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Zauberisch zart

Zauberisch zart

Was für eine Stimme! Wunderweich entkleidet sie in Johann Adolf Hasses "Se mai senti spirarti sul volto" aus der auch von Mozart komponierten Metastasio-Oper "La clemenza di Tito" die Seele, die in "Siam navi alle onde" aus "L'Olimpiade" (ebenfalls von Metastasio getextet) so virtuos Schiffbruch erlitt.

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Countertenor Max Emanuel Cencic in der Oper Leipzig.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Warm, edel, zurückhaltend kostbar klingt der Countertenor Max Emanuel Cencics beim Pfingst-Gala-Konzert in der Oper Leipzig. Nichts Schrilles ist darin, nichts Künstliches, nichts Hysterisches. Wenn Barockoper ihre überzeitliche Wirkung entfalten kann, dann so gesungen.

Was für eine Spielkultur! Was das Neue Bachische Collegium Musicum unter der Leitung des geigenden Albrecht Winter da beispielsweise in Gottlob Harrers D-Dur-Sinfonie an federnder Eleganz aufspürt oder wie die vornehmlich aus den Reihen des Gewandhausorchesters rekrutierten Musikerinnen und Musiker den Synkopenzauber des Vor- und Orchesterzwischenspiels aus Johann Abraham Peter Schulz' Oper "Athalia" beleben, das bringt die Klangfülle der modernen Instrumente mit der agilen Präzision der aufführungspraktischen Informiertheit sinnlich zusammen.

Gestalten ein solcher Sänger und ein Instrumentalensemble mit solchem Potenzial gemeinsam ein Konzert mit dem überdies vielversprechenden Präfix "Gala", dann steigen die Erwartungen ins Uferlose. Und bereits das mag einer der Gründe dafür sein, dass sie auf langen Strecken dann doch enttäuscht werden in der mau besuchten Oper am Samstagabend.

Das hat vielfältige Gründe. Der erste mag darin liegen, dass die Ausschnitte aus Opern des großen Sachsen Hasse, dem Cencic dieses Konzert widmet, bei allen Kontrasten der Affekte auf die Dauer dann doch ein wenig monochrom daherkommen. Überdies hatten Solist und Orchester offenkundig nicht allzu viel Zeit, sich aufeinander einzulassen. So steuert bisweilen jeder für sich auf zweifelsfrei hohem Niveau das Seine bei. Doch zumindest in der ersten Halbzeit bleibt es eher die Ausnahme, wenn Stimme und Instrumente wirklich gemeinsam die Emotionen sublimieren.

Das liegt auch dran, dass Cencic auf weiten Strecken nicht das Publikum, sondern die Lose-Blatt-Sammlung seiner Noten ansingt. Und weil das Partitur-Ausdrucke sind, auf die Seiten also jeweils nur wenige Takte passen, beschäftigt ihn das Blättern schon sehr. Nach Gala sieht derlei nicht aus, und aufs Musizieren wirkt es sich recht ohrenfällig aus. Man mag es ihm nachsehen. Cencics Repertoire ist riesig. Es ist abseitig, und das Programm für Leipzig handverlesen.

Das alles relativiert sich in der deutlich dichteren zweiten Hälfe: Hier ist Cencic bisweilen auswendig unterwegs, und sofort rastet der Klang ein. Der Sänger reagiert subtiler aufs Orchester, fordert selbst mehr Farben und Details ein, die Winter und die Seinen prompt liefern. Und so erfüllen die letzten Arien des Programmes und die beiden des Zugabenblocks dann doch noch die hochtrabenden Erwartungen, die auch Cencics aktuelle Hasse-CD "Rokoko" nährte.

Angesichts der zauberischen Zartheit dieser herrlichen Stimme, seiner fein gewirkten Koloraturen, der herrlichen Bögen, der berückenden Natürlichkeit der Gestaltung und der vor innerer Energie brodelnden und glänzenden Begleitung durchs NBCM ist am Ende auch der stehende Jubel angemessen.

CD-Tipp: Max Emanuel Cencic: Rokoko, Opern-Arien von Johann Adolph Hasse (Decca).

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.06.2014

Peter Korfmacher

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