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Kultur Wischmeyer – saukomisch und manchmal seltsam
Nachrichten Kultur Wischmeyer – saukomisch und manchmal seltsam
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00:34 18.03.2018
Deftig, locker und ein bisschen altbacken: Dietmar Wischmeyer am Mittwoch im Haus Leipzig. Quelle: Foto: Christian Modla
Leipzig

Jeder darf das nicht. Und nicht jeder kann es. Zumindest nicht so gut wie Dietmar Wischmeyer. Der hat die Lizenz zum verbalen Tritt in die Weichteile. Der schnoddrige Direktwitz des Kabarettisten geht immer auf die Zwölf und in Körperregionen, die man von weniger sprachgewandten Menschen nicht auf der Bühne erörtert haben möchte. „Vorspeise zum jüngsten Gericht“ heißt das Programm, mit dem der 61-Jährige am Mittwoch das Haus Leipzig füllte.

Derbe Gewürze, rustikale Zubereitung, deftiges Ragout – so kennt man den Pointenkoch unter anderem aus seiner NDR-Sendung „Frühstyxradio“ wie auch als Tacheles-Beauftragter in der „heute show“. Was er nun im Zwei-Stunden-Solo auftischt, überrascht diejenigen, die ihn lediglich aus seinen rumplig-zynischen Ruckreden im ZDF-Satireformat kennen.

Auf der Bühne ist er schon lange Günther der Treckerfahrer, der seine Schlachterei auf Vordermann hält, oder Willi Deutschmann, der allemannische Befindlichkeiten auf seinen sehr eigenen Punkt bringt. Im Prinzip ist „Vorspeise zum jüngsten Gericht“ am Vorabend der Buchmesse weitgehend eine verkappte Lesung, immer aber angedickt mit Video-Kulissen, Rollen- und Positionswechseln.

Wer den Programmtext ernst nimmt, könnte enttäuscht werden: Zur Furcht vor der ungewissen Zukunft, vor Digitalisierung, Migration und Globalisierung setzt Wischmeyer das Messer nur an schmalen Stellen an – und mit weniger tiefen Schnitten als erwartet. Grobschlächtig teilt er gegen die alten Parteien aus („Kreuzt man Merkel mit einem Pitbull, kommt Nahles dabei raus“) oder fragt sich, wie wohl Chinesen den Namen Kramp-Karrenbauer aussprechen. Klar lacht die Menge an solchen Stellen, trotzdem sind solche Methoden so zeitgemäß wie Gelsenkirchener Barock bei Ikea. Dass er sich in gewohnter sprachlicher Brillanz nur an den im Bundestag alteingesessenen Parteien abarbeitet und die AfD ignoriert, könnte daran liegen, dass er Weidel und Co. der Satire nicht für würdig befindet – oder er bei scharfen Statements Unmut im Publikum befürchtet. Ausgerechnet er, der passionierte Poltergeist unter den Kabarettisten, bleibt ohne klare Position.

Auch nicht ganz innovativ, aber umwerfend komisch zerlegt er die deutsche Leidenschaft namens Grillen und den Mythos von der naturnahen Camping-Romantik; brillant ist die Episode über den Fleck Holger, der an der Zimmerdecke seines Hauses wohnt und eine Baumaßnahme überlebt. Die Nummer mit dem Anruf eines Kleinanzeigenkunden erinnert gerade in Leipzig stark an die Sinnlos-Telefon-Komik der 90er Jahre. Da liegt eine dicke Moosschicht drüber. Dass Wischmeyer nie darauf ausrutscht, liegt an seiner Mischung aus Erfahrung, Lässigkeit und seiner Bühnenpräsenz. Langer Applaus zum Ende.

Und sollte jemand dieser Tage einen Typen mit oller Mütze 250 Gramm Klötensülze bei Lidl bestellen sehen – dann isses dieser Typ.

Von Mark Daniel

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