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Kultur Zeit der Taschentücher: Art Garfunkel im Gewandhaus gefeiert
Nachrichten Kultur Zeit der Taschentücher: Art Garfunkel im Gewandhaus gefeiert
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10:02 06.06.2018
Spickzettel, Biografie und Taschentücher: Art Garfunkel im Gewandhaus. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Dass man auf diese Pointe vergeblich warten würde, war klar: Dass irgendwann doch noch Paul Simon mit der Gitarre zur Tür hereinkäme. Er ist am Montagabend irgendwie dennoch die ganze Zeit da im ausverkauften Gewandhaus, beim Konzert von Art Garfunkel. Er ist die Stimme von Simon & Garfunkel, jenem chronisch zerstrittenen, sich über die Jahrzehnte aber immer mal wieder kurzzeitig zusammenraufenden Duo, das sich ganz am Anfang wohl nicht nur wegen des Größenunterschieds „Tom and Jerry“ nannte. Überraschungen gibt es an diesem Abend aber dennoch.

Der New Yorker, 76 ist er inzwischen, kommt in blauem Pulli und Jeans, mit clownesker Coolness und einem Buch in der Hand auf die Bühne und hält erst mal eine kleine Rede – darüber, dass er süchtig sei danach zu singen, dass er eine Autobiografie verfasst habe, in das Leben verliebt sei und sein Publikum: „So lange ihr da seid, bin ich hier“. Dann singt er das melancholische „April Come She Will“ von 1965 über das Auf und Ab einer Liebe, die sich einen Reim auf die Monate macht. Der Sänger lächelt dazu, streichelt die Luft. Ganz wunderbar zart, wie ein Traum schwebt dieses frühe Lied von Simon & Garfunkel vorüber. Es ist eine Traurigkeit, die nicht runterzieht, sondern eine, die erhebt.

Magische Hymnen aus Paul Simons Feder

Simon & Garfunkel: Natürlich ist das Duo mehr als die Summe seiner Teile. Weder der eine noch der andere bekommt ihn solo hin, den überirdischen Glanz dieser magischen Hymnen aus Simons Feder. Garfunkel kommt ihm an diesem Abend aber sehr nahe, obwohl ihn eine Erkältung plagt, die ihn immer wieder in die Taschentuchbox greifen lässt. Über zehn Klassiker des besten Duos aller Zeiten sind in der Setlist. Sie sind es, die die Zuhörer hören wollen und den einen oder anderen ebenfalls zum Taschentuch greifen lassen. Auch ohne Schnupfen.

Die Goldlöckchen sind Garfunkel abhanden gekommen, seiner Stimme aber nicht der Schmelz. Souverän perlt die Gitarre von Tab Laven. David Mackay darf zuweilen ans Klavier, seine Hauptaufgabe besteht aber darin, aus dem Keyboard diverse Instrumente zuzuspielen, was zumeist recht gut funktioniert, das ohnehin schon süße „Bright Eyes“ von Mike Batt aber überzuckert.

Ovationen gibt es schon früh, nach „The Boxer“. Beim ersten „Lei-La-Lei“ – dem eigentlichen Refrain – steigt Garfunkel stimmlich tiefer ein, so dass man meinen könnte, es hapere dann doch etwas an den Höhen, doch Pustekuchen, in der zweiten Runde geht es hoch wie eh. „But the fighter still remains“, heißt es am Schluss.

Ein Satz, der auch für diesen aus der Entfernung wie eine Mischung aus Dieter Kronzucker und Herman van Veen aussehenden Sänger gilt. 4000 Meilen ist er in 40 Etappen über elf Jahre durch die USA gelaufen, später nahm er sich Europa vor. 2010 hatte er seine Stimme verloren. Er hatte sich übel verschluckt – standesgemäß an einen Stück Hummer – und litt in der Folge an einer Stimmbandlähmung. Mühsam trainierte er seine Stimme, kämpfte sich zurück auf die Bühne, mit wechselndem Erfolg. Noch 2015 war in einer Konzertkritik von der „Selbstdemontage einer Legende“ die Rede.

Jetzt ist sie wieder hergestellt. Charmant hebt er das zu Unrecht etwas in Vergessen geratene „A Poem On The Underground Wall“ aus der Versenkung – und dankt dem Abwesenden. „Wirklich gut gemacht, Paul Simon!“ Von der gleichen Platte, nämlich „Parsley, Sage, Rosemary and Thyme“ stammt auch das zauberhafte „Scarborough Fair“, das die drei Musiker so fein und rührend spielen, dass im Publikum Tränen fließen.

Der studierte Mathematiker und Zahlenfreak ist immer in Bewegung geblieben. „Auf dem Weg“ heißen seine „Anmerkungen und Erinnerungen“, die im September auf Deutsch erscheinen. Locker streut er daraus Geschichten ein. Wie die von seinem jüngeren Sohn, der am Morgen einen Globus lautstark durch die Wohnung rollt. Oder von dem Moment, wie er sich als Kind eines Gottesgeschenks bewusst wurde: seiner Stimme.

Garfunkels Sohn James Arthur singt „Unsere Heimat“

Nach der Pause kommt erst einmal ein gewisser James Arthur Garfunkel, sein heute 27-jähriger, in Deutschland lebender Sohn, auf die Bühne und singt „Wednesday Morning 3 A.M.“, um dann das Zonenkinderlied „Unsere Heimat“ anzustimmen, was den Saal in Jubel ausbrechen lässt. Ein bizarrer, ironischer Moment. Dann übernimmt der Vater, mit dem etwas glatten Randy-Newman-Cover „Real Emotional Girl“.

Es folgen emotionale und musikalische Gänsehautmomente mit den Klassikern „For Emily ...“, natürlich „Bridge Over Troubled Water“ und dem herzergreifenden „Kathy’s Song“, den Simon, so Garfunkel, für seine damalige Freundin geschrieben habe. Wenn die beiden in der Fußgängerzone gesungen hatten, sei sie immer mit dem Hut rumgegangen. „Danke, Paul, für diese Schönheit.“

Und danke, Art, für diese wunderbaren Interpretationen. Vor den beiden stehend geforderten Zugaben, unter anderem „Now I Lay Me Down To Sleep“, singt er das Lied, mit dem Paul sein Leipzig-Konzert vor gut eineinhalb Jahren beendet hatte: „The Sound Of Silence“ bringen die Musiker im Mittelteil als stampfende Rocknummer. Kann man machen.

Fast alles andere muss man – gerne wieder im Duett!

Von Jürgen Kleindienst

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