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15:58 19.12.2017
Der Schriftsteller Heinrich Böll in seiner Kölner Wohnung im Dezember 1977. Quelle: dpa
Köln

Ein Interview mit Jörg Ratjen, der in der Kölner Uraufführung von „Ansichten eines Clowns“ die Hauptrolle spielt.

Sie spielen die Hauptrolle in der Kölner Uraufführung nach Heinrich Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“. Ihre Figur Hans Schnier ist ein Komiker, der nach einer gescheiterten Beziehung Bilanz zieht und der bundesrepublikanischen Gesellschaft den Spiegel vorhält. Eine Aussage lautet: „Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke.“ Was verbinden Sie damit?

Ich denke an Hans Schnier als jemanden, der sich aus der Situation rausnimmt und daher kritisch von außen den Moment besonders beschreiben kann.

In dem zentralen Werk der Nachkriegsliteratur geht es um die Heuchelei einstiger Nazi-Sympathisanten, um Verdrängung und die Erstarrung kirchlicher Strukturen . Der Roman wurde erst jetzt zum ersten Mal auf die Bühne gebracht. Was macht die Aktualität aus?

Der Regisseur Thomas Jonigk hat die Inszenierung bewusst nicht in die Gegenwart gelegt, sondern vom Zeitpunkt der Bucherscheinung aus gedacht. Damals ging es auch um die Frage der Zivilcourage innerhalb der Familie. Thomas Jonigk hat sozusagen den Finger in die Wunde gelegt und sich gefragt, wohin das führt. Das gibt es ja heutzutage auch: Vieles wird öffentlich kritisiert, aber es werden keine Verbesserungsvorschläge geliefert. Zudem ist die Debatte um den Nationalsozialismus heute aktueller denn je.

Lässt sich Heinrich Böll wie Hans Schnier als Hofnarr der bürgerlichen Gesellschaft verstehen?

Wenn man den Hofnarren im Sinne Shakespeares begreift, der seinen Narrenfiguren stets die größte Hellsichtigkeit geschenkt hat, dann kann man Heinrich Böll vielleicht als Hofnarren der bundesrepublikanischen Gesellschaft betrachten.

Jörg Ratjen als Hans Schnier. Quelle: Kölner Schauspiel

Bölls Werke sind geprägt von seinen Zeitzeugenerfahrungen: Zweiter Weltkrieg, Nachkriegsnot, Restauration, Wirtschaftswunder, die RAF und Notstandsgesetze. Teilen Sie die These, dass seine Texte wie der mit dem Nobelpreis prämierte Roman „Gruppenbild mit Dame“, in dem es unter anderem um Ausgrenzung von Personengruppen geht, gerade in Zeiten erstarkender rechter Kräfte erschreckend heutig wirken?

Absolut. Die Sehnsucht nach einer Gruppenzugehörigkeit, einer irgendwie als „stark“ empfundenen Identität, die sich auch wesentlich über die Abgrenzung zu anderen und der Ausgrenzung anders Denkender, anders Sprechender, anders Aussehender, anders Glaubender oder sonstwie anderer definiert, ist gegenwärtig wieder sehr ausgeprägt.

Böll setzte sich für oppositionelle Schriftstellerkollegen aus der DDR ein und mahnte früh, den Osten nicht abzuhängen. Wäre er von den Entwicklungen seit der Wende enttäuscht?

Darüber kann man nur spekulieren. Heinrich Bölls Werk ist geprägt von einem zugleich nüchternen und mitfühlenden Blick auf unser menschliches Treiben. Wahrscheinlich hätte er die Schritte, die im vergangenen Vierteljahrhundert in eine gemeinsame Richtung gegangen wurden, genauso registriert wie die Missverständnisse, Fehltritte und Versäumnisse, die in einem so sensiblen Prozess nicht ausbleiben.

Böll war streitbar und äußerte sich immer wieder politisch, wurde aber auch oft missverstanden, zum Beispiel als Terrorsympathisant, als er sich während des Deutschen Herbstes gegen eine Vorverurteilung von Ulrike Meinhof aussprach. Bölls Sohn René sagt, dass die Familie zu dieser Zeit in einigen Restaurants und Geschäften nicht bedient wurde. Verkörperte Böll am Ende die Rolle des Intellektuellen als einsamen Clown?

Soweit ich weiß, war Heinrich Böll – bei aller Ausgrenzung, die er erfuhr – zeit seines Lebens eingebunden in ein stabiles Netzwerk aus Nahestehenden, Familienmitgliedern, Freunden, später Kollegen. Und er war in jenen Jahrzehnten ja zum Glück nicht der einzige Intellektuelle, der sich offen am politischen Diskurs beteiligte. Die Einsamkeit mag also eine Frage der Perspektive sein.

Böll, der Abtrünnige

Ein Radioredakteur sammelt die Leerstellen auf den Bändern, die Pausen zwischen zwei Sätzen, das Zögern. Er schneidet die stummen Passagen heraus und verwahrt sie. Die satirische Erzählung „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ (1958) lässt sich als Quintessenz von Heinrich Bölls Werk verstehen, der am 21. Dezember vor 100 Jahren in Köln geboren wurde. Denn das beredte Schweigen spielt dort eine zentrale Rolle. In Romanen wie „Und sagte kein einziges Wort“ (1953) porträtiert der Schriftsteller mit der Baskenmütze eine Nachkriegsgesellschaft, die die Gräuel der jüngsten Vergangenheit aus dem Gedächtnis tilgen wollte. Böll selbst jedoch brach die Stille, kritisierte schon früh einen unbarmherzigen Materialismus im Angesicht des Wirtschaftswunders oder die Einschränkung von Rechten im Zuge der Notstandsgesetze und engagierte sich als Präsident des deutschen wie internationalen PEN-Zentrums für Kollegen in Ost und West.

Um seine öffentliche Rolle als moralische Instanz neben Kollegen wie Günter Grass und Martin Walser hat sich der Schriftsteller nicht beworben, wie die neue Biografie der Heinrich-Böll-Stiftung (erschienen im Theiss-Verlag) nahe legt. Die aktuelle Monografie „Heinrich Böll und die Deutschen“ von Ralf Schnell (Kiwi) analysiert das komplizierte Verhältnis eines der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts zu seinem Land.

Als erster deutscher Schriftsteller wurde Böll nach dem Zweiten Weltkrieg 1972 der Nobelpreis für Literatur zuteil. In der Begründung wurde er zum Stellvertreter der Nachkriegsschriftsteller ernannt, es ist von der „Lebensluft, die seine Generation atmen musste, dem Erbe, das sie anzutreten hatte“, die Rede. Doch Böll war im besten Sinne eigensinnig, ließ sich von keiner Seite vereinnahmen, auch nicht von denen, die ihn als Repräsentant feiern wollten. Das Bundesverdienstkreuz lehnte er 1979 ab. Seinen Satz, „dass Menschwerdung dann beginnt, wenn einer sich von der jeweiligen Truppe entfernt“ (aus der Erzählung „Entfernung von der Truppe“, 1964), ist programmatisch zu verstehen: Böll näherte sich der Adenauer-Republik aus der Perspektive eines Abtrünnigen.

Diese streitbare Toleranz hat Theodor Adorno anlässlich Bölls 50. Geburtstag als „ungedeckte Position“ bezeichnet. Selbst die Stasi hat in ihrer Böll-Akte die Unberechenbarkeit des Schriftstellers betont, der zwar als links galt, aber Katholik war, dann wieder in „Ansichten eines Clowns“ (1963) die Heuchelei der Institution Kirche entlarvte.

Böll misstraute den Mächtigen und sprach sich dafür aus, dass rechtsstaatliche Standards auch für RAF-Anhänger galten. Der Ruf als Terrorsympathisant verfolgte ihn zu Unrecht. Gerade erst hat die „Zeit“ einen Antwortbrief Bölls an den RAF-Anwalt Horst Mahler aus dem Jahr 1972 ausgegraben, in dem sich der Schriftsteller gegen dessen Gewaltphilosophie aussprach, die niemals im Sinne des Volkes sein könne.

Gern würde man wissen, was der Mann mit der charakteristischen Zigarette in der Hand über die Bedrohung durch den IS zu sagen hätte. Oder zur Lügenpresse-Diskussion - er, der er in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974) die Boulevardpresse geißelte, dem aber die Freiheit des Wortes „immer das Wichtigste“ war, wie seine Enkelin Samay Böll jüngst über ihn sagte. In der Abgeschiedenheit Irlands fand Böll einen Zufluchtsort, im „Irischen Tagebuch“ (1957) beschreibt er das einfache Leben dort als Ideal.

Rund 2500 Texte hat Böll bei seinem Tod im Jahr 1985 hinterlassen, sein Sohn René hat einmal die Kreativität seines Vater gerühmt, „diese beispiellose Mischung aus Intuition und Kalkül“. Schreiben galt Böll als produktiver Akt, „Träume, Vorstellungen, Ideen zu Papier zu bringen und in gesellschaftliche Praxis umzusetzen“. Sprache und Syntax hat er kunstvoll vereinfacht und gegen den Schwulst und Wortbombast seiner Zeit angeschrieben. Die erst in diesem Jahr veröffentlichten Kriegstagebücher (Kiwi) zeugen davon, wie die sechs Jahre als Wehrmachtsoldat bei ihm das ausprägten, „was auszusprechen verdächtig geworden ist: Gewissen“.

Wer Böll neu entdecken möchte, dem sei die satirische Erzählung „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ (1952) empfohlen. Wie er darin über erstarrte Rituale und Angst vor Veränderung fabuliert, kann auch im Dezember 2017 zur kritischen Selbstreflexion anregen.

Von Nina May/RND

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