur Stromberg ein selbstverliebter König des Nachbarreichs, so spricht sein Körper als rauflustiger Straßenjunge Janek eine ganz andere Sprache. Und gab Sonia Abril Romero gerade noch den karrieristischen Minister, hilft sie Macius bald als kecke Vierjährige bei der Flucht. Darüber hinaus federt der Grafiker Hannes Hirche das Gewicht der Handlung mit zauberhaften Figuren ab, die er in Echtzeit zeichnet und schwarz-weiß auf den Bühnenhintergrund projiziert.

Wenn die Geschichte dennoch Furcht einzuflößen droht - etwa, als Macius' Freund Felek verletzt und mitten in der Nacht auf dem Schlachtfeld liegen bleibt - nennt Benjamin Vinnen, der den Felek wunderbar spielt, eben die Fiktionalität des Geschehens beim Namen. "Gut, ich mach's nicht so spannend, und damit keiner Angst kriegt: Felek wird gerettet." Weiter geht's.

Macius und Felek gelingt die Flucht zurück ins eigene Königreich, wo sie flugs besagtes Kinderparlament einberufen. Nur will der Nachbarkönig leider weiterkämpfen - da ist es an der Zeit für die plebiszitäre Versammlung aus Schauspielern und Zuschauern, die erste Bewährungsprobe zu bestehen. "Ich bin Macius", lügen Felek, Janek, Irenka, Halka, damit der neue Kriegstreiber den Kinderkönig nicht niederringen kann - und nicht nur sie: Die Kinder im Saal (die Erwachsenen trauen sich nicht) stimmen ein in den Chor. "Ich bin Macius!" Deutlicher kann ein Publikum nicht demonstrieren, dass es vom Theater gebannt ist. Zur Belohnung leuchtet die düstere Bühne mit einem Mal bunt.

"König der Kinder: Macius!", wieder am Montag, 11 Uhr, Donnerstag, 10 Uhr sowie 31. Mai, 16 Uhr (im Rahmen eines Kinderfests), Theater der Jungen Welt (Lindenauer Markt 21), Karten für 12/6 Euro: 0341 4866016

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.05.2015
Mathias Wöbking

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