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Ziemlich gemütlich: Richard Wagners "Das Liebesverbot" feiert Premiere in der Oper Leipzig

Ziemlich gemütlich: Richard Wagners "Das Liebesverbot" feiert Premiere in der Oper Leipzig

Ziemlich erbarmungswürdig sieht er aus, Friedrich, des deutschen Königs Statthalter in Palermo, der den Karneval verbot und die Liebe.

Und den das Volk nun gleich doppelt erwischt hat: Auf Freiersfüßen ist er der Nonne Isabella nachgestiegen, dachte er, denn eigentlich hatte er ein Tête-à-tête mit seiner verstoßenen Frau Mariana; überdies steht er in Frauenkleidern auf der Bühne. Denn dass er karnevalistisch aufgebrezelt zum Techtelmechtel erscheine, das hatte Isabella zur Bedingung gemacht.

Nun ist er also blamiert, als Verräter und Intrigant entlarvt und das Einzige, was ihm noch einfällt ist: die Merkel-Raute. Doch wie im richtigen Leben wird für Friedrich alles gut: Das Volk verzeiht ihm, derweil es in Reihe umfällt. Nur Marianna ist schon wieder einsam und verlassen, doch für ihr Leid haben die letzten D-Dur-Schläge, die da in spontanen Begeisterung im Parkett und auf dem Rang münden, keine Töne mehr bereit. Wo gejubelt wird, da fallen Späne.

Nun ist sie also in Leipzig angekommen, die Produktion von Richard Wagners zweiter Oper "Das Liebesverbot". Die bei den Bayreuther Festspielen beim Publikum abräumte und im Feuilleton. Ddie geeignet sein könnte, dem Blick auf das Leipziger Genie zu verändern. Denn "Das Liebesverbot" zeigt uns einen geistreichen Schelm, einen Komponisten, der sich schamlos seine Ideen zusammenklaute zwischen Rossini und Adam, der aber in seltenen lyrischen Momenten auch schon einmal seine weiten Bögen ausschwingen lässt, die später so berauschend von großen Gefühlen künden, hier aber noch seltsam ungelenk im Uneigentlichen klemmen.

Die Reaktionen im Saal zeigen, dass die Rechnung aufgeht. Spätestens im zweiten Akt nimmt die Oper Fahrt auf. Regisseur Aron Stiehl fasst hier in kurzen Dialog-Szenen zusammen, was Wagner in vielen hundert Takten und ungezählten holpernden Reimen uns erzählte, dreht die Intrige in die Farce, lässt Ballett tanzen und mit dem Nudelholz prügeln, setzt funkelnde Pointen und dreht den Spaß ins derb Absurde. Natürlich ist die Wirkung der Kostüme Sven Bindseils sicher, die zwischen Steinzeit-Zoo und Rokoko-Tunte ein Panoptikum durchgeknallter Typen zeigen, funktioniert (obwohl es im ersten Akt mal klemmt und birst) auch die Bühne Jürgen Kirners mit ihren Welten der Wollust (Urwald), Regulierungswut Friedrichs (Registratur) und Reinheit (leuchtendes Kreuz auf weißem Hintergrund im schwatzen Rahmen) wieder.

Und doch: Nach dem sprudelnden Feuerwerk, das die Leipziger Oper in Bayreuth abbrannte, ist diese Premiere eine ziemliche Enttäuschung. Denn vor der Pause kommt die Sache nicht in Schwung. Was vor allem Matthias Foremny zu verantworten hat, der die musikalische Leitung von Constantin Trinks übernommen und vieles anders gemacht hat.

Mit den ersten Tönen der Premiere wird das bereits deutlich: Molto vivace hat Wagner als Tempobezeichnung über die Ouvertüre geschrieben, was "Sehr lebhaft" bedeutet und von Trinks mit "Verdammt schnell" übersetzt worden war. Foremny dagegen nimmt's als "Ziemlich gemütlich" und versenkt so all die sprudelnde Energie, die doch durch den ganzen Abend tragen müsste, im lethargischen Gestus eines Hördiktats. Anfangs stemmen sich die Musiker des Gewandhausorchesters noch dagegen, versuchen zu treiben. Doch Foremny steht beharrlich auf der Bremse, gewinnt den Zweikampf gegen das Orchester - und der junge Richard Wagner geht als Verlierer vom Feld.

Foremny setzt nicht auf italienischen Buffo-Esprit, nicht einmal auf deutschen Spielopern-Witz, traut der gekonnt geklauten Frische des Werks nicht über den Weg und sucht stattdessen nach klingenden Hinweisen auf den reifen Wagner sucht. Aber die aufzuspüren, entschädigt keineswegs für die Fesseln, die er dafür nicht nur dem Orchester, sondern auch den Sängern anlegt. Vor allem Alessandro Zuppardos Chor, von Stiehl detailversessen durchchoreographiert und in Bayreuth noch spielwütig quirlend, leidet darunter, dass die Bewegungsabläufe in Zeitlupe nicht mehr einrasten. Leichter zu spielen (im Orchester kommt es immer wieder zu Timing- und größeren Problemen, die nicht nur von Foremny zu verantworten sind) wird es dadurch nicht. Und leichter zu singen schon gar nicht.

Dabei wird schön gesungen an diesem wegen der Tempi etwas längeren Abend. Operndirektorin Franziska Severin entschuldigt zwar vor Spielbeginn die erkältete Christiane Libor. Aber wie die Sopranistin die riesige Partie der Isabella mit Seelenwärme auflädt und mit Schalk, mit Koloraturen panzert, durch die menschliche Wärme hindurchscheint, das bedarf keiner Relativierung. Es ist rundum wundervoll. Gleiches gilt für den bigotten Schwerenöter Friedrich, den Tuomas Pursio mit seinem prachtvollen metallenen Bariton zwar als sinnenfeindlichen Machtmenschen anlegt, ihm dabei aber nicht die Sympathie versagt. Die Tenöre Mark Adler und Daniel Kirch funkeln als Luzio und Claudio um die Wette, Magdalena Hinterdobler singt und spielt eine lebensprall kokette Dorabella, Anna Schoeck rührt als Mariana zu Tränen, Reinhard Dorn hat als Brighella zwar offenhörlich mit einem (unangesagten) Infekt zu kämpfen, ist als Sängerdarsteller aber ein urkomisches Naturereignis. Was für Martin Petzold, der seinen geschmeidig leichten Tenor Pontio Pilato leiht, ohnehin und immer gilt.

Das reicht für einen netten Abend mit einer netten Jugendsünde Richard Wagners. Und hätte man nicht in Bayreuth erleben können, wie viel mehr Potenzial in dieser Produktion steckt ...

iVorstellungen: 12., 16. Oktober, 1. März, 28. Mai. Karten und Infos unter Telefon 0341 1261261; www.oper-leipzig.de, die Besprechung der Bayreuther Premiere und ein Interview mit dem Regisseur Aron Stiehl finden Sie unter www.lvz-online/download.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.10.2013

Peter Korfmacher

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