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Wuchtige Libido, aufgeladene Zärtlichkeiten

Wuchtige Libido, aufgeladene Zärtlichkeiten

Die Geste, mit der Richard Strauss als gut 20-Jähriger mit seiner Burleske ins Rampenlicht drängte, ist unmissverständlich: Seht, her, ich kann alles, auch Klavierkonzert.

Christoph Eschenbach beklatscht Lang Lang.

Quelle: André Kempner

, auch Klavierkonzert. Dass er damit so ganz richtig nicht lag, hat er alsbald eingesehen und die Finger von der Gattung gelassen. Doch nun ist die Burleske in der Welt und gibt mit ihrer Mischung aus Schalk, Geprunke, Verinnerlichung und einem Klavierpart, der eher wichtigtuerisch ist als pianistisch, den Interpreten harte Nüsse zu knacken.

Doch sind die der Großspurigkeit des werdenden Großmeisters gewachsen, ist der Genuss für den Hörer erheblich. Das richtige Futter mithin für den chinesischen Wunderpianisten Lang Lang und die Wiener Philharmoniker, die am Samstagabend im ausverkauften Gewandhaus den Leipziger Feierlichkeiten rund um den 150. Richard Strauss' am 11. Juni internationalen Glanz verliehen.

Lang Lang muss sich um keinen Klavierpart Gedanken machen. Auch nicht um die garstigen Akkordketten, die unbequemen Spreizungen des Satzes, der trotz klavierauszughafter Üppigkeit nach Transparenz schreit. Er spielt das einfach - und endlich hört man dem Viertelstünder für Klavier, Orchester und obligate Pauke auch mal Humor an. Lang Lang steigert das Burleske ins Groteske, ist sich mit seiner stupenden Technik, der unerschöpflichen Farbpalette, seinem gestalterischen Witz für keinen Effekt zu schade, lässt aber auch mit zärtlicher Sanftheit den lyrischen Linien Zeit. Christoph Eschenbach und die Wiener sekundieren auf Augenhöhe. Kleinteilig ist der Orchestersatz, aber den Magiern von der Donau gelingt es, ihn organisch zu entwickeln..

Für den Jubel-Orkan nach dem lapidaren Schluss bedankt Lang Lang sich mit ganz anderen Tönen: zwei traumverloren sinnende Minuten mit dem Intermezzo von Manuel María Ponce (1882-1948). Der schrieb dieses betörende Nichts 1909, genau in der Mitte von Richard Strauss' langem Leben. Insofern passt diese Zugabe perfekt. Denn das Gastkonzert der Wiener zeichnet auf engstem Raum den Werdegang des Komponisten Strauss nach.

Der Burleske schickt Eschenbach die "Metamorphosen" voran, die schmerzvolle "Studie für 23 Solostreicher". Ungeheuer komplexe Verwandlungen, die auf ihren Ursprung, den Trauermarsch aus der Eroica, zusteuern und dabei den Untergang einer Welt beweinen. München Berlin, Dresden, Wien lagen in Trümmern, als diese entrückte halbe Stunde entstand. Und mit den Städten war auch die gesamteuropäische Kultur dahin, aus der und für die Strauss lebte.

Tief zu Herzen gehen die ersten Takte dieses tönenden Abschieds. Wie Nadelstiche betont Eschenbach die Dissonanzen, bei denen die Linien sich treffen - und ginge es so weiter, die schmerzliche Schönheit wäre perfekt. Geht es aber nicht: Eschenbach lässt den Musikern zu wenig Luft. Das nimmt Konzertmeister Rainer Küchl zum Anlass, mit großer Geste und noch größerem Tief-Vibrato Selbstständigkeit für sich und seine Kollegen einzufordern. In der Folge gerieren die sich nicht als Solostreicher-Kombinat, sondern als Solisten, verklumpen Linien, bleiben die Wiener zwar der emotionalen Kraft dieser Partitur nichts, ihrer Struktur aber zu viel schuldig.

Die zweite Halbzeit gehört dem mittleren Strauß: "Don Juan", dem ersten ganz großen Wurf aufs Feld der Sinfonischen Dichtung, geht der "Rosenkavalier"-Suite voraus. Auf dem massiven Bühnenblock im Gewandhaus klingen die Philharmoniker noch ein wenig filigraner, lichter, seidiger als daheim auf dem Hohlkörper des Musikvereinssaals. Was allemal entschädigt dafür, dass Bässe und Mitten ein wenig unterbelichtet scheinen. Eschenbach könnte dem leicht abhelfen, hält sich aber mit weit ausladenden Gesten nicht lange mit Details auf und lässt das fabelhafte Orchester prunken.

Die wuchtige Libido Don Juans, der schönste Beischlaf der Musikgeschichte, mit dem Strauss den "Rosenkavalier" beginnen lässt, die Abgründe des Dramas, die erotisch aufgeladenen Zärtlichkeiten der "Komödie für Musik" (bei denen die Celesta beharrlich zu spät kommt), ihre derben Scherze, der helle Glanz der Streicher, die wunderweichen Soli der Oboe, der fein ausbalancierte Eigenklang des Orchesters, sie finden so zusammen zu einer Pracht, die das Publikum nach den Schlussakkorden verzögerungsfrei von den Sitzen reißt.

Ein herrliches Gastspiel. Er lässt ein wenig wehmütig daran denken, dass es das einzige ist, das im Rahmen des Strauss-Zyklus übrigblieb von den Plänen, dem internationalen Mahler-Festival von 2011 eines für Strauss folgen zu lassen.

Leipziger Strauss-Zyklus: 5., 6. Juni: R. Chailly: Don Quixote, Tod und Verklärung, Eulenspiegel; 11. Juni: R. Chailly: Don Quixote, Eulenspiegel, Orchesterlieder; 3., 4. Juli, A. Nelsons dirigiert "Alpensinfonie"; Restkarten im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen und über die gebührenfreie Telefonnummer 0800 2181050.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.05.2014
Korfmacher, Peter

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