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Kultur Zeitreise in die 60er: Folk-Legende Donovan im Haus Leipzig
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09:01 01.06.2018
Ein Mann, eine Gitarre: Donovan (72) am Mittwochabend im Haus Leipzig. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

Seine Lieder machten glücklich, selbst wenn sie traurig waren – und die Welt wurde besser, auch wenn sie schlecht blieb. Wenn Donovan sang, blieb die Zeit stehen, und die Mädchen schrien. Er war der Träumer der 60er, der Minnesänger, die europäische Antwort auf Bob Dylan. Weil er aber nicht dauernd singen konnte, sind die Uhren dann doch weitergegangen – auch für den 1946 in Glasgow als Sohn eines Arbeiters geborenen Donovan Philip Leitch.

Im Haus Leipzig warten am Mittwochabend ein paar hundert Fans auf den, der ihren Erinnerungen auf die Sprünge helfen und noch einmal den Soundtrack der Jugend anwerfen soll. Heiß ist es im Saal. Gut, dass auf den Sitzen festpappige Werbekärtchen für die diesjährige Stadtbad-Dinnershow liegen, „Passion“ heißt sie. Zusammen mit der Eintrittskarte geben sie einen veritablen Fächer ab.

Pünktlich um 19 Uhr betritt ein netter älterer Herr mit weißgrauer Dürer-Mähne die Bühne, dreht sich einmal keck um sich selbst, genießt den Applaus, lächelt ein Sonnyboy-Lächeln und sagt: „Ich freue mich, dass ihr endlich gekommen seid.“ Was ein bisschen frech ist. Schließlich ist er derjenige der endlich gekommen ist, nachdem er seinen im März geplanten Auftritt wegen eines grippalen Infekts absagen musste. Aber geschenkt. Auch dass er seinen Soundcheck während des Konzerts und nicht nur vorher macht.

Brüchig, verloren im Wind der Zeit

Donovan beginnt mit einem der rührendsten Liebeslieder aller Zeiten, „Catch he Wind“. Dieser Sehnsuchtssong von einem, der sich „in den kühlen Stunden und Minuten der Ungewissheit“ hinter dem Lächeln der Angebeteten verstecken möchte, war sein erster Hit. Im Haus Leipzig offenbart sich nun leider schmerzhaft, warum Donovan anders als andere ergraute Heroen seiner Generation eher selten auf Tour geht: Seine Stimme ist brüchig, verloren im Wind der Zeit. Sein Vibrato, das er früher kontrolliert und vorsichtig einsetzte, ist zum Dauerzustand geworden. Immerhin, das Gitarrespiel, mit dem er die Beatles und Millionen Leser von Gitarrenunterrichtsbüchern inspirierte, klingt wie früher.

Es folgen „The Little Tin Soldier“, eine tragische Spielzeugladen-Romanze zwischen einem einbeinigen Zinnsoldaten und einer Ballerina-Puppe, und Donovans berühmte Farbenlehre „Colours“, die nicht nur den Sänger beswingt. Er wolle an diesem Abend vor allem Titel von seinen ersten beiden Alben aus dem Jahr 1965 singen, erklärt er. Und kündigt später gemütlich-selbstironisch an, dass es eine Pause gebe, da er wie sein Publikum womöglich zur Toilette müsse. Nein, die Mädchen schreien nicht mehr, heute ruft die Blase.

Irgendwann, da hat er bereits „Guinevere“ besungen, fällt ihm auf, dass seine frühen Lieder sehr oft Frauennamen im Titel trügen. Aber, beruhigt er, „ich habe nicht mit allen geschlafen.“ Ob da was mit „Jennifer (Juniper)“ lief? Oder mit „Josie“? In dem zauberhaften Song kommt zwar die Natur unter den Kiefern zu ihrem Recht, die Besungene liebt ihn aber nicht. „The long breezes are blowing/ All down the sky into my face/ I’ve a worried kind of feelin’/ That my time has come and gone to waste.“ Es sind solche klaren und glücklich gereimten Zwei- bis Dreiminüter, die Donovan unsterblich machen. Die Zeit war noch zum Verschwenden da. Man dachte nicht an die Zukunft, und genau deswegen gab es sie.

Die Reise zum Yogi und die schöne Geraldine

Hier, im Haus Leipzig wird sie zur Vergangenheit, zur Geschichte mit Geschichten, die Donovan immer wieder zu den Liedern einstreut. Vielleicht, weil er sie nicht mehr so für sich sprechen lassen kann wie einst. „There Is a Mountain“, erinnert er sich, sei unter dem karibischen Einfluss in Londons Portobello Road entstanden. Das Feeling, ganz weg ist es nicht, der Saal klatscht immerhin mit – so wie später bei „Mellow Yellow“, dem die Leichtigkeit auch nicht abhanden gekommen ist. In die Pause geht es mit „Donna Donna“.

Mit Buffy Sainte-Maries kluger Anti-Kriegs-Hymne „Universal Soldier“ eröffnet Donovan die zweite Hälfte, der Saal jubelt. Und der Mann auf der Bühne kommt ins Plaudern. Darüber, dass er auch Maler gewesen sei – wie John Lennon, Joni Mitchell oder Pete Townshend. Wie er „Geraldine“ mit dem rabenschwarzen Haar, den Stiefeln und dem Rollkragenpullover am anderen Ende der Bar beobachtete und musikalisch anhimmelte. Erwähnung finden auch seine Chartplatzierungen, als müsse er sich der eigenen Bedeutung vergewissern. Und dann habe der Sender Sky einen Film über ihn gedreht – 50 Jahre nachdem er mit den Beatles nach Rishikesh in Indien gereist ist, wo man an einem Meditationskurs des Gurus Maharishi Mahesh Yogi teilnahm. Es sei wichtig, von innen nach außen zu sehen, nicht von außen nach innen, sagt er. Ommmmm ...

Musiziert wird auch noch. Beim „Hurdy Gurdy Man“ passt Donovans Natur-Vibrato ganz vorzüglich. Bei der einzigen Zugabe, „Atlantis“, seinem meistverkauften Song in Deutschland, eher nicht.

Nach dem Konzert ist die Welt nicht besser geworden, aber rund zehn Grad kühler. Es hat geregnet.

Von Jürgen Kleindienst

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