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"Wir werden nicht in Ruhe gelassen": Auftakt des 18. Leipziger Literarischen Herbst

"Wir werden nicht in Ruhe gelassen": Auftakt des 18. Leipziger Literarischen Herbst

Zwei Themen mit Erregungpotenzial prägten am Donnerstagabend den Auftakt zum 18. Leipziger Literarischen Herbst. Während es in den Passage Kinos nach der Premiere von Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Anderson" ruhig blieb, als der einstige Stasi-IM Sascha Anderson sich und sein Handeln erklärte, gab es im Alten Rathaus zornige Zwischenrufe.

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Das Alte Rathaus in Leipzig.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Die Enttäuschung speiste sich wohl aus dem Ausbleiben eindeutiger Antworten. Das Thema hier: "Leipzig 1989 - Kiew 2014". Es soll den Bogen spannen vom Motto "25 Jahre Friedliche Revolution" zu deren Auswirkungen heute und anderswo.

Es wird nicht gelesen, es wird gerungen in diesem ersten "Buchmesse extra": um Begriffe und Haltungen. Es geht um den Euromaidan, um die Proteste in der Ukraine, die Krim und den Krieg. Da liegt eine Spannung in der Luft wie wohl selten bei einer feierlichen Eröffnung des Literarischen Herbstes. Moderator Jens Bisky löst sie souverän, klug und - mit Witz. Einem "Ostblockwitz". Zuvor hatte sich der in Leipzig lebende Schriftsteller Adel Karasholi aus dem Publikum zu Wort gemeldet. Fragen nach der Lage in seiner syrischen Heimat kontere er mit dem DDR-Witz, in dem ein schweigender Mann gefragt, ob er denn gar keine Meinung habe. Die Antwort: "Doch, aber ich bin mit meiner Meinung nicht einverstanden."

Das bringt die Situation auf den Punkt: Interesse und Ratlosigkeit im Festsaal, Wissen und Ratlosigkeit auf dem Podium mit seinen vier Autoren. Kateryna Mishchenko war in Kiew und hat mitdemonstriert. Auf den Maidan zu gehen, war wie Arbeit, sagt sie. Katja Petrowskaja ist in Kiew aufgewachsen, für ihre Familiengeschichte "Vielleicht Esther" hat sie gerade den ZDF-"aspekte"-Literaturpreis erhalten. Der Historiker Karl Schlögel bekam für sein Buch "Terror und Traum: Moskau 1937" im Jahr 2009 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Und auch Ingo Schulze ist ein politisch denkender, sich einmischender Autor.

Aus seinen Erlebnissen in Sankt Petersburg entstand der Erzählungsband "33 Augenblicke des Glücks" (1995). Dass die Welt heute eine andere ist, bekommt er mehrfach zu hören in der fast zweistündigen Diskussion. Da gibt es auch Missverständnisse im emotional aufgeheizten Disput, vor allem, wenn der Name Putin fällt. Der, so Schlögel führe den Krieg gegen die Krim, weil er etwas anderes nicht könne: "dieses große wunderbare Land ins 21. Jahrhundert zu führen". Der 66-Jährige wollte jetzt eigentlich an einem Buch über die Wolga arbeiten, seinem "Spätwerk", nun beschäftigt er sich mit der Ukraine. Ist selbst hingefahren. Hat erlebt, dass es "um die Würde geht". "Wir werden nicht in Ruhe gelassen, wir müssen uns darauf einstellen."

Schlögel begründet den "Post-'89-Harmonismus", die "mentalen Einstellungen" und "intellektuellen Verfehlungen" seiner Generation damit, "friedensverwöhnt und krisenentwöhnt" zu sein, aufgewachsen "in harmlosen Verhältnissen". Zudem, darauf weist auch Schulze hin, fehle es an Informationen. Und darum werden, verspricht Buchmessedirektor Oliver Zille, die Ukraine und Russland auf der Messe im März ein wichtiges Thema bleiben.

Einen "klugen und vielleicht verstörenden Beginn" hat Kulturbürgermeister Michael Faber gewünscht. Das war es.

www.leipziger-literarischer-herbst.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.10.2014

Janina Fleischer

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