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Ziemlich nahe am Abgrund: das neue Coldplay-Album

Ziemlich nahe am Abgrund: das neue Coldplay-Album

Als sei ihre Trennung eine Pilates-Übung: Als Gwyneth Paltrow und Chris Martin am 25. März das Ende ihrer Ehe bekanntgaben, lautete die Überschrift ihrer gemeinsamen Nachricht "Conscious Uncoupling".

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Chris Martin, Sänger der britischen Band Coldplay, beim weltweit ersten von sieben Konzerten zur Veröffentlichung ihres neuen Albums "Ghost Stories" im E-Werk in Köln.

Quelle: dpa

Leipzig. Die Oscar-Preisträgerin und der Popstar "entkoppeln" sich "bewusst". Diese Art auseinander zu gehen, so sensibel, sanft, harmonisch, so korrekt, die passt auch gut zu Martins Band Coldplay.

Diese Woche erscheint "Ghost Stories", das Coldplay-Album zur Trennung. Doch hätte der neun neuen Songs nicht bedurft: Die Band hatte bereits 2002 ihr ultimatives Lied über den schmerzlichen Prozess des Loslassens veröffentlicht: Besser als in "The Scientist" kann man Leere, Nachtrauern, Verklären und die Illusion, dass eine Versöhnung noch möglich ist, nicht beschreiben.

Andererseits glaubt der 37-jährige Martin die Liebe seines Lebens verloren zu haben, weil er sich, wie er sagt, nicht weit genug für sie öffnen konnte - eine existenzielle Erfahrung, die es wert ist, ausführlich besungen zu werden. Im Interview sieht er das Gute an seiner seelischen Verletzung: "Gebrochen zu werden, das sollte jeder im Leben mal durchmachen."

Zuletzt hatten sich der Sänger und seine drei Kumpel als kunterbunte Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band inszeniert - wie einst die Beatles. In ihren Konzerten warfen sie Konfetti. Ihre Botschaft: Das Leben kann leicht sein - trotz aller Schrecklichkeiten. Sie schafften es damit bis ins hellste Rampenlicht der Welt: Denn die Gruppe spielte 2012 bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele. Gigantischer geht es nicht.

Mit ihrem neuen Album verziehen sich Martin, Jonny Buckland, Guy Berryman und Will Champion ins Halbdunkel. Die November-Stimmung von "Ghost Stories" erinnert an das Coldplay-Debüt "Parachutes" aus dem Jahr 2000. Vielleicht haben die vier auch erkannt, dass sie es mit ihrem Kitsch und Pathos übertrieben haben. Die Band nimmt sich nun etwas zurück. Mehrere der neuen Songs sind minimalistisch instrumentiert. Eine einzige staubige Snare Drum führt durch "Magic". Martins Stimme ist voller Soul. Und man ahnt, dass Gwyneth und Chris nie wieder zusammenfinden werden.

Auch beim spacigen "Midnight" verzichtet die Band aufs hämmernde Klavier und die himmelsstürmende Gitarre. Stattdessen tönt eisige Elektronik. Martins Stimme ist getunt. Sie hört sich nicht nach Martin an, sondern nach Justin Vernon, der wiederum nicht bei seiner Band Bon Iver, sondern bei Radiohead singt.

Auch eine Dance-Pop-Nummer wie "A Sky full of Stars" hat man von Coldplay bisher noch nicht gehört. Sie könnte genauso von Rihanna sein. Der Text ist zwar Poesiealbum-Plunder, aber man kann prima darüber hinwegtanzen. Und das werden eine Menge Coldplay-Fans tun, denn ihnen geht es um die Gefühle, und zwar um die ganz großen. So ist das im Schlager.

Den Ehering hat er schon abgestreift. Aber was soll er bloß mit dem Together-throu-Life-Tattoo machen, das in sein Herz gestochen wurde? Das fragt er sich in dem Song "Ink". Abschrubben funktioniert ja nicht. Ewig jammern auch nicht. Eine Lösung bietet das neunte und letzte Lied. Es heißt "O", vielleicht, weil es kaum einen Coldplay-Song ohne Martins Markenzeichen, ohne Oooooh- oder Aaaaah- oder Uuuuuh-Verzierungen gibt. Und weil die Band auf "Ghost Stories" ziemlich nahe am Abgrund zu Selbstmitleid und Weinerlichkeit balanciert.

Deshalb schadet die dezente Selbstironie dem Album ganz gewiss nicht. Und schließlich, weil der Name Paltrow, wenn man ihn ausspricht, auf "O" endet. Mit dieser tollen Piano-Ballade lässt er Gwyneth endlich los. "Fly on", singt er - und damit ist es dann auch gut.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.05.2014

Mathias Begalke

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