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Zärtliche Pranken - Pianist Radu Lupu und das Gewandhausorchester Leipzig

Zärtliche Pranken - Pianist Radu Lupu und das Gewandhausorchester Leipzig

Entspannt wie ein Bär nach einem guten Mahl sitzt Radu Lupu am Flügel - und Statur wie Körpersprache des monumentalen Wiedergängers von Johannes Brahms, sie passen so gar nicht zu dem, was man da hört in den ausverkauften Großen Concerten dieser Woche.

Mozarts B-Dur-Konzerts KV 595 steht auf dem Programm, sein letztes Werk für Klavier und Orchester, eines seiner letzten großen Werke überhaupt.

Was seit gut zwei Jahrhunderten Anlass gibt zu allerlei Deutungsfolklore. Und es ist erstaunlich, welche Schatten die Interpreten immer wieder fanden zwischen diesen Tönen. Mit derlei Unfug hält sich einer wie Radu Lupu nicht auf. Spielt er dieses betörend schöne Konzert, dann ist da nichts als Licht.

In eleganter Leichtigkeit tupft Lupu die Akkorde, lässt er das Laufwerk perlen, die Linien singen. Kein vordergründiger Effekt ist da, nirgends. Mozart braucht nichts weiter als Mozart, um in Welten jenseitiger Schönheit und Tiefe vorzudringen. Und ein wirklich großer Pianist braucht zum Klavierspielen beinahe ausschließlich seine Hände. Bei Lupu sind es eher Pranken. Doch zu welcher Zärtlichkeit sind sie imstande, wie weich und subtil funkelt der Kopfsatz, sie abgeklärt singt das Larghetto, wie heiter das Finale vom "Schönen Mai".

Bisweilen grunzt der Pianist verhalten mit, ansonsten geht sein Blick immer wieder nach links ins Gewandhausorchester. Und dann huscht ein wohlgefälliges Lächeln über sein Gesicht.

Tatsächlich - was das Gewandhausorchester da unter seinem Chef Riccardo Chailly und um Konzertmeister Sebastian Breuninger abliefert, das klingt, als hätte das älteste bürgerliche Orchester der Welt nie etwas anderes gespielt als Mozart. Dabei ist der Götterliebling ein schandhaft seltener Gast auf dieser Seite des Augustusplatzes. Aber wie die Streicher geschmeidig federnd die Perioden bauen, wie das Holz um Anna Garzuly-Wahlgrens schwerelose Solo-Flöte Lichtpunkte setzt, wie das in vollkommener Gleichberechtigung und Selbstverständlichkeit den perlenden Klaviersatz umrankt, das schreit unbedingt nach mehr.

Was auch für die "Idomeneo"-Ouvertüre gilt. Hier funkelt weiß der Marmor in der Sonne Griechenlands. Kaum mehr als fünf Minuten dauert dieser Satz, einschließlich Carl Reineckes etwas angepappt wirkendem Konzertschluss. Aber dieser Doppelpunkt für eine der schönsten Opere serie des Repertoires birgt bei aller Beherrschtheit und klassischer Vollkommenheit den Keim des großen Dramas. Auch dafür muss Chailly nichts hinzufügen, nichts brodeln lassen, nicht anschärfen oder zuspitzen. Mit überlegenem Überblick folgt er Mozart durch die Partitur und macht kaum mehr, als dafür zu sorgen, dass kein Detail verloren geht. Und so fügt sich alles zu der Erkenntnis, dass sehr große Musik mit sehr wenigen Tönen auskommen kann.

Ein Befund, der auch in der ersten Halbzeit seine Gültigkeit unterstreicht: Radu Lupu steht am Ende des Abends, der Pianist, der aussieht wie Brahms, und Mozart spielt, als sei er mit ihm per Du. Am Anfang steht ein Brahms, der in seiner zweiten, der A-Dur-Serenade, ein ebenso intimes Verhältnis zum größten aller Salzburger verrät.

Ein Frühwerk ist dieses Opus 16, einer der vielen Meilensteine, die Brahms' Weg zur Sinfonie säumen. Doch weil unser Musikbetrieb sich für Ziele mehr interessiert als für die Wege dorthin, führt diese gute halbe Stunde herrlichster Musik im Repertoire ein Schattendasein. Man kann es ein wenig verstehen. Denn für sinfonische Wichtigtuer ist dieser Fünfsätzer ungeeignet. Und schon die Besetzung, die ein doppeltes Bläserquintett nebst Piccolo mit geigenlosem Streicherapparat kombiniert, zeigt, dass diesem Werk mit großem Besteck nicht beizukommen ist. Folgerichtig graviert Chailly die Partitur mit dem Silberstift nach, legt offen, dass Brahms' Weg an Beethoven vorbei bei Mozart und Haydn begann. Die Themen, die so sehr nach Brahms klingen, ihre Behandlung, die später im Prinzip so auch die vier Sinfonien tragen sollte, sie zeigen hier ganz offen ihre Herkunft.

Die Größe der Interpretation mit dem Gewandhausorchester indes liegt darin, dass die A-Dur-Serenade eben nicht wie ein tönender Praktikumsbericht daherkommt, sondern als geschlossenes, fertiges Meisterwerk. Es fehlen die hohen Streicher, dennoch ist das Klangbild hell, leicht, subtil. Heiter, aber keineswegs harmlos, in edler Gelassenheit, aber nicht beiläufig präsentiert Chailly mit seinem Rumpf-Orchester einen Brahms, der sich schon recht komfortabel auf dem Olymp einrichten könnte ­- und doch ganz woanders hin will.

Schön, dass die beiden Serenaden bald bei Decca auf CD erscheinen sollen. Schön auch, dass der Gewandhauskapellmeister verspricht, sich künftig mehr um Mozart zu kümmern. Nicht schön indes, dass Radu Lupu am Ende eines brutto kaum anderthalbstündigen Konzertes keine Zugabe mehr nachreicht. Der Applaus hätte es hergegeben. Und die beseelten bis entrückten Gesichter im Publikum allemal.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.05.2014

Korfmacher, Peter

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