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Kultur Zukunft auf Rädern: Im Leipziger Grassimuseum wird das Fahrrad neu erfunden
Nachrichten Kultur Zukunft auf Rädern: Im Leipziger Grassimuseum wird das Fahrrad neu erfunden
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09:34 27.06.2017
Museums-Volontärin Theresa Stiller zeigt den „Klein Laster“ der Designerin Nele Dittmar aus Halle.   Quelle: Christian Modla
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Leipzig

 Anfahrt zur Pressekonferenz am Johannisplatz – mit dem Rad: an zwei Stellen ist der Radweg zugeparkt, dann ist er einfach weg, einmal hätte ein Auto fast die Vorfahrt genommen. Hier und da strömt eine Überdosis Dieselruß in die Lunge. Derlei ist Radler-Normalität in Leipzig, das in Sachen Fahrradkultur ungefähr so weit ist wie jüngst der Kirchentag: auf dem Weg. Wo es hingehen könnte und sollte, zeigt ab Mittwoch, 19 Uhr, die Ausstellung „Bikes! Das Fahrrad neu erfinden“ im Grassimuseum für Angewandte Kunst. Ein wichtiges und akutes Thema hat das Museum da auf die Kette bekommen – angesichts gerade in Leipzig stark wachsender Pkw-Zahlen und einer Verkehrspolitik, die bundesweit den Entwicklungen eher hinterherradelt als sie zu gestalten.

Vor genau 200 Jahren war es, als der Mannheimer Karl Freiherr von Drais das Ur-Fahrrad, ein lenkbares Laufrad entwickelte. Als Sabine Epple, Kuratorin der Ausstellung, 2014 die ersten Überlegungen dazu anstellte, war ihr gar nicht bewusst, dass 2017 dieses Jubiläum anstand. Das sei reiner Zufall gewesen, erzählt sie. Was darauf hindeutet, dass die 200 Jahre alte Erfindung aktuell ist wie nie. Was wiederum die Schau sehr schlüssig belegt: Zu sehen sind über 60 Fahrradmodelle aus den vergangenen zehn Jahren und Rad-Prototypen aus Europa und Übersee – Lastenfahrräder, E-Bikes mit neuartigen Antrieben, Falträder, Modelle aus Bambus und Carbon oder so genannte Fatbikes, mit denen man auch mal längs über Straßenhahnschienen fahren kann.

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Faltrad "Strida" Ming Cycle (Taiwan)

Designstudie für 200 000 Euro

Die Exponate kosten von einigen hundert Euro für Kindermodelle bis zu rund 13 000 für das „Babel Bike“ aus Großbritannien, das der Hersteller als eines der sichersten Räder der Welt bezeichnet – unter anderem mit abnehmbaren Hartschalen-Schutzgehäuse, Gurt und Überrollbügel. Die auf 200 000 Euro taxierte Designstudie „visionsbike“ der Berliner Firma Brose Antriebstechnik verfügt über elektronisch einfahrbaren Sattel und Lenker. Eine Gummikralle blockiert das Hinterrad, sobald das futuristische Gefährt abgestellt wird. Auch wenn sich manches davon eher nicht auf dem Markt durchsetzen dürfte: „Dem Fahrrad gehört die Zukunft“, sagt Museumsdirektor Olaf Thormann. Wie die meisten seiner Mitarbeiter fährt er „fast immer“ auf zwei Rädern zur Arbeit. Und es sei wichtig, das Museum auch zum Diskursraum zu machen – für aktuelle gesellschaftliche Themen, fügt er hinzu.

Die Ausstellung schaut nur selten historisch zurück, richtet den Blick klar auf das Heute, dokumentiert mit umfangreichen Rahmenprogramm sowie reichhaltigem digitalen Informationsmaterial Auswege aus dem Verkehrsinfarkt und zeigt, dass Fahrräder nicht nur praktische Fortbewegungsmittel sind, sondern auch Persönlichkeits-Ausdruck – und Angewandte Kunst. „Wir wollen die Schönsten ihrer Art zeigen“, meint Epple mit Blick auf elegant geschwungene Rahmen und Formen, die ihr Innenleben ästhetisch verhüllen.

Der Weg durch die Schau beginnt mit dem Schwerpunkt „Stadtraum und Fahrrad“, blickt hier etwa auf Mietradsysteme, die gerade die halbe urbane Welt erobern und wie sie die Leipziger von „Nextbike“ anbieten, oder E-Bike-Ladestationen. Auch das Thema Sicherheit findet statt, zu sehen sind die „Leipziger Bügel“, mit denen in der Stadt immer mehr Abstellmöglichkeiten geschaffen werden. Frappierend ist eine Erfindung des Leipziger Unternehmens Texlock, ein textilbasiertes, leichtes Fahrradschloss, dem nach eigenen Angaben mit Feuer, Schnitt- und Schlagwerkzeugen nicht beizukommen ist. Ab Oktober soll das „Tex-Lock“ lieferbar sein.

Keine Last mit der Last

Der Abschnitt „Pendeln mit dem Fahrrad“ präsentiert E-Bikes und Falträder wie das „Birdy“ von Riese & Müller, das in 4,9 Sekunden aufgebaut werden kann – Weltrekord. Ein weiteres Thema ist der Transport – unter anderem mit dem „Klein Laster“ der jungen Designerin Nele Dittmar aus Halle, ein Lastenrad, das nur 17 Kilo wiegt – mit Kettenlenkung und einem abnehmbaren Transportkasten, auf dem sich Wasserkisten und Kartoffelsäcke befördern lassen. Andere Lastenräder bieten Neigetechnik oder können wie das E-Trike der Deutschen Post sechs Mal so viele Pakete und Briefe mitnehmen wie seine Vorgänger.

Der Schwerpunkt „Fahrrad für alle“ präsentiert das Rad generations und geschlechterübergreifend, „Radkult – Kultrad“ zeigt es als Ausdrucksmittel und Statussymbol. In die „Zukunft“ geht es unter anderem mit dem nachwachsenden Rohstoff Holz wie bei dem Damenrad „Pra“ mit einem in Handarbeit gefertigten Rahmen aus Bambus – eine Kooperation eines Kieler Unternehmens mit einem sozialen Projekt in Ghana. Faire Löhne für schöne und praktische Räder. Win-Win nennt man das wohl.

Faszinierend einfach ist der Steckantrieb „Relo“, mit dem sich fast jedes Rad in ein E-Bike umfunktionieren lässt. Ein Modul für ein Lastenfahrrad mit Brennstoffzelle hat das deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt zur Verfügung gestellt. Man muss nicht immer in die Luft gehen, auf der Erde ist genug zu tun.

„Bikes! Das Fahrrad neu erfinden“ im Grassimuseum für Angewandte Kunst Leipzig (Johannisplatz 5–11); Eröffnung, Mittwoch, 19 Uhr; bis 1.10., geöffnet Di–So 10–18 Uhr; Begleitbuch (192 Seiten, 29,90 Euro); Eintritt: 8/5,50/4 Euro, bis 18 Jahre frei

Von Jürgen Kleindienst

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