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Kultur Wunder in der Kinderstube unserer Musik
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00:19 17.06.2017
Marc Mauillon singt, Jordi Savall dirigiert Monteverdis „Orfeo“  Quelle: Gert Mothes
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Leipzig

 Die größte Zumutung der Oper ist hier leichtfüßig beantwortet. Denn die Frage, warum in Gottes Namen die Menschen auf der Bühne singend verhandeln, was sie zu verhandeln haben, stellt sich gar nicht erst bei Claudio Monteverdis 1607 in Mantua uraufgeführtem „Orfeo“, dieser „Favola in musica“. Da tritt zunächst, sicher ist sicher, die Musik auf, erzählt, was gleich in Musik zu erzählen sein wird. Wenn wer singen darf, dann Frau Musica. Und weil der große Jordi Savall, der mit seinen Ensembles die drittelszenische Aufführung im bestens besuchten Gewandhaus bestreitet, sie gleichsetzt mit Euridice, wäre auch bei der alles geklärt. Orpheus, der ihr in die Unterwelt nachsteigt, ist erstens der Sohn des Apoll und zweitens der mythische Sänger schlechthin – klar, dass er singt. Apoll selbst, Pluto und Proserpina sind Götter, singen wann und wie sie es wollen. Und die Hirten Arkadiens haben im Mythos ohnehin nichts Besseres zu tun.

Es ist kein Zufall, dass die ersten Opern sich dieses Stoffes annahmen. Die im Umfeld der Camerata in Florenz, wo man die allerdings mit so klugen wie fehlgeleiteten Versuchen, die antike Tragödie wiederzubeleben, mehr theoretisierte als dramatisierte; und die erste noch heute gespielte, jener „Orfeo“ Monteverdis, der dem Musiktheater das Tor aufstieß. Es sollte indes noch Generationen dauern, bis wieder Werke entstanden, die so glutvoll, so plausibel, so sinnlich, so heutig waren wie das seine.

Allerdings ist es bis heute nicht einfach, die Emotionen, damals hießen sie Affekte, dieser wundersamen Musik zum Hörer zu bekommen. Heerscharen von Bearbeitern scheiterten daran, darunter große Namen wie Carl Orff, Ottorino Respighi oder Francesco Malipiero. Doch genau da, bei der Bearbeitung, lag der Hase im Pfeffer. Den Durchbruch brachten die Historisten: In den 70ern markierte Harnoncourt die Spitze, in den 80ern Gardiner, heute: Jordi Savall. Der legte 2015 den bis dato unerreichten Orfeo auf CD vor – und bleibt am Dienstagabend live kein Jota dahinter zurück.

Dabei muss der charismatische Spanier am Pult nicht viel machen: Selbst bei der prachtvollen Gonzaga-Fanfare zu Beginn, den Orchester-Zwischenspielen und -Ritornellen, den vertrackten Chören der Hirten und der Geister könnte er seine Ensembles, die Capella Reial de Catalunya und Le Concert des Nations, auch gewähren lassen. Bei den Instrumentalisten laufen die Fäden beim sensationellen Andrew Lawrence-King zusammen, der seine Doppelharfe so perkussiv treibend schlägt wie ein Rocker den E-Bass (was sich auch in seiner interessanten Oberbekleidung niederschlägt). Von hier gehen – selbstredend abgenommen vom am Pult sparsam, aber inspirierend taktierenden Großmeister Savall – die Impulse ins bemerkenswert farbreich besetzte Orchester.

Sechs Streichern nebst zwei Blockflöten stehen da eine Trompete, zwei Zinken und vier Posaunen sowie eine achtköpfige Continuo-Rhythmus-Gruppe gegenüber, die Savall zu immer neuen Farben mischt. Heiter strahlend am Beginn, todtraurig verhangen in der Totenklage, bedrohlich schnarrend in der Unterwelt, prunkend zum interstellaren Beschluss. Dieses Orchester liebt und leidet, es lacht und weint, es streichelt und fröstelt – und bereitet damit Sängern den Boden, wie sie für diese Musik besser nicht zu denken sind.

Allen voran Marc Mauillon in der Titelrolle. Er hat es verinnerlicht, das Recitar cantando, die singende Erzählung, die Monteverdi nicht am grünen Tisch ersann, wie die Erfinder-Kollegen in Florenz, sondern auf dem Umweg übers Madrigal in der Praxis entwickelte. Dieses dem Text und damit dem Affekt dienende Singen hat nichts mit Belcanto zu tun, auch nichts mit dem enervierenden Ziergesang späterer Barock-Opern. Monteverdi setzt seine Töne sparsam. Aber er setzt jeden so, dass er sitzt – und eine Regung transportiert, kulminierend in den komplexen Verzierungen und rhetorischen Figuren, die Mauillon so sicher beherrscht.

Dabei klingt seine technisch perfekte Stimme im Niemandsland zwischen Bariton und Tenor im besten Sinne so, als habe er nie eine Gesangsstunde genommen. Ganz natürlich, ganz selbstverständlich. Kraftvoll, aber schlackenlos. Menschlich und doch entrückt. Kein Wunder, dass Caronte (wunderbar abgründig: Antonio Abete), der Fährmann des Styx, ihn nach seinem betörenden Gesang passieren lässt, um seine Geliebte Euridice aus der Unterwelt zurückzuholen. Kein Wunder, dass Proserpina (bewegend bewegt: Adriana Fernández) ihren Mann Pluto (wieder Abete, diesmal mit machtbewusstem Amüsement) beschwatzt, dem halbgöttlichen Sänger die Geliebte zurückzugeben. Kein Wunder, dass Apollo (markant: Fulvio Betti) seinen Sohn, der Euridice zum zweiten Male verlor, zum Trost zu den Sternen erhebt. Kein Wunder schließlich, dass alle anderen Beteiligten, zwischen denen bei Chor und Solisten die Grenzen verschwimmen, von diesem Sänger, der singt, als sänge Orpheus selbst, zu ähnlich berührendem, betörendem, beglückenden Gesang inspiriert werden.

Erst recht kein Wunder ist das alles, weil die beiden, die die Tragödie ins Rollen bringen, Wunder der Anmut sind: Euridice und die Musik. Beide gesungen und mit elegant gezierten Barock-Gesten auch verkörpert von der bezaubernden Lucía Martín-Cartón. Ein federleichter und doch durchsetzungsstarker Sopran mit traumwandlerischer Stilsicherheit, herrlichen Farben und der Fähigkeit, mit Tönen ohne Umwege die Seele zu erreichen. Was indes auch dringend nötig ist. Denn auf den Abdruck des auch literarisch keineswegs unerheblichen Librettos von Alessandro Striggio im Programmheft hat das Bachfest verzichtet – angesichts des Stellenwertes der Worte in diesem Musiktheater-Kosmos eine absurde Entscheidung.

Auch sie ändert allerdings nichts daran, dass im großen Saal nach der finalen Moresca die Luft brennt: Bravi, Pfiffe, Schreie für zwei taufrische Sternstunden in der Kinderstube unserer Musik..

 

Von Peter Korfmacher

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