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Wunderkinder unter sich - Die Brisanz von "Die Schöne und das Biest"

Wunderkinder unter sich - Die Brisanz von "Die Schöne und das Biest"

Die Kombination von zwei oder drei Namen, die nur wenig miteinander zu tun haben, ist im Leipziger Museum schon zur Tradition geworden. Eine spezifische Brisanz besitzt aber die neue Ausstellung "Die Schöne und das Biest", in deren Mittelpunkt der heute nur Kennern vertraute Richard Müller (1874-1954) steht.

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Mel Ramos (78) und seine Tochter Rochelle Leininger (49) vor dem Bild "The Voyeur" (1989), auf dem sie ihrem Vater Modell stand

Quelle: Wolfgang Zeyen

Ihm wurden der kalifornische Sonnyboy Mel Ramos und der Potsdamer Modemacher Wolfgang Joop zur Seite gestellt.

Mit dem Rücken zur Wand sitzen Direktor Hans-Werner Schmidt und Kurator Jan Nicolaisen vor den Journalisten beim Pressetermin. Dass dieses Thema nicht allgemeine Zustimmung auslöst, war klar. So geht Nicolaisen auch gleich in die Offensive und bekennt, dass Richard Müller "ganz eindeutig Nazi gewesen ist". Die Auseinandersetzung mit ihm sei aber trotzdem nötig, da seine wichtigste Schaffenszeit vor 1933 gelegen habe, als Müller mit 58 Jahren zum Rektor der Dresdener Akademie gewählt wurde.

Das stimmt. Ihn 2013 mit einer ersten großen Museumsausstellung zu zeigen, obwohl er eben Nazi war - die gegenwärtige Aufregung um Nolde kommt gerade passend - impliziert die Behauptung, dass er neben der politischen Verstrickungen aber doch ein Künstler gewesen sei, den man nicht weiterhin ignorieren darf. So ganz vergessen war er wohl nie. Armin Müller-Stahl, Manfred Krug oder Richard von Weizsäcker sollen Bilder von ihm besitzen. Vermutlich hat keiner von diesen Promis auf dem Trödelmarkt ein Schnäppchen gemacht.

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Leipzig. Unter dem Titel „Die Schöne und das Biest“ zeigt das Museum der bildenden Künste Leipzig seit Samstag 160 Werke von Richard Müller, Mel Ramos und Wolfgang Joop. Verbindende Elemente sind Tiere und nackte Tatsachen. Modeschöpfer Joop und Pop-Art-Künstler Ramos waren zur Eröffnung persönlich nach Leipzig gekommen.

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Als Kind armer Weber war es für Richard Müller ein Glück, dass ein Meißner Porzellanmaler sein Talent entdeckte. Obwohl er das Studium in Dresden nicht beendete, folgte ein geradliniger Aufstieg, früh schon von Auszeichnungen und Lehraufträgen begleitet. Dem am Postimpressionismus orientierten Jugendwerk folgte schon um 1905 eine Hinwendung zu einer akademischen, auf Exaktheit orientierten Mal- und Zeichenmanier. George Grosz, einer von vielen später berühmt gewordenen Schülern Müllers, nannte es "Pimpelei und Kleinlichkeit". Dieser Pedanterie im Handwerklichen standen gelegentliche Kühnheiten wie die Herabwürdigung des Kirchengründers Petrus in einer Kreuzigungsszene von 1909, vor allem aber die anhaltende Vorliebe für eine schwüle Erotik entgegen, die sich hauptsächlich in der Interaktion nackter Frauen mit diversen Tieren äußerte.

Müllers Malereien, Druckgrafiken und Zeichnungen sind trotz inhaltlicher Mehrschichtigkeit in der Ausführung von einer Art, die vor 1933 einem Kommentator "als ein vollgültiges Zeugnis eines großen Könnens, eines deutschen Fleißes und einer deutschen Ordnungsliebe" erschienen. Dass seine Anbiederung an die NS-Herrscher, für die er schon im Herbst 1933 in Dresden eine Ausstellung "Entartete Kunst" organisierte, auf Dauer keinen Erfolg hatte, lag dann aber an seiner als "undeutsch" angesehenen Erotomanie, nicht an mangelndem Opportunismus.

Was hat Wolfgang Joop (68) damit zu schaffen? Für ihn war als Jugendlicher zu Beginn der 70er der Zusammenstoß mit einem Müller-Akt ein Erweckungserlebnis. Er kauft das Bild, wurde zum Fan. Parallel zu seiner durchaus erfolgreichen Karriere als Modeschöpfer und eher zwiespältigen als Unternehmer mit dem Label Wunderkind ist er auch Bildkünstler. Knuddelige Schimpansen liebkosen sich, umrankt von gestickten Arabesken in Goldfäden. Wenn ihn an Müller die "abziehbildhafte Postkartenkünstlichkeit" fasziniert, muss das in Übersteigerung für seine Werke gelten.

Über den Dritten, Mel Ramos (78), muss man nicht viel sagen. Sein Platz zumindest in der Geschichte der Pop Art, ist gesichert. Zur Zusammenstellung dieser Ausstellung meint er: "Als ich von dem Ausstellungsprojekt hörte, wusste ich nicht, wer Richard Müller ist. Dann bekam ich mit, dass er ein Nazi war, ein Künstler, der Hitler verehrte. Von daher bin ich froh, dass meine Arbeiten und Müllers Werk hier weitgehend getrennt gezeigt werden. Als Künstler finde ich ihn sagenhaft. Er hatte ähnliche Ideen wie ich." Ideen ja, in der Realisierung aber wäre er bei Professor Müller durchgefallen. Vor allem die Zeichnungen verdeutlichen, dass seine technischen Fähigkeiten auf Volkshochschulniveau liegen.

Stimmig an der Zusammenstellung der drei Künstler ist die Gegenposition zur Klassischen Moderne, die kein alternatives Nebeneinander duldet, sondern eine direkte Ablehnung darstellt. Angesichts des kategorischen Imperativs vieler Moderner erscheint das zur betreffenden Zeit verständlich. Heute aber wirkt so eine Antihaltung anachronistisch.

Müller und Joop haben ihre Anhänger, denen der Adelsschlag ihrer Idole seitens des größten kommunalen Museums der nicht unbedeutenden Kunststadt Leipzig Genugtuung sein wird. Ramos braucht das nicht mehr. Was aber hat Leipzig von der Show? Blickt man auf andere Ereignisse des Jahres zurück wie die Promotion für die imagemäßig angeschlagene Deutsche Bank oder den Karl-May-Rummelplatz, steht die Frage, wie weit eine städtische Einrichtung noch dem Kommerz huldigen muss. Wird man bald Reichsschamhaarmaler Adolf Ziegler sehen können, kuratiert von Dolly Buster?

Zum Skandal reicht das Potenzial der Ausstellung nicht. Doch sie ist überflüssig. Angesichts der ewig beklagten Ressourcenknappheit, und angesichts unzähliger zeigenswerter Künstler, ist sie ein Ärgernis.

Bis 12. Januar 2014; geöffnet Di und Do-So 10-18, Mi 12-20 Uhr, Katharinenstr. 10

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.10.2013

Jens Kassner

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