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Wladimir Kaminer – Kartoffeln von Mutti

Lesung Wladimir Kaminer – Kartoffeln von Mutti

Wladimir Kaminer liest am Donnerstag im Haus Leipzig aus seinem Buch über seine lebenskluge Mutter. Im LVZ-Interview spricht er darüber, ob seine Mutter das Buch überhaupt gewollt hat.

Wladimir Kaminer liest am Donnerstag aus seinem neuesten Buch „Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger“.

Quelle: dpa

Leipzig. Autor Wladimir Kaminer ist für die einen der „Lieblingsrusse der Deutschen“ oder der „Russe vom Dienst“, andere sehen in ihm den „Kiez-Chronisten im Prenzlauer Berg“ oder einfach einen „Experten für Gurken“. In seinem neuesten Buch „Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger“ erzählt der Wahlberliner humorvoll von kuriosen Erfahrungen, die seine lebenskluge Mutter im Lauf der Jahrzehnte gemacht hat. Am Donnerstag liest er daraus im Haus Leipzig.

Vor fünf Jahren schrieben Sie ein Buch über Ihre kaukasische Schwiegermutter, und jetzt gibt es eines über Ihre Mutter. Hat sie auf Gleichbehandlung gedrängt?

Wladimir Kaminer: Im Gegenteil. Sie wollte zuerst überhaupt kein Buch. Und dann hat sie alles sehr ernst genommen, allein schon wegen dem Foto auf dem Cover mussten wir viel durchmachen. Ihre Freundinnen und Tanten haben gesagt: „Bist du verrückt! Was ist das überhaupt für ein Pullover, den gibt es bei Aldi im Sonderangebot. Jetzt wird das ganze Land wissen, wo du dich einkleidest.“ Daraufhin bat meine Mutter mich, beim Verlag anzurufen. Am Ende haben wir uns darauf geeinigt, dass wir ihren Pullover mit einem Computerprogramm verändern.

Wie findet Ihre Mutter das Buch?

Ich glaube, es ist das einzige deutschsprachige Buch, das sie vollständig gelesen hat. Sie wollte unbedingt wissen, was genau ich über sie geschrieben habe. Anschließend sagte sie zu mir: „Jetzt weiß ich endlich, was für ein abenteuerliches Leben ich eigentlich habe“. Außer der ersten fand sie alle Geschichten gut.

Haben Sie Ihre Mutter immer als modern erlebt oder merken Sie, dass sie eine Generation älter ist als Sie?

Schwer zu sagen. Sie hat so ziemlich alles mitgemacht, was die Sowjetunion in den letzten 70 Jahren bereithielt für ihre Bürger. Das färbt ab und gibt Menschen ein gemeinsames Schicksal. Modern kann ich nicht sagen, es war ein sehr enges Leben. In Moskau wohnten alle Menschen in sehr kleinen Räumen und waren jeden Tag auf die gleichen Dinge angewiesen. Man konnte sich kaum zu einer besonderen Persönlichkeit entfalten.

Aber Ihre Mutter mochte doch als junge Frau John F. Kennedy und übersetzte technische Texte aus dem Englischen ins Russische!

Alle Russen mochten JFK! Ich schwöre, in Odessa am Schwarzen Meer lag der ganze Strand mit dem gleichen Englisch-Lehrbuch. Das hatte etwas damit zu tun, dass die Sowjetbürger ausländische Autoren nicht lesen konnten und ins Ausland nicht fahren durften. Zumindest aber hatten wir die Möglichkeit, die Fremdsprache zu lernen. Fast alle, die ich kenne, haben damals in ihrer Freizeit Englisch gelernt.

Und Ihre Mutter legte Wert darauf, dass auch Sie es taten?

Sie hat mir schon im Kindergarten ein dickes Englisch-Lehrbuch gekauft mit großen Buchstaben und Zeichnungen.

Die Beziehung zur Mutter ist angeblich die schwierigste, komplizierteste und wichtigste Beziehung unseres Lebens. Wie empfinden Sie das?
Meine Beziehung zu meiner Mutter war immer liebevoll. Wir sind uns nie in die Quere gekommen und haben uns immer geholfen. Egal, in was für eine Situation ich geriet, stets kam meine Mutter mit einem Glas voll gekochter Kartoffeln mit Petersilie an und hat mich gefüttert. Ob ich es im Pionierlager wegen zu strenger Disziplin nicht aushalten konnte oder in der Armee. Dort war ich an einem Raketenabwehrstützpunkt stationiert; wir dürften keinen Besuch haben, weil es ein geheimes Objekt war. Aber im Wald hatten wir an einer Stelle Stacheldraht auseinandergerissen, da kroch meine Mutter im Schnee mit einem Glas Petersilienkartoffeln durch.

Und wie haben Sie Ihre Mutter unterstützt?

Zum Beispiel als sie nach Deutschland kam. Zuerst wohnten wir zusammen, das war nicht so gut, aber dann habe ich ihr eine eigene Wohnung zwei Straßen weiter besorgt. Sie war die ganze Zeit in meiner Nähe. Auch heute telefonieren wir noch jeden Tag.

Wie wirkt sich der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine auf Ihre Familie aus?

Mir gefällt das Wort „Konflikt“ in diesem Zusammenhang nicht. Konflikt bedeutet, wenn beide Seiten einander etwas antun. In diesem Fall hat Russland sein Nachbarland überfallen, es war eine Annexion. Ist das ein Konflikt? Dann könnte man den Beginn des Zweiten Weltkriegs auch als Konflikt bezeichnen. Der Ukraine wurde ein Teil ihres Territoriums geraubt mit der Absicht, noch größere Teile wegzunehmen. Das hat nicht geklappt. Jetzt steht der Dieb da mit der Hand in der fremden Tasche und alle Welt sagt ihm, er solle sie da wieder rausnehmen. Aber Russland sagt, vor 200 Jahren gehörte diese Tasche seinem Großvater. Eine peinliche Situation für Russland.

Interview: Olaf Neumann

Lesung Donnerstag (20 Uhr) im Haus Leipzig; Karten ab 20,55 Euro u. a. in der Ticketgalerie.

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