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Zärtliche Beteiligung - Zum Tod des Lyriker und Drehbuchautors Heinz Kahlau

Zärtliche Beteiligung - Zum Tod des Lyriker und Drehbuchautors Heinz Kahlau

Der deutsche Lyriker und Heinz Kahlau ist tot. Er starb am 6. April im Alter von 81 Jahren, wie seine Witwe gestern in Gummlin bestätigte. Er sei an Herzschwäche gestorben.

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Heinz Kahlau ist tot. Er starb am Karfreitag im Alter von 81 Jahren.

Quelle: dpa

Leipzig. Einen Termin für die Beisetzung gebe es noch nicht. Kahlau soll auf dem Friedhof von Stolpe auf der Insel Usedom seine letzte Ruhe finden. Er gehörte zu den meistgelesenen deutschsprachige Dichtern der Gegenwart. Auf rund vier Millionen Exemplare beläuft sich die Gesamtauflage seiner Gedichtbände.

Liebe, schrieb Heinz Kahlau, „ist nur als offene Gegenseitigkeit wahrhaftig möglich, als die Achtung des anderen in allem, was er ist und sein will". Dazu gehöre Toleranz und Zärtlichkeit. So sah er die Menschen, ihre Beziehungen, so sah er auf die Welt und sich darin, denn Heinz Kahlau war ein Dichter, der „Ich" sagte. Und „Du". Unter diesem Titel sind seine Liebesgedichte 1971 im Aufbau Verlag erschienen.

Sie erlebten mehrere Nachauflagen und wurden das, was man heute Kult nennt. Eines der bekanntesten ist „Das Paar": „Sie lagen Bein an Bein,/ wie sie gestorben waren,// bis man sie fand./ Sie lagen so/ seit sechzigtausend Jahren.// Man löste seine Hand aus ihrer hand." Oder das trotzige „Deshalb?": „Wir alle/ suchen den Menschen,/ der unser Leben sinnvoll macht./ Du meinst/ ihn in mir/ gefunden zu haben./ Soll ich nun/ die Suche aufgeben –/ Deshalb?"

Doch sind diese Liebesgedichte nur nebenbei entstanden. Dann habe er sich weiter ins Weltanschauliche vorgearbeitet und versucht, sich ein Bild von der Welt zu machen, sagte Kahlau in einem Interview. Und dieses Weltanschauliche war es, das ihm „Orden und Ohrfeigen" einbrachte. Nach 1990 geriet er wegen seiner „sozialistischen Bilderbuch-Vita" – Kahlau war von 1970 bis 1980 Präsident des PEN-Zentrum und später Mitglied im Zentralvorstand des Schriftstellerverbandes der DDR – in den deutsch-deutschen Literaturstreit, der nicht zuerst auf differenzierte Einblicke aus war.

Angriffsflächen hatte er selbst geliefert. In seinem Lied zum Mauerbau heißt es: „Im Sommer 61, am 13. August,/ da schlossen wir die Grenzen,/ und keiner hat’s gewusst.// Klappe zu, Affe tot,/ endlich lacht das Morgenrot." Der Text sei am Tag nach dem Mauerbau entstanden, erzählte er später, als er in einem Dorf alle Tore offen vorfand, das Vieh lief auf der Straße herum, alle Bewohner waren geflohen. Die jungen Intellektuellen von damals dachten, „wenn der Einfluss der anderen Seite geringer wird, dann können wir hier mehr das Maul aufmachen."

Sie sind enttäuscht worden. Und Kahlau hat auch Täuschungen benannt. Nicht erst die Wiedervereinigung, die für ihn „eine Zusammenführung war und keine Wende", hat die Niederlage der DDR-Politik offensichtlich gemacht. Er war Sozialist, stand den Lehren wie der Praxis jedoch kritisch gegenüber. „Ich bin gegen Rechthaber/ und begünstige dennoch die sozialistische Art", dichtete er, „weil ich an ihrer Sache/ beteiligt bin". Seine Gedichte heißen „Lagebericht" oder „Am Meer".

Am 6. Februar 1931 in Drewitz bei Potsdam geboren, erlebte Kahlau als 14-Jähriger den Untergang des Nazireichs. Er arbeitete als ungelernter Elektriker und Traktorist, wurde 1948 FDJ-Funktionär. Bei Bertolt Brecht, dessen Meisterschüler er 1953 bis 1956 war und auf den er sich immer wieder beruft, lernte er, „die Widersprüche des Lebens" zu erkennen und in einfacher, klarer Sprache zu formulieren. 1954 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband „Hoffnung lebt in den Zweigen der Caiba", seit 1956 war er freischaffend.

Über seine Anfänge schrieb er: „Mein erstes Gedicht wurde von einem 19-Jährigen geschrieben, dessen Beziehungen zur Poesie bis dahin die denkbar schlechtesten waren". Sein Stiefvater fand, Lesen mache dumm und warf alles Gedruckte ins Feuer. Erst als Kahlau 1949 ein halbes Jahr Patient in der Tbc-Heilstätte Rathenow war, hatte er seine „erste vergnügliche Begegnung mit Gedichten" und schrieb seine ersten Verse. Als dünnhäutig hat er sich selbst in „Weißer Mann" charakterisiert: „Litt, bis er neunzehn war, an Depressionen, Wahnvorstellungen und Lebensangst,/ Versteckte sich manchmal vor Menschen./ Schreibt seitdem Gedichte."

Es folgten weit über tausend veröffentlichte Gedichte, auch Dramen, Hörspiele, Kinderbücher. Er schrieb mit am DEFA-Film „Auf der Sonnenseite", verfasste Songtexte für Karat und Bayon. Zu den zahlreichen Auszeichnungen , die er erhielt, gehören der Heinrich-Heine-Preis, der Nationalpreis III. Klasse und der Vaterländische Verdienstorden in Bronze.

Als Kahlau 1957 wegen kritischer Verse in Zusammenhang mit dem Ungarn-Aufstand Haft angedroht wurde, unterschrieb er eine Verpflichtungserklärung als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, von der er sich 1964 entbinden ließ. Das hat er 1990 freiwillig und von sich aus offengelegt.

Was bleibt sind Bände wie „Du", „Der Fluß der Dinge" (1964), „Flugbrett für Engel" (1973), „Der besoffene Fluß" (1990), „So oder so" (1992). Zuletzt sind 2005 „Sämtliche Gedichte und andere Werke" im Aufbau Verlag erschienen, herausgegeben von Lutz Görner. Was bleibt, sind die fragenden, am Alltag orientierten, eingängigen Verse, die der Natur verbunden sind wie dem Verstand, die Kommentare zur Zeit sind und sich oft guter Gründe vergewissern für Hoffnung auf Trost oder Besserung. Sie beschreiben das Leben als einen langen Abschied.

Immer wieder setzte sich Heinz Kahlau mit dem Tod auseinander: „Wenn der Mensch eine Mutter hätte,/ die ihn aufnimmt am Ende,/ wie eine Mutter ihn hergab/ am Anfang –/ wie leicht wär der Tod."

Dietrich Pätzold und Janina Fleischer

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