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Wortkonzert im Plattenbau

Wortkonzert im Plattenbau

Die Strecke kennt Wenzel Banneyer jetzt gut, vom Osten in den Westen, von Leipzig nach Mülheim. Wolfram Hölls "Und dann" hat er an der Ruhr mit dem Leipziger Schauspiel gespielt.

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Der aus Leipzig stammende Autor Wolfram Höll, für sein Stück "Und dann" in Mülheim als Dramatiker des Jahres ausgezeichnet.

Quelle: AffolterSavolainendpa

Leipzig. Das war vor zwei Wochen. Jetzt ist er erneut da mit dem Ensemble. Die Mülheimer Theatertage sind lang. Und der hier vergebene Preis für das beste Theaterstück ist der wohl renommierteste in Deutschland. Die Siegerliste reicht von Urs Widmer über René Pollesch bis Elfriede Jelinek. Pollesch ist dieses Jahr wieder dabei, mit "Gasoline Bill". So etwas wie der heimliche Favorit, wenn man der Regionalpresse aus drei Wochen Festival glaubt.

Vor dem "Theater an der Ruhr" spenden knorrige Bäume Schatten. Im Saal steht die Hitze. Leipzigs Ensemble zeigt Ferdinand Schmalz' "Am Beispiel der Butter". Es sind Milchprodukte, die zur Metapher werden in diesem virtuos sprachmächtigen Theaterstück des jungen Österreichers. Aus der Butter heraus manifestiert sich der Zustand des Menschen, gefangen in der Entfremdung abstrakt-technischer Prozesse.

Nie ließ sich das Stück seit seiner Uraufführung im März in Leipzig besser nachempfinden als zum Abschluss der Theatertage am Samstagabend. Weil man in der drückenden Hitze selbst zerfließt wie ein Stück Butter. Das ist Schwerstarbeit für die Spieler. Irgendwie auch für Publikum und Jury, denn es wird ein langer Abend. Gastspiel, Publikumsgespräch, Schau-Diskussion der Juroren. Am Ende, kurz nach Mitternacht, strahlt der Leipziger Intendant Enrico Lübbe. Der Preis geht an Wolfram Höll. Die Nachricht davon via Lübbes Smartphone nach Leipzig.

Zuvor streiten fünf Juroren, sezieren die sieben eingeladenen Stücke und die Argumente der Kollegen. Meist analytisch, manchmal impulsiv, hin und wieder eitel in der Wiederholung des Arguments. Das ermüdet dann. Die Publikumsreihen lichten sich.

Pollesch finden sie gut, die Juroren, weil theoretische Unterfütterung und präzise Pointen ineinander greifen. Mehr noch weil, wie Regisseur Stephan Müller feststellt, Pollesch die Werte Liebe und Mitleid neu ausdeute. Aber es reicht nicht ganz für Pollesch, der schon über 80 Stücke verfasst hat. Weil da ein junger Mann, in Leipzig geboren, in der Schweiz lebend, mit seinem zarten Erstling "Und dann" genauso überzeugt. Wolfram Hölls Erinnerungsstück aus Kindersicht über den Verlust eines Elternteils eröffnete im Oktober die Spielzeit am Schauspiel.

"Kann man so ein Thema in solch ein Wortkonzert fassen?", fragt Eva-Maria Voigtländer. Sie beherrscht rhetorische Fragen. Anders gesagt: Ja, man kann. "Tief" und "kunstvoll" sind Attribute, die fallen. Und: Eine unerwartete Facette in der Rückschau auf die DDR sei das Stück aus der Plattenbausiedlung. Und dann ist da noch Sebastian Rudolph. Das Leipziger Publikum kennt ihn als herausragenden Mimen aus dem achtstündigen Faust-Gastspiel des Hamburger Thalia-Theaters im Frühjahr. Als einziger Schauspieler auf dem Mülheimer Podium spürt er weniger verkopft als die Kollegen in die Texte. Höll und dessen "unglaubliche Sprachqualität" begeistern ihn. Patt mit Pollesch. Jury-Sprecherin Christine Wahl, die zuvor ihr Votum für Ferdinand Schmalz abgab, muss sich auf eine der Seiten schlagen. Sie wählt Höll.

Es ist ein Dramatikerpreis. Keiner für das Leipziger Schauspiel oder die "Und dann"-Regisseurin Claudia Bauer. Das weiß auch Lübbe. Aber es sage schon etwas aus, findet er, über den Instinkt der Dramaturgie, die richtigen Leute zu verpflichten. Autoren, die etwas zu sagen haben. Auch wenn sie wie Ferdinand Schmalz das Podium polarisieren. Vorwurf: gesellschaftsanalytisch nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Lob: außergewöhnliche Wirkungsmacht der Sprache, geschult an Jelinek, ohne epigonenhaft zu werden.

Höll, Schmalz - mit beiden Autoren steht das Schauspiel in Kontakt, spricht über weitere Stücke. Und Leipzig wäre wohl keine schlechte Adresse. Wer Lübbe kennt, weiß, dass es nicht nur eine Floskel ist, wenn er von "Kontinuität" spricht. Davon, dass den junge Autoren Raum für Entwicklung gegeben werden muss, auch wenn das nächste Stück durchfällt.

Der Mülheimer Preis bedeutet Hype. Jetzt klopfen die Theater an, wollen Auftragswerke. Nicht selten, weiß die Leipziger Dramaturgin Julia Figdor, greifen die Häuser in den Entstehungsprozess des Textes ein, formen mit am Material: "Auch damit muss man umgehen." Der Druck wächst.

Ob mit oder ohne Höll, am Schauspiel soll junge Dramatik weiter eine wichtige Rolle spielen. Morgen soll es neben anderen Spielzeitdetails verkündet werden: In der kommenden Saison warten fünf Uraufführungen auf das Publikum.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.06.2014

Dimo Riess

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