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Wunderkammer des Geistes

Dichter und Physiker Wunderkammer des Geistes

Aufklärer, Rationalist, Skeptiker? Der am 1. Juli vor 275 Jahren geborene Georg Christoph Lichtenberg lässt sich nicht auf einen geraden Nennen bringen. Europaweit geachtet war er zu Lebzeiten als Experimentalphysiker, berühmt ist er heute vor allem als brillanter Aphoristiker.

Die Bronzeskulptur des Künstlers Volker Neuhoff zeigt den Physiker Georg Christoph Lichtenberg im Akademiehof der Georg-August-Universität in Göttingen.

Quelle: dpa

Göttingen. „Ich habe diese Tage über einige Versuche über die Elektrizität gemacht, mit dem Harzstaub ... Unter anderm habe ich mit einem einzigen Schlag eine Menge Concentrischer Circkel hervorgebracht ...“ Das schrieb ein Göttinger Physiker 1778 an einen Hannoveraner Beamten. Diese „Concentrischen Circkel“, sie sind bis heute nach ihrem Entdecker benannt. Wenn aber am 1. Juli der 275. Geburtstag von Georg Christoph Lichtenberg begangen wird, so wird es nur am Rande um die „Lichtenberg-Figuren“ gehen, jene Formen, die ein Stab je nach Ladung (positiv oder negativ) im Eisenstaub hervorbringt. Auch seine Forschungen auf den Feldern der Meteorologie, Mathematik, Astronomie und Chemie dürften nicht die Hauptrolle spielen. Gefeiert werden wird vor allem ein freier, wilder großer Geist, dessen Blitze zum Glück bis heute nicht abgeleitet werden können.

„Lichtenbergs Schriften können wir uns als der wunderbarsten Wünschelroute bedienen: wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem verborgen“, hat Goethe gesagt. Der Ruf eines so brillanten wie schrägen Denkers, der über die Jahrhunderte fast stetig gewachsen ist, beruht auf Werken, die erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden: Über 30 Jahre schrieb er in nächtlicher Einsamkeit, was ihm durch den Kopf ging und irgendwohin musste, in sein Kladden, die er „Sudelbücher“ nannte: tagebuchartige Notizen, Beobachtungen, Romanskizzen, politische Betrachtungen, psychologische Eingebungen, Literaturkritiken, kleine scharfe Satiren. Ein Schatz, der beim wiederholten Lesen weiter an Wert gewinnt. Eine Wunderkammer des Geistes, in der es geheimnisvoll rumpelt und zischt, in der die Kerze flackert und alles anders beleuchtet.

„Verstohlene Nachtschreiberei“

Über diesen Denker, der sich nicht auf einen glatten Nenner bringen lasse und dessen „verstohlene Nachtschreiberei“ schreibt der Schweizer Schriftsteller Max Rychner (1897–1965) in einem Essay, der der bei Manesse erschienen Ausgabe von Lichtenbergs Aphorismen vorangestellt ist: „Nun war er allein; die Müdigkeit entflog ihm wie ein Gedanke, den zu halten sich nicht lohnt – ein neues Leben voll geliebter Ungewißheiten und Verlockungen regte sich: es schloß unmittelbar an an die gestrigen Nachtstunden, in unbegreiflicher Einheit mit ihnen, und was zwischendurch geschehen war und bemerkt wurde, das war nun nichts, ein Nichts, das Nichts.“

Etwa zwei Drittel des ursprünglichen Bestands der Handschriften blieben erhalten – rund 1500 Seiten mit 10 000 Notizen. Ein Strom gehe durch sie hindurch, schreibt Rychner weiter, „und ordnet sie zu Lichtenbergschen Figuren. Das Heimliche ist dann am Werk und schlägt die merkwürdigsten Verbindungen zwischen Tag- und Nachtwelt, Geist und Sinnen, Ordnung und Wirrnis.“ „Aphorismus“ hat man die Gattung später genannt. Lichtenberg selbst hat den Begriff nur einmal verwendet, für seine physikalischen Notizen.

Ein Blick, der in diesem Mann vor allem den Aufklärer, Rationalisten und Skeptiker sieht, wäre zu eng. Sicher war Lichtenberg auch das; er korrespondierte mit Kant, als dessen Geistesverwandten man ihn sehen darf. Aber er studierte auch Jakob Böhme (1575–1624), den großen Görlitzer Mystiker. Lichtenberg wusste um die Leere, die die Aufklärer im Himmel hinterlassen würden und empfahl das Christentum wegen dessen moralischer Qualität: „Deshalb bleibe man dabei.“

Lichtenberg lässt Blitze zucken und Ballons aufsteigen

Georg Christoph Lichtenberg wurde 1742 als 18. Kind eines protestantischen Pfarrers in Ober-Ramstadt bei Darmstadt geboren. Zeitlebens leidet er an einer rachitischen Wirbelsäulenverkrümmung. Er hat einen Buckel, das Atmen fällt ihm schwer. Er ist nur gut 1,40 Meter groß. Früh fällt seine Klugheit auf. Mit einem Stipendium des hessischen Landgrafen kommt er nach Göttingen, dessen Universität in den naturwissenschaftlichen Fächern führend ist. Ab 1763 studiert er unter anderem Mathematik, Physik, Ästhetik, Philosophie, englische Sprache und Literatur. Während das geistige Deutschland eher nach Frankreich blickt, zieht es Lichtenberg auf die Insel. Er unternimmt zwei längere Reisen, trifft König Georg III. von Großbritannien und Hannover und verschiedene Wissenschaftler. 1770 wird Lichtenberg Professor für Physik, Mathematik und Astronomie an der Universität Göttingen.

Bald ist er ein europaweit geachteter Naturwissenschaftler. 20 Jahre gibt er den populärwissenschaftlichen „Göttinger Taschenkalender“ heraus, dessen Beiträge er fast alleine schreibt. Göttingen, dessen Provinzialität und „Wurstluft“ ihn manchmal stört, bleibt bis zu seinem Tod seine Heimat. Hier heiratet er Margarethe Elisabeth Kellner (1768–1848), die als Haushälterin in seinen Dienst getreten war. Zeitgenossen beschreiben ihn als einen freundlichen, charmanten Mann. Zu seinen Vorlesungen, bei denen er Blitze zucken und Ballons aufsteigen ließ, kommen hunderte Studenten. 1799 stirbt er an einer Lungenentzündung. Beim Begräbnis sollen der Überlieferung nach „außer der wahren Sonne noch mehrere glänzende Nebensonnen“ zu sehen gewesen sein.

Lichtenberg hätte dies wohl gefallen – und zu einem sehr ironischen Eintrag in seinen Sudelbüchern inspiriert.

Von Jürgen Kleindienst

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